Landwirtschaft
Gang zum Schlachthof bedeutet für Tiere Stress: Firma will mobile Hofschlachtungen anbieten

Die Firma Platzhirsch Hofschlachtungen GmbH aus der Region bietet an, Tiere ab Hof zu schlachten. Die Idee ist schon vor ihrer Umsetzung gefragt.

Noëlle Karpf
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Diesen Anhänger soll ein Tier freiwillig betreten, bevor es betäubt und getötet wird – in seiner gewohnten Umgebung.

Diesen Anhänger soll ein Tier freiwillig betreten, bevor es betäubt und getötet wird – in seiner gewohnten Umgebung.

zvg

24 Tiere leben derzeit auf dem Hof der Familie Strub in Hauenstein-Ifenthal. 10 Mutterkühe, ein Muni, Kälber und Rinder. Die Rassen: Texas Longhorn und Angus. Im Alter von 16 bis 24 Monaten werden die Tiere geschlachtet. Der Hof ist bio-zertifiziert, das Fleisch von höherer Qualität. Das Tierwohl scheint den Betreibern wichtig. Aber: «Wir ziehen die Tiere auf, begleiten sie bis zum Schluss – doch auf dem letzten Gang können wir Stress für die Tiere nicht vermeiden», erklärt Beatrice Strub. Mit dem letzten Gang ist der Gang zum Schlachthof gemeint.

Das Ehepaar Strub lässt seine Tiere im Baselbiet und in Langenthal schlachten. «Der Transport ist weniger problematisch», so Strub. Die Tiere würden gar relativ sorglos einfach in den Anhänger spazieren, dieses blinde Vertrauen stimme dann fast ein wenig traurig, weil man im Gegensatz zu den Tieren genau wisse, wohin die Reise führt. «Wir sind aber kein Gnadenhof; wir verkaufen Fleisch.» Gerne möchte der Betrieb seinen Tieren einen möglichst stressfreien «letzten Gang» ermöglichen. Eine Schlachtung auf dem Hof, in gewohnter Umgebung.

Das soll ab diesem Sommer möglich sein. Einerseits soll die gesetzliche Grundlage auf Bundesebene angepasst werden, die Hof- und Weidetötungen erlaubt. Gleichzeitig gibt es ein Jungunternehmen in der Region, das sich genau in diesem Bereich einen Geschäftszweig aufbauen will: Schlachtungen ab Hof.

Transport fällt weg – Tier ist weniger gestresst

Mischa Hofer, 42, aus Lützelflüh, ist eigentlich gelernter Elektroniker und Erwachsenenbildner. Als er bei einer guten Kollegin auf dem Bauernhof am Jurasüdfuss mithalf, habe es ihm aber den «Ärmel reingenommen», wie er erzählt. So hat sich Hofer mit 40 entschlossen, noch die Lehre zum Landwirten beim Landwirtschaftlichen Bildungszentrum Wallierhof in Riedholz anzufangen. Ab 2021 wird er einen eigenen Biobetrieb führen. Derweil hat sich Hofer in Lützelflüh ein weiteres Standbein aufgebaut. Seit acht Jahren arbeitet er im Fleischhandel. Seit rund einem Jahr verfolgt er dabei mit seiner neu gegründeten Firma Platzhirsch Hofschlachtungen GmbH auch die Idee, Bauern in der Region mobile Hofschlachtungen anzubieten.

Die Idee: Mit einem Anhänger fahren Hofer und sein Team auf einem Hof vor. Bei einem ersten Besuch kann sich das zu schlachtende Tier an den Anhänger gewöhnen. Bei einem zweiten Besuch wird es auf dem Anhänger, den es freiwillig betreten soll, um zu fressen, betäubt und entblutet. Dabei hat das Tier seine Herde, die gewohnte Weide oder den Hof stets im Blick. Das ist laut Hofer wichtig. Zwar folgt egal nach welcher Schlachtungsart am Schluss der Tod des Tieres. «Aber man soll sich durchaus die Frage stellen, wie man das Tier gehen lässt.»

Laut Hofer hat die Schlachtung auf dem Hof drei Vorteile gegenüber der Tötung in einem konventionellen Schlachtbetrieb; genauer gesagt fielen drei Stressfaktoren weg. Erstens müsse das Tier nicht verladen werden. Zweitens folge keine Fahrt – auf der es ruppig zu und her gehen könne, vielleicht auch laut. Und drittens lande das Tier nicht an einem völlig unbekannten Ort, wo es dann geschlachtet wird. «Rinder – Nutztiere allgemein – reagieren sehr sensibel auf fremde Gerüche und Geräusche.»

Die drei geschilderten Abschnitte vom Transport bis zur Schlachtbank könnten beim Tier deshalb Stress auslösen. Das sei einerseits schädlich für das Tierwohl. Und auch für’s Fleisch. «Ist ein Tier gestresst, scheidet es Adrenalin aus. Dadurch verändert sich der PH-Wert des Fleisches, das mindert am Schluss die Qualität.» Unter Umständen habe das Fleisch einen anderen Geschmack, könne zäh werden.

Bereits heute interessierte Betriebe im Kanton

Für eine «Schlachtung mit Achtung» wirbt Hofer auf seiner Webseite. Betriebe, ob Bauernhöfe oder Metzger, die das Angebot der mobilen Hoftötung nutzen, sollen auch das Label «Hofschlachtung Schweiz» erhalten, welches Hofer bereits schützen lassen hat. Wobei die Kundschaft auch kontrollieren kann, ob ein Betrieb wirklich Fleisch von Hofschlachtungen verkauft. Denn: Jede Schlachtung wird gefilmt und lässt sich anhand der Ohrmarken-Nummer des Tieres zurückverfolgen.

Wann die erste Schlachtung im Kanton Solothurn stattfindet, ist noch unklar. Denn: Zuerst muss der Bundesrat noch die entsprechende Verordnung absegnen. Diese erlaubt Hof- und Weidetötungen. Stand heute darf ein Bauer nämlich nicht einfach so auf dem Hof Tiere schlachten. Zudem müsste Hofer noch eine Bewilligung vom Kanton erhalten(siehe auch Box). Dann könnte er beginnen. Vom Tierschutz Schweiz (STS) und anderen Organisationen wie BioSuisse wird die Idee heute schon unterstützt.

Stand heute seien im Kanton zudem bereits ein halbes Dutzend Betriebe interessiert daran, Hofer mit seiner mobilen Schlachtanlage auf ihrem Hof vorbeikommen zu lassen und so Tiere in gewohnter Umgebung töten zu lassen. «Sobald wir die Bewilligung haben und richtig Werbung machen können, wird es nochmals einen Boom geben», ist Hofer überzeugt. Er rechne damit, dass man künftig jährlich eine Anzahl Tiere im «dreistelligen» Bereich im Kanton Solothurn schlachten könne. Hofer will mit drei Metzgern starten, die für ihn arbeiten, danach will er schauen, wie sich das Geschäft entwickelt.

Hofschlachtungen sind aufwendiger und teurer

Das hat auch der Betrieb der Strubs im Ifenthal vor. «Es passt zu unserer Philosophie, dass wir auch etwas Neues, Innovatives ausprobieren», erzählt Beatrice Strub. «Deshalb wollen wir auch Hofer unterstützen, der sich wirklich sehr engagiert in diesem Bereich.» Wie für Hofer steht für die Strubs bei der mobilen Hofschlachtung auch das Tierwohl im Fokus. «Günstiger kommt uns das nicht, wir haben dadurch eher mehr Aufwand», erklärt die Landwirtin. Auch sie ist überzeugt, dass Stress – oder eben eine stressfreie Schlachtung – einen Einfluss hat auf die Fleischqualität. Und auf diese kommt es schliesslich auch beim Verkauf an.

Laut ersten Rückmeldungen komme die Idee bei der Kundschaft gut an. «Wir schauen nun, ob sich für das Tier wirklich etwas ändert – oder ob wir uns das im Vorfeld nur denken», erklärt Strub. Und ob dann auch die Kundschaft bereit ist, ein paar Franken mehr zu bezahlen für das Fleisch von einem Tier, das auf seinem letzten Gang weniger Stress hatte.

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