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Etwas mehr Realismus, bitte!

Georg Nussbaumer
Georg Nussbaumer
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Wie soll es weitergehen mit unserer Energiepolitik? Relativ weitgehend einig ist man sich darin, dass wir an unserem derzeitigen Energiemix etwas ändern müssen, wollen wir auch nur im Ansatz die Ziele des Pariser Klimaabkommens oder jene der Energiestrategie 2050 erreichen. Bei der nationalen Diskussion, welche Massnahmen dafür nötig sind und welche nicht, sind die Rollen relativ klar verteilt. Wenn es aber darum geht, diese Massnahmen durch den Auf- und Ausbau von nachhaltigen Produktionsanlagen umzusetzen, kommt oft Widerstand aus einer Ecke, aus der man dies im ersten Moment gar nicht vermutet: von Natur- und Landschaftsschutzverbänden.

Wo stehen wir heute? Zurzeit ist die Abhängigkeit vom Ausland enorm: Im Jahr 2019 stammten 74,5 Prozent unseres Gesamtenergieverbrauchs aus dem Ausland, wobei fossile Energieträger den Löwenanteil ausmachen. Wenn wir uns von dieser extremen Abhängigkeit lösen wollen und gleichzeitig die oben genannten Ziele erreichen wollen, müssen wir uns in der Schweiz primär auf zwei Bereiche fokussieren. Einerseits müssen wir unsere Mobilität weitgehend elektrifizieren und anderseits fossile Energieträger als Brennstoff zum Heizen durch das bessere Dämmen unserer Häuser sowie durch die konsequente Nutzung von Abwärme, Erdwärme und anderen CO2-neutralen Energieträgern ersetzen.

Dabei stellt sich die Frage, woher wir in Zukunft diese elektrische Energie CO2-neutral hernehmen wollen.

In letzter Zeit wird oft gefordert, den Bau eines neuen Atomkraftwerkes in Betracht zu ziehen. Dazu nur folgender Fakt: Das finnische Atomkraftwerk Olkiluoto, ein Reaktor des Typs EPR, ist seit 2005 im Bau und sollte ursprünglich im Jahr 2009 ans Netz gehen. Die Kosten wurden ursprünglich mit 3 Mrd. Franken veranschlagt. Das AKW ist bis zum heutigen Tag nicht am Netz. Mann hofft, dass dies nächstes Jahr der Fall sein wird, die Kosten belaufen sich in der Zwischenzeit je nach Quelle zwischen 9 und 12 Mrd. Euro. Neben den exorbitanten Kosten hat sich die Bauzeit inklusive Planung auf weit über 20 Jahre gestreckt. Und das notabene in einem Land, in welchem es damals praktisch keinen politischen Widerstand gegen den Bau von Atomkraftwerken gegeben hat! Man kann sich also fragen, wie sinnvoll es ist, in unserem Land angesichts solcher Fakten und des zu erwartenden politischen Widerstands den Bau eines AKW zu fordern.

Wie aber kommen wir dann zu unserem Strom? Schon heute sind die Stromproduktion mit Wasser, Wind und Solar die günstigsten Produktionsarten. In der Schweiz haben wir eigentlich von alledem genug. Durch das Abschmelzen der Gletscher und der damit schwindenden Retention werden wir gezwungen sein, vermehrt Stauseen zu bauen. Diese Stauseen werden in Zukunft sowohl als Batterien für den Winter wie auch generell als Stromlieferanten dienen und sind zwingend notwendig. Allerdings wissen wir aus Erfahrung, wie schwer es solche Projekte aufgrund des Verbandsbeschwerderechts haben. Namentlich kleinere Verbände wie Aqua Viva und die Schweizerische Greina-Stiftung müssen sich die Frage stellen, wie weit ihre Blockadehaltung, welche sie beispielsweise bei der Erhöhung der Grimsel-Staumauer an den Tag gelegt haben, angesichts der Klimakrise realistisch ist.

Georg Nussbaumer ist Revierförster und CVP-Kantonsrat. Er lebt in Hauenstein.

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