Arbeitsunfall
Fünf Jahre nach Horrorsturz in Schacht wird der Chef der Putzfrau verurteilt

Für die 20-jährige Putzfrau hatte der 9 ½-Meter-Horrorsturz in den Lüftungsschacht schwere Folgen. Erst jetzt, rund fünf Jahre später, ist ihr Vorgesetzter verurteilt worden. Hätte er den Fall verhindern müssen?

Ornella Miller
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Im Lüftungsschacht unter diesem Gitter geschah 2012 der Unfall. Er hatte schwere Folgen für Nina B.*

Im Lüftungsschacht unter diesem Gitter geschah 2012 der Unfall. Er hatte schwere Folgen für Nina B.*

Hanspeter Bärtschi

Es war ein Horrorerlebnis für die junge Frau. Neuneinhalb Meter tief stürzte die damals 20-jährige Reinigungskraft Nina B.*, als sie am 31. Oktober 2012 einen Lüftungsschacht an der Bielstrasse in Solothurn reinigen sollte. Sie war bei einer international tätigen Gebäudeunterhalts-Firma angestellt, einer der weltweit grössten.

Als ausgebildeter und leitender Hauswart dieser Firma erhielt der damals 36-jährige Schweizer Karl E.* den Auftrag, die Endreinigung des Gebäudes an der Ecke Bielstrasse / Werkhofstrasse vorzunehmen. Karl E. befahl als verantwortlicher Vorgesetzter Nina B. und einem andern Mitarbeiter, den Lüftungsschacht zu säubern. Die beiden mussten das befestigte Gitter entfernen und das darunterliegende Laubgitter – ein Lochblech – von Laub und Schmutz befreien. Nachdem Nina B. auf das Laubgitter getreten war, erlitt sie beim darauf folgenden Sturz in die Tiefe sehr schwere Verletzungen, unter anderem diverse Rippenbrüche, Brüche der Wirbelkörper und des Beins.

Zu Beginn war sie im Unterkörper komplett gelähmt, später nur noch teilweise (gemäss Gerichtsakten «sähe man es ihr heute beim Gehen nicht mehr an»). Sie weilte auch im Paraplegikerzentrum Nottwil.

Auch für ihren Chef hatte der Vorfall Folgen. Die Staatsanwaltschaft verurteilte Karl E. Doch er akzeptierte den Strafbefehl nicht, in welchem er der Gefährdung durch Verletzung der Baukunde und der fahrlässigen schweren Körperverletzung beschuldigt wurde, und erhob Einsprache dagegen. Kürzlich hätte deshalb die Verhandlung vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern stattfinden sollen, doch Karl E. zog seine Einsprache in letzter Minute zurück. Somit akzeptiert er seine Strafe.

Die Geldstrafe von 6300 Franken ist allerdings bloss bedingt, bei einer Probezeit von zwei Jahren, er muss sie also nicht bezahlen. Hingegen die Verfahrenskosten von über 12'000 Franken sowie die Anwaltskosten des Opfers, nämlich fast 11'000 Franken.

Sorgfaltspflicht missachtet

Karl E. hat gemäss dem von Staatsanwältin Petra Grogg ausgestellten Strafbefehl die Reinigungsarbeiten ohne ergänzende Sicherheitsmassnahmen ausführen lassen, hat bloss die Anweisung gegeben, dass die Mitarbeiter «vorsichtig sein sollen».

Er habe es jedoch unterlassen, die Arbeitsumgebung zu beurteilen, besonders die Schachttiefe abzuklären und die Durchbruchsicherheit des Laubgitters zu prüfen. Die Sorgfaltspflicht hätte es geboten, dass er seinen Vorgesetzten informierte, damit dieser den Werkeigentümer oder den Betreiber auf den baulichen Fehler hätte hinweisen können.

Damals erregte der Fall Aufsehen

Beim Unfall, der sich um 16 Uhr zugetragen hatte, war ein Grossaufgebot von Rega, SAC, Sanität, Feuerwehr und Polizei im Einsatz. Der Rega-Helikopter landete auf dem Amtshausplatz. Es kam zu grösseren und lang anhaltenden Verkehrsbehinderungen.

In diesem Eckhaus an der Bielstrasse kommt es am Dienstagabend zum Arbeitsunfall.
5 Bilder
Unfall auf der Bielstrasse in Solothurn
Der Hubschrauber landet auf dem Amtshausplatz.
Die verletzte Frau wird abgeschirmt
Die verletzte Frau wird abtransportiert.

In diesem Eckhaus an der Bielstrasse kommt es am Dienstagabend zum Arbeitsunfall.

Tony Baggenstos

Gemäss damaliger Berichterstattung hat der Vater der Verunglückten gesagt, dass seine Tochter an diesem Tag für die Reinigungsfirma bloss gejobbt habe, sie sei eigentlich Verkäuferin.

Auch im Strafbefehl steht, dass sie «nicht für solche Arbeiten ausgebildet war und die interne Schulung noch nicht absolviert hatte».

*Namen geändert.