Solothurn, Biberiststrasse 24. Die Chilenin Nancy Mireya Alfaro Olivares nimmt die paar Stufen zum Eingang des Gebäudes. Dann läuft sie in den zweiten Stock und stösst eine Glastür auf. Drinnen an der Wand hängen grosse Plakate; Porträts von Menschen aus aller Herren Länder. Darunter sind in grossen Lettern Zitate gezeichnet, sie erzählen von der erfolgreichen Integration der Porträtierten. Nancy läuft an den Plakaten vorbei, direkt in die Arme von Katharina Rohr und Isabelle Bader. Küsschen links, Küsschen rechts, Küsschen links.

Nancy kennt die beiden ECAP-Kursleiterinnen bereits seit mehr als zweieinhalb Jahren. Ihr Verhältnis untereinander wirkt familiär. Dem danebenstehenden Bruno Flury, er ist Leiter der ECAP Solothurn, schüttelt sie lächelnd die Hand. Etwas schüchterner, aber genauso freundlich, ist ihr Umgang mit dem ebenfalls anwesenden Journalisten. Nancy und Letzterer machen sich nach kurzem Smalltalk auf in den zweiten Stock und setzen sich zum lockeren Gespräch in ein Sitzungszimmer. Thema: Nancys Integration.

Geschichten folgen bald

Nach knapp einer Stunde ist das Gespräch vorüber und Nancy begibt sich einen Stock tiefer, um sich von ihren Lehrerinnen zu verabschieden. Auf dem Weg nach unten meint sie nachdenklich: «Wissen Sie, seit ich in der Schweiz bin, habe ich so viel Zeit in dieser Schule verbracht ... das hier ist eigentlich mein Zweites zu Hause.» Unten wartet Kursleiterin Rohr auf die 38-Jährige. Sie fragt Nancy, ob alles gut klappte – vor allem mit dem Deutsch. «Ja, war nicht so schlimm», sagt die sympathische Frau mit Akzent und lächelt.

«Nancy, kennst du Mohanad Alwali», fragt Katharina Rohr dann und richtet die Aufmerksamkeit auf einen Mann mittleren Alters, der neben ihr steht. Dieser strahlt übers ganze Gesicht, reicht Nancy aufgeregt die Hand und begrüsst auch ihren vorigen Gesprächspartner herzlich. Der Iraker, der seit einem Jahr in der Schweiz lebt, schliesst bei Rohr bald seinen zweiten Integrationskurs ab. Nach dem Austausch einiger Nettigkeiten verabschiedet sich Mohanad von Nancy und Katharina Rohr und begibt sich auf den Weg in denselben Raum, in dem zuvor die Chilenin über ihr Leben in der Schweiz erzählte. Auch er spricht über seine Integration.

Was für Geschichten aus den zwei Gesprächen entstanden, sei an dieser Stelle noch nicht verraten. Sie werden nämlich in den folgenden Tagen in dieser Zeitung erscheinen. Vorerst geht es um die Institution, die die beiden Migranten so wie viele Weitere im Kanton bei ihrer Integration unterstützt: die ECAP-Stiftung.

Für und mit Migranten

Wer ist dieser Anbieter kantonal subventionierter Integrationskurse, der sich an der Biberiststrasse 24 zwischen Versicherungsfirmen und Ingenieurbüros einquartierte? Antworten dazu liefert der eingangs erwähnte Leiter der Regionalstelle Solothurn, Bruno Flury. Er nimmt in einem Sitzungszimmer im ersten Stock Platz. Sichtlich gut gelaunt – er wurde vor kurzem Vater – erzählt er von der Geschichte des gemeinnützigen und nicht gewinnorientierten Instituts für Erwachsenenbildung und Forschung. Die ECAP wurde nämlich von der italienischen Gewerkschaft CGIL gegründet und ist seit 1970 in der Schweiz aktiv. 1984 wurde das Institut in eine Stiftung umgewandelt und traf eine Zusammenarbeitsvereinbarung mit dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund SGB und anschliessend mit der spanischen Gewerkschaft Comisiones Obreras und derjenigen aus Portugal CGTP. 2006 ist eine Zusammenarbeitsvereinbarung mit der Gewerkschaft Unia unterschrieben worden. Das Bildungsinstitut ist heute das drittgrösste der Schweiz und arbeitet nun bereits seit mehr als 40 Jahren für und mit Migrantinnen und Migranten.

«Anfänglich richteten sich Kurse vor allem an Italiener, früh aber hat sich die ECAP erfolgreich für Menschen aus der ganzen Welt geöffnet», so Flury. Von Anfang an hätten Integration, Berufsbildung, Sprachförderung und auch Gleichstellung im Zentrum gestanden. Alphabetisierungskurse wurden seit den 1970er-Jahren durchgeführt, seit über dreissig Jahren ist die ECAP auch im Bereich Informatik tätig. Die Stiftung ist in dreizehn Kantonen aktiv. Täglich stehen über 700 Mitarbeiter für sie im Einsatz. Ihre Ziele sind die Förderung der Bildung für jüngere und ältere Erwachsene, insbesondere Migranten und Migrantinnen und wenig qualifizierte Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen in der Schweiz.

Keine Worthülsen in Solothurn

Die ECAP Solothurn ist gut vernetzt. «Wir arbeiten eng mit der Gewerkschaft Unia, aber auch mit anderen Anbietern zusammen», erklärt Bruno Flury. Das kantonale Amt für Wirtschaft und Arbeit und das Amt für soziale Sicherheit (Deutschkurse) sind seit vielen Jahren Auftraggeber. Mitte der 70er Jahre wurde die Regionalstelle gegründet und ist eine der ältesten der ECAP. Das Kursangebot ist den gruppenspezifischen Anliegen (beispielsweise Frauen, Analphabeten, Erwerbslose) und Realitäten der Teilnehmenden angepasst. Zurzeit stehen für die ECAP Solothurn 44 Kursleiter und Kursleiterinnen im Einsatz, die meisten davon in Teilpensen. «Seit den 80er-Jahren führt die Regionalstelle Solothurn zudem erfolgreich CNC-Kurse im Drehen, Fräsen und Programmieren durch», sagt Flury und fügt sichtlich stolz an: «Ein Kursteilnehmer kommt dafür gar aus dem Wallis.»

Ein Integrationskurs bei der ECAP dauert etwas mehr als vier Monate und beinhaltet 256 Lektionen à 45 Min (vier Morgen oder Nachmittage pro Woche). «In dieser Zeitspanne bleiben immer die gleichen Personen zusammen, dadurch entwickelten sich schon zahlreiche Freundschaften und viele konnten sich hier ein soziales Umfeld aufbauen», sagt Bruno Flury. Er spricht davon, dass sie mit den Migranten auf eine sprachliche, berufliche und soziale Integration hinarbeiten würden. Dass dies keine leeren Worthülsen sind, zeigt sich auch am Beispiel des Integrationsprojektes «Wegweiser Schweiz». Dieses wurde im August 2012 als Pilotprojekt vom Amt für Soziale Sicherheit, Abteilung Integration, in Zusammenarbeit mit der Stiftung ECAP Solothurn entwickelt und existiert bis heute. Der Kurs richtet sich an fremdsprachige Erwachsene und bietet viele nützliche Informationen für das Leben und den Alltag in der Schweiz.

Lesen Sie in der Montagsausgabe ein Porträt über die Chilenin Nancy Alfaro.