Lockdown
Gärtnerei wegen Coronakrise geschlossen – die Blumen landen auf dem Kompost

Die Treibhäuser sind voll, die Blumen und Pflanzen zeigen sich in schönster Pracht. Doch verkauft werden darf die Ware nicht. Die Existenz so mancher Gärtnereien auch in der Region ist wegen der Coronakrise akut in Frage gestellt.

Daniela Deck
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Die Blumen blühen und wären bereit für den Verkauf
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Doch verkauft werden kann derzeit wegen des Coronavirus nicht.
Jost Pflanzen AG muss Blumen wegwerfen
Ein trauriger Anblick
Martin Jost, Geschäftsinhaber Jost Pflanzen AG «Wenn der Stillstand länger dauert, ist es fraglich, ob wir überleben.»
Blühende Blumen so weit das Auge reicht

Die Blumen blühen und wären bereit für den Verkauf

Hanspeter Bärtschi

Jeden Tag werfen die Angestellten der Jost Pflanzen AG in Wiedlisbach Blumen im Wert von fast 30000 Franken weg. «Ich kann nicht einmal Kurzarbeit anmelden, und ein Bankkredit stellt über Jahre eine ernsthafte Belastung dar», sagt Geschäftsinhaber Martin Jost. Denn: «Unsere einzige Chance besteht darin, neue Pflanzen nachzuziehen und zu hoffen, dass wir sie in einem Monat nicht ebenfalls vernichten müssen.» Dazu benötige er die Kapazität seiner Belegschaft. Jost rechnet in der Coronakrise mit einem Verlust von drei bis vier Millionen. Franken, sofern diese im Mai endet. «Wenn der Stillstand länger dauert, ist es fraglich, ob wir überleben.»

Die Gärtnerei produziert an drei Standorten im Mittelland Topfpflanzen für Grossverteiler und weitere Wiederverkäufer. Die Situation für den Betrieb mit 80 Angestellten ist besonders schlimm, weil er auf den Geschäftszweig spezialisiert ist, in dem alle Abnehmer vom herrschenden Verkaufsverbot betroffen sind. Entstanden ist das Verkaufsverbot ironischerweise durch die Intervention der Floristen, die beim Bund einen unfairen Wettbewerbsvorteil der Grossverteiler monierten, weil diese ihre Pflanzenabteilungen unter dem Notstandsregime weiterhin betrieben.

Trotz seiner besorgniserregenden Lage versteht Jost die Floristen, wie er betont. Etwas kann er nicht verstehen: den Verkaufsstopp für Pflanzen über den Ladentisch. «Jetzt, wo die Leute daheimbleiben sollen, möchten sie sich um ihre Gärten kümmern», argumentiert er. «Pflanzen müssen unbedingt zum Grundbedarf gerechnet werden.»

Die Leute für die Probleme sensibilisieren

Diese Ansicht teilt der Präsident von Jardin Suisse Solothurn, Anton Sonderegger. Er habe in den letzten Tagen mehrere Betriebe im Kanton besucht. Die herrschende Stimmung in der Branche bezeichnet er als «verzweifelt», besonders bei den produzierenden Gärtnereien und den Gartencentern. Sonderegger ist überzeugt: «Die Krise wird einigen Betrieben das Genick brechen.» Denn gerade im Frühling würden die Firmen den Grossteil des Jahresumsatzes machen.

Der Gärtnerverband wolle nun auf nationaler Ebene für die Probleme der Branche sensibilisieren. «Es gibt doch wahrhaftig noch Leute, die meinen, Blumen kämen nur aus Holland. Was hier auf dem Spiel steht, sind Schweizer Arbeitsplätze», enerviert sich Sonderegger. Am besten dran seien derzeit gemischte Betriebe mit einem Standbein im Gartenbau und reine Gartenbaubetriebe. Dieser Geschäftszweig, so Sonderegger, könne unter Einhaltung der Hygienevorschriften weiterarbeiten.

