Für FDP-Nationalrat Kurt Fluri scheint der Fall schon klar: Die Einerkandidatur der Tessiner FDP für die Nachfolge von Bundesrat Didier Burkhalter sei richtig, ein Auswahlticket würde man den Tessinern in Bern als Entscheidungsschwäche auslegen, gab er am Mittwoch dem «Tages-Anzeiger» zu Protokoll. Er rechne zwar damit, dass die Bundeshausfraktion noch eine zweite Kandidatin aufstellt, er werde aber Nationalrat Ignazio Cassis «aus staatspolitischen Gründen» den Vorzug geben.

Solothurner Bundesparlamentarier aus anderen Parteien sehen das nicht so klar. Denn gerade wenn man den Anspruch des Tessins anerkennt, birgt die Taktik eben auch ein Risiko: Die freisinnige Bundeshausfraktion dürfte an den Entscheid der Kantonalpartei gebunden sein, der Weg für eine Alternativkandidatur aus der Südschweiz ist damit verbaut, jener für Kandidaturen aus der Romandie frei. Und so könnte sich das Parlament erst recht nicht an eine «Befehlsausgabe» aus Bellinzona gebunden sehen, wenn sich nicht einmal die FDP-Fraktion festlegen will.

«Staatspolitisch nicht so klug»

«Ich wähle sowieso keinen Tessiner, ich wähle einen Vertreter der italienischsprachigen Schweiz», sagt SP-Ständerat Roberto Zanetti. Auf die Präzisierung legt der gebürtige Puschlaver wert, auch wenn weit und breit kein Bundesratskandidat aus Italienischbünden in Sicht ist. Den Anspruch der italienischsprachigen Schweiz hält Zanetti aber für unbestritten.

Und er findet es deshalb ganz im Gegensatz zu Kurt Fluri «unverständlich», dass die Tessiner FDP nicht zwei Kandidaturen aufstellt. Denn das Parlament werde wohl auf einer Auswahl bestehen. Eine valable zweite Kandidatin wäre für ihn die ehemalige National- und Tessiner Regierungsrätin Laura Sadis gewesen. Wenn jemand meine, er könne heutzutage zwei oder sogar drei Männer zur Wahl vorschlagen, wäre das schon ziemlich «keck», findet Zanetti.

Für CVP-Ständerat Pirmin Bischof steht die Geschlechterfrage dieses Mal überhaupt nicht im Vordergrund. Aber auch er hält den Anspruch des Tessins nach 20 Jahren für ausgewiesen und fände es «weise», wenn die Freisinnigen zwei Kandidaturen aus dem Tessin präsentieren würden.

Wobei: Für ihn ist eine Auswahl gar nicht unbedingt zwingend. Aber wenn schon, dann «wäre es staatspolitisch nicht so klug, wenn es zu einer Ausmarchung zwischen einem Tessiner und einer Kandidatur aus der Romandie käme», sagt Bischof. Parteikollege Stefan Müller-Altermatt sieht das ähnlich: Er erachte den Anspruch des Tessins als gegeben, mit zwei Kandidaturen aus der Südschweiz würde sich das Parlament dem eher verpflichtet fühlen.

Unabhängigkeit gefragt

Tatsächlich gibt es auch aus der Solothurner Delegation in Bern Stimmen, die den (sprach)regionalen Anspruch nicht so eng sehen. Er erachte es als «wünschenswert», dass der neue Bundesrat oder die neue Bundesrätin aus der «lateinischen» Schweiz kommt, sagt SP-Nationalrat Philipp Hadorn. Und er erwarte ein Zweierticket mit einem Mann und einer Frau, das habe auch die SP bei der letzten Vakanz eingehalten. Auch Parteikollegin Bea Heim fände es «begrüssenswert», wenn der nächste Bundesrat – noch lieber eine Bundesrätin – aus dem Tessin käme. Die regionale Herkunft als zwingendes Kriterium vorzuschreiben, findet sie hingegen falsch. Für SVP-Nationalrat Walter Wobmann würde ein Bundesrat aus dem Tessin zwar «absolut Sinn machen, die Romandie hat ja schon zwei», aber letztlich ist die Kantonsfrage für ihn kein Kriterium. Es gehe um Kompetenz und Können und darum, dass jemand «zum Land, zum Volk und zur Verfassung steht».

Und was für Kompetenzen müssen das sein? Wichtig sei ihm, dass jemand zur Wahl steht, der sich «weder einer Region, noch einer Kultur, noch einer Sprache und schon gar nicht irgendwelchen Organisationen, Firmen oder Branchen verpflichtet fühlt», sagt Philipp Hadorn – wohl eine Anspielung auf die Verbandelung von Ignazio Cassis mit den Krankenkassen. «Es muss jemand sein, der initiativ, verlässlich und ein Teamplayer ist», sagt Parteikollegin Bea Heim. Die grossen Fragen seien immermehr departementsübergreifend anzugehen.

SVP soll Gegenrecht halten

Das würden wohl alle unterschreiben. Aber mit «zu Land, Volk und Verfassung stehen» meint Walter Wobmann etwas anderes: einen neuen Kurs vor allem in der Europapolitik, die von der SVP geforderte Abkehr von einem neuen Rahmenabkommen mit der EU. Mit dieser Forderung kommen er und die SVP aber nicht nur im linken Lager ganz schlecht an. Das habe mit der Bundesratswahl ebenso wenig zu tun wie die Rentenreform (sein Engagement dagegen wird FDP-Favorit Cassis zum Vorwurf gemacht), sagt CVP-Ständerat Bischof. Es sei völlig falsch, für die Beurteilung des Bundesratsformats bei einzelnen Sachfragen anzusetzen.

Gerade die SVP habe immer verlangt, dass man der Parteilinie treue Kandidaten akzeptiert, dann solle sie jetzt auch Gegenrecht halten. CVP-Nationalrat Stefan Müller-Altermatt doppelt nach: Man wähle einen Bundesrat, keinen Aussen- oder Gesundheitsminister. «Dass ein Vertreter der FDP aussenpