Vertrauliche Geburt
Für Frauen in Not: Gebären mit Pseudonym ist in zwei Solothurner Spitäler möglich

Im Kantonsspital Olten und im Bürgerspital Solothurn ist es künftig möglich, vertraulich zu gebären. Dabei erhält die Gebärende ein Pseudonym und kann gebären, ohne dass ihr Umfeld davon erfährt. Danach kann das Kind zur Adoption freigegeben werden.

Isabel Hempen
Merken
Drucken
Teilen
In zwei Solothurner Spitäler ist es nun möglich, vertraulich zu gebären. Der Schutz der Anonymität soll Frauen in Notsituationen erlauben, in medizinischer Betreuung zu entbinden. (Symbolbild)

In zwei Solothurner Spitäler ist es nun möglich, vertraulich zu gebären. Der Schutz der Anonymität soll Frauen in Notsituationen erlauben, in medizinischer Betreuung zu entbinden. (Symbolbild)

KEYSTONE/GAETAN BALLY

Drei Säuglinge wurden im Babyfenster des Kantonsspitals Olten seit dessen Inbetriebnahme im Juni 2013 abgegeben: Kinder, die nie erfahren werden, wer ihre Eltern sind. Mit der Einführung der vertraulichen Geburt am Kantonsspital Olten und am Bürgerspital Solothurn soll ungewollt schwangeren Frauen in Not nun eine bessere Lösung angeboten werden.

Bei einer vertraulichen Geburt im Spital ist die Betreuung während der Schwangerschaft dieselbe wie bei einer normalen Entbindung – mit dem Unterschied, dass die Personalien der Mutter vertraulich behandelt werden. Nur das Zivilstandsamt und die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) erfahren diese. Die Schwangere erhält im Spital ein Pseudonym.

Im Gegensatz zur weiterhin angebotenen Variante Babyfenster werden mit der vertraulichen Geburt die Grundrechte des Kindes auf eigene Identität und auf Kenntnis der Abstammung gewahrt. Denn das Kind, einmal volljährig, hat das Recht, die Personalien der leiblichen Mutter zu erfahren.

Heimlich Gebären birgt Risiko

Bisher war die vertrauliche Geburt an den Solothurner Spitälern nicht möglich. Wie Kathrin Stettler, Leiterin Gebärsaal am Kantonsspital Olten, erklärt, habe sie aber schon oft ähnliche Situationen erlebt: «Es gibt Frauen, die eine Schwangerschaft verdrängen, nach dem Motto ‹Was nicht sein darf, ist nicht›. Das kann gut funktionieren», weiss sie aus Erfahrung.

Andere Frauen hingegen wüssten, dass sie schwanger sind, könnten sich aber niemandem anvertrauen: Etwa wegen schwierigen Familienverhältnissen oder weil im eigenen soziokulturellen Umfeld eine Schwangerschaft vor der Ehe undenkbar sei. Also verheimlichten sie ihren Zustand vor ihrer Umgebung. Häufig seien es sehr junge Frauen, so Stettler, die ungewollt schwanger würden und damit in eine verzweifelte Lage gerieten. Wer aber ohne ärztliche Aufsicht oder Hebamme heimlich zu Hause gebäre, setze sich und sein Kind einem gesundheitlichen Risiko aus.

Bund gibt grünes Licht

Um die Grundrechte des Kindes zu wahren, hatten verschiedene politische Vorstösse die Einführung der vertraulichen Geburt gefordert. Der Bundesrat ist nun zum Schluss gekommen, dass dies ohne Gesetzesänderung möglich ist. Das Eidgenössische Amt für Zivilstandswesen hat am 1. November 2016 eine Weisung an die Zivilstandsämter erlassen, welche die vertrauliche Geburt regelt und sie damit in rechtlichem Sinne ermöglicht. Auch andere Spitäler, etwa im Kanton Thurgau, haben die vertrauliche Geburt bereits eingeführt.

An den Solothurner Spitälern werden die Kosten einer vertraulichen Geburt durch die Krankenkasse übernommen oder die Sozialberatung des Spitals klärt die Kostenübernahme ab.
Gemäss Eric Send, Mediensprecher der Solothurner Spitäler, bedürfe es eines hohen Masses an Sorgfalt, damit eine vertrauliche Geburt auch wirklich vertraulich bleibe. Dieser Prozess sei von den Solothurner Spitälern sehr eingehend definiert worden. Damit erkläre sich auch die verzögerte Einführung des Angebots im Kanton Solothurn.

Die Mutter werde begleitet und das Neugeborene auf der Wochenbettstation von einer Bezugsperson betreut, ergänzt Kathrin Stettler vom Kantonsspital Olten. Die Mutter werde auch eingeladen, dem Kind einen Namen zu geben. «Wir kümmern uns um Mutter und Kind, ohne unangenehme Fragen zu stellen», sagt sie. Niemand erfahre von der Geburt: «Der Schutz der Frau hat höchste Priorität.»

Mutter gibt Kind zur Adoption frei

Entscheidet sich eine Frau für eine vertrauliche Geburt, wird sie das Kind in der Regel später zur Adoption freigeben. Eine vertrauliche Geburt bleibt jedoch nur vertraulich, wenn die Mutter das Kind tatsächlich im Spital zurücklässt. Sechs Wochen nach der Geburt kann die Mutter die Zustimmung zur Adoption geben. Vorher ist dies nicht möglich, da sie vor einer vorschnellen Entscheidung bewahrt werden soll.

Das Kind kommt bis dahin in eine Übergangsfamilie und erhält einen Beistand. Allerdings darf die Mutter ihr Kind im Spital jederzeit besuchen, und auch in der Übergangsfamilie ist ihr dies erlaubt.

Wird das Kind zur Adoption freigegeben, kann die Mutter innerhalb einer weiteren Frist von sechs Wochen ihre Zustimmung zur Adoption widerrufen. Nach Ablauf dieser Frist wird das Kind von der Kesb in eine Adoptionsfamilie gegeben und es erhält einen Vormund. Nach einem Jahr bei der Familie kann die Adoption erfolgen.