Froh um die Aufträge im Gartenbau

Ein Beispiel für einen solchen gemischten Familienbetrieb ist die Marti Garten AG in Aetingen. Auf der einen Seite Umsatzeinbussen durch den fehlenden Märet in Solothurn, auf der anderen Seite Dankbarkeit für die Aufträge im Gartenbau. «Die Angestellten müssen jetzt einzeln zur Baustelle fahren, und im Garten dürfen während ihrer Anwesenheit keine Kinder mehr spielen. Das lässt sich alles einrichten», sagt Annalis Marti namens der Geschäftsleitung.

Für Blumen und Setzlinge habe man im Umkreis von zehn Kilometern einen Hauslieferdienst eingerichtet. Man profitiere vom ländlichen Umfeld. Dennoch macht der Firma die Ungewissheit zu schaffen. «Die Produktion der Pflanzen geschieht aufs Geratewohl. Niemand weiss, ob wir sie dann tatsächlich verkaufen können.»

Zuwarten im Gartencenter Zuchwil

Im Gartencenter der Wyss Samen und Pflanzen AG in Zuchwil habe man die grosse Wegwerfaktion bisher vermeiden können, sagt Hans Walter Müller. Er ist in der Geschäftsleitung zuständig für den Detailhandel. Im Hinblick auf den Saisonbeginn war das Lager voll bestückt, als die Läden schliessen mussten. «Das ist ein Jammer. Das Bedürfnis zum Gärtnern ist gerade jetzt riesig. Stattdessen pflegen wir nun die Sträucher und Obstbäumchen und hoffen, dass am 19. April wieder Normalität eintritt», erklärt Müller. Der Umsatz im Onlineshop habe derweil «um ein Mehrfaches zugenommen». «Dennoch ist das nie und nimmer vergleichbar mit dem Umsatz in den Gartencentern.»

Verderbliche Sachen wie die Primeln und Stiefmütterchen habe man in den Tagen nach dem 17. März an die umliegenden Alterszentren verschenkt, so Müller. «Das tut allen gut. Die Bewohner freuen sich an den Blumen und wir freuen uns daran, dass die Blumen einen sinnvollen Zweck haben und wir sie nicht wegwerfen mussten.»

Die Stadtgärtnereien kaufen lokal ein

Die Stadtgärtnereien in Solothurn und Grenchen haben aufgrund der Krise ihre Arbeitsabläufe angepasst. Sie unterstützen die leidende Gärtnereibranche, indem sie möglichst viele Pflanzen vor Ort einkaufen. Patrick Schärer, Werkhofchef in Solothurn, sagt: «Sträucher und Bäume beziehen wir bei lokalen Anbietern, Blumen produzieren wir zu 90 Prozent selbst.»

Was die Arbeitsorganisation angeht, so arbeite im Wochenrhythmus jeweils nur die Hälfte der Belegschaft. Aus Sicherheitsgründen würden die beiden Gruppen unterschiedliche Umkleideräume nutzen und unter sich bleiben. So will der Werkhof sicherstellen, dass Reinigung und Entsorgung in der Stadt auch dann erhalten bleiben, wenn Angestellte krank werden sollten. Während des Ausnahmezustands könne es deshalb vorkommen, dass ein Gärtner auf dem «Ghüderwagen» arbeitet.

In Grenchen setzt man auf die strikte Umsetzung der allgemeinen Hygienemassnahmen. Eingekauft werde, wenn immer möglich, lokal, sagt Patrick Nyffenegger, Leiter Stadtgrün, auf Anfrage. Nur für die Aktion «Eine Tulpe fürs Leben» habe man die 300 Zwiebeln im Ausland beziehen müssen. Für die nationale Brustkrebspräventionskampagne wird in Tulpenrabatten jede achte Blume in Rosa angepflanzt; jede achte Frau ist von Brustkrebs betroffen. Letztes Jahr hat Solothurn besagte Aktion durchgeführt, heuer findet diese in Grenchen statt. (dd)