Obergericht

«Fürsorglicher, liebevoller» Vater vergewaltigt die Mutter seiner Kinder

Justizia hat gesprochen: Schuldspruch wegen gewerbsmässigen Betrugs für alle Angeklagten.

Justitia: Das Obergericht fällte ein differenziertes Urteil.

Justizia hat gesprochen: Schuldspruch wegen gewerbsmässigen Betrugs für alle Angeklagten.

Eine zwölf Jahre altes Mädchen wird von ihrem Vater mit einem 10 Jahre älteren Mann verheiratet. Dieser schlägt die Frau und vergewaltigt sie. Nun kommt der Täter mit einer bedingten Gefängnisstrafe davon.

Es klingt wie eine Geschichte aus dem düsteren Mittelalter: Claudia H.* war vermutlich erst zwölf Jahre alt, als sie vom eigenen Vater verkauft und nach den Sitten der Roma-Kultur mit dem zehn Jahre älteren Zef H.* zwangsverheiratet wurde. 2001 reiste das «Ehepaar» als Flüchtlinge illegal und ohne Papiere in die Schweiz ein. In der Empfangsstelle in Basel gab Claudia H. auf Anweisung der bezahlten Schlepper an, bereits 18 zu sein. Zef und Claudia H. hatten Glück und fanden in der Schweiz aus humanitären Gründen Unterschlupf. Seither leben sie im Wasseramt, und in rascher Folge bekam Claudia H. drei Kinder.

Doch glücklich wurde sie nicht. Immer wieder wurde sie von ihrem Mann geschlagen und zum Sex gezwungen, weshalb sie 2010 in ein Frauenhaus flüchtete und ihren Mann wegen häuslicher Gewalt anzeigte. In der Voruntersuchung durch die Staatsanwaltschaft kam dann auch ihr wahres Alter ans Licht. So wurde Zef H. wegen mehrfacher Vergewaltigung, mehrfacher sexueller Handlungen mit einem Kind, Tätlichkeiten und mehrfacher Drohung angeklagt und vom Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt zu 36 Monaten Gefängnis verurteilt, wovon er die Hälfte hätte absitzen müssen, während die andere Hälfte zur Bewährung ausgesetzt wurde.

Opfer zieht Klage zurück

Zef H. akzeptierte die Strafe nicht, und so musste am Mittwoch das Solothurner Obergericht den Fall nochmals beurteilen. Als Claudia H. als Zeugin angehört wurde, versetzte sie die Richter in Erstaunen: Sie verzichtete auf die 20 000 Franken Schmerzensgeld, die sie vom Amtsgericht zugesprochen erhalten hatte. Gerichtspräsident Marcel Kamber wollte wissen, ob sie unter Druck gesetzt. «Nein, es ist einfach schon lange her, es bedeutet für mich nichts mehr», sagte Claudia H. in ansprechendem Hochdeutsch. «Ich will, dass mein Mann nicht ins Gefängnis muss. Er soll mit meinen Kindern und der neuen Partnerin glücklich sein.» Sie beschrieb ihn als liebevollen, fürsorglichen Vater. «Die Kinder wollen nicht mit mir leben. Deshalb habe ich mich entschlossen, sie bei ihm zu lassen, damit sie glücklich sind.»

Claudia H. zog sich als Privatklägerin zurück – gegen den ausdrücklichen Rat ihres Anwalts. Am liebsten hätte sie alle ihre früheren Aussagen zurückgenommen. «Ich musste nie so leiden wie andere Frauen aus meiner Heimat. Nur eine Ohrfeige, dann hat mich mein Mann festgehalten, damit ich mich beruhige.» Das Gericht wollte dem Gesinnungswandel auf den Grund gehen. «Sind Sie mit den Ohrfeigen und dem Ziehen an den Haaren zu sexuellen Handlungen gezwungen worden?» Die Antwort kam ausweichend. «Er hat mir eine Ohrfeige gegeben, dann habe ich mich beruhigt und bin mit ihm ins Bett gegangen.» Und dann gewährte die junge Frau nochmals tiefe Einblicke in die Abgründe der Roma-Kultur: «Ich hatte seit zwei Jahren nicht mehr mit ihm geschlafen, und das darf eine Frau nicht. Ich muss meinem Mann danken, dass er nie mit anderen Frauen fremdging und auch nie andere Frauen bezahlt hat.»

Gerichtspräsident Kamber wollte wissen, ob sie denn ihren Mann noch immer liebe. «Möchten Sie wieder mit ihm zusammenleben?» «Ja, ich habe ihm verziehen. Ich hoffe, dass der Tag kommt und ich wieder zu ihm gehen kann, insbesondere wegen der Kinder. Dem Einzigen, dem ich nicht verzeihen kann, ist mein Vater. Es ist alles seine Schuld.»

Trotzdem ein Schuldspruch

Da Vergewaltigung ein Offizialdelikt ist, blieb die Anklage trotz des Rückzugs des Opfers stehen. Staatsanwalt Raphael Stüdi fand in seinem Plädoyer, dass das Amtsgericht die Beweise richtig gewürdigt hatte, und forderte, dass das Obergericht das erstinstanzliche Urteil bestätigt. Die Pflichtverteidigerin verlor sich in ihrem fast zweistündigen Plädoyer in Detailfragen. Sie suchte überall nach kleinen Widersprüchen und forderte einen Freispruch in allen Punkten.

Das Obergericht kam zu einem differenzierten Urteil. Zef H. wurde der Vergewaltigung schuldig gesprochen. Bei den sexuellen Handlungen mit einem Kind entschied das Obergericht auf einen «Verbotsirrtum». In der Kultur der Roma sind solche Zwangsehen mit Kindern normal und erlaubt. Da das Paar schon eine Zeit lang zusammengelebt hatte, konnte Zef H. – er ist Analphabet und spricht bis heute nur Albanisch – bei der Einreise in die Schweiz nicht wissen, dass sein Verhalten bei uns verboten ist. Strafmildernd wurde berücksichtigt, dass die Gewaltanwendung im unteren Rahmen war und das Vergewaltigungsopfer keine Bestrafung wünscht. Die Tatsache, dass er ein guter Vater ist und die Kinder am meisten unter einer Haftstrafe leiden würden, war von besonderer Bedeutung. So wurde Zef H. wegen mehrfacher Vergewaltigung, Tätlichkeiten und mehrfacher Drohung zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 20 Monaten verurteilt.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1