Polizist wird nicht jeder. Der Weg zum Traumberuf ist steinig. Wer zum mehrstufigen Auswahlverfahren zugelassen wird, hat immerhin schon die hohen Einstiegshürden geschafft: Die Anwärter müssen einen langen Anforderungskatalog erfüllen (siehe unten). Und sie sollten sogar bereit sein, auf ihre Körperbemalung zu verzichten: Die Kantonspolizei Solothurn verbietet nämlich Tätowierungen, die trotz Uniform zu sehen sind.

Es beginnt bereits beim Bewerbungsformular. Die Polizei erkundigt sich nach «sichtbaren Tattoos trotz Kleidung». Die Verzierung im Nacken oder am Arm – plötzlich ein Karrierekiller? Das erstaunt, denn Tattoos sind eigentlich längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen: Tätowierte gibt es über alle Schichten hinweg. Viele betrachten den Körperschmuck als Ausdruck ihrer Persönlichkeit. Laut Schätzungen ist jeder Vierte zwischen 25 und 34 Jahren in der Schweiz tätowiert. Umso mehr stellt sich die Frage, ob Verbote da noch zeitgemäss sind.

Provozieren Tätowierungen?

Die Kantonspolizei lässt das kalt. Das Korps erklärt die strengen Regeln mit Imagegründen: Sichtbare Tätowierungen könnten die Polizisten angreifbar machen. Die Kantonspolizei müsse «ein hohes Vertrauen und Ansehen» in der Bevölkerung geniessen, sagt Mediensprecher Thomas Kummer. Darum dürfe das äussere Erscheinungsbild keine Ansätze für Provokationen bieten. 

Ein Dienstbefehl regelt, wie ein guter Polizist aussehen muss: Untersagt sind etwa grosse Piercings. Diese könnten überdies das Verletzungsrisiko erhöhen. Nicht erwünscht sind auch ausgefallene Haarschnitte. Und lässt sich eine Tätowierung nicht unter der Uniform verbergen, kennt der polizeiliche Knigge schon gar kein Pardon. Chinesische Schriftzeichen, Kleeblätter oder Allerweltssymbole? Man lege kein besonderes Augenmerk auf die Tattoo-Motive, heisst es bei der Kantonspolizei. Das Verbot gilt also selbst für harmlose Sujets.

Zum Problem wird das vor allem im Sommer. Mit den wärmeren Temperaturen zeigen die Menschen mehr Haut – und ihre Tattoos. Auch Polizisten tragen dann «Tenue kurzarm».

Aufwendiges Weglasern

Unklar ist, ob sich potenzielle Bewerber vom Tattoo-Verbot abschrecken lassen. Zumindest scheuen manche keine Strapazen, um Polizist zu werden: Sie sind bereit, ihre Körperbemalung wieder zu entfernen. Die Kantonspolizei bestätigt entsprechende Fälle. Auch der Dermatologe Christoph Schänzle kennt diese Problematik. In der Oltner Pallas-Klinik befreit er Polizeiaspiranten von ihrem Körperschmuck. Ein Laserstrahl erwärmt und zersprengt die Pigmente in ihrer Haut. Die Partikel werden über die Lymphe abtransportiert. Bis ein Tattoo verschwunden ist, braucht es sechs bis zehn Behandlungen im Abstand von zwei Monaten. «Es kommt darauf an», sagt Schänzle, «mit welchen Pigmenten, wie eng und wie tief gestochen wurde.» Eine Entfernung ist aufwendiger und teurer als das Stechen: Je nach Grösse und Qualität eines Tattoos kostet eine Sitzung zwischen 150 und 600 Franken. Die Krankenkassen beteiligen sich nicht an den Kosten.

Obwohl Tätowierungen nach Einschätzung von Schänzle heute gesellschaftlich akzeptiert sind, tun sich einige Branchen noch schwer damit. Die Körperbemalung kann schon mal den Zuschlag für einen Job beeinflussen.

Was der Arbeitgeber darf

Tatsächlich müssen sich nicht nur die Polizisten an ästhetische Kriterien halten. Auch bei Arbeitsplätzen mit häufigem Kundenkontakt sind Tattoos hier und da verpönt. Verbote gibt es etwa bei Airlines oder in eher traditionell geprägten Berufszweigen wie Banken.

Eigentlich werden Tattoos durch das Persönlichkeitsrecht geschützt. Doch Arbeitgeber können Verhaltensregeln für ihre Angestellten erlassen. Dazu zählen Kleidervorschriften. Die Weisungen sind gemäss Obligationenrecht verbindlich. Wer sich darüber hinwegsetzt, riskiert seine Kündigung. Angebracht sind die Vorschriften aber nur dann, wenn sie einen unmittelbaren Bezug zur Tätigkeit haben. Schikanös sein dürfen sie nicht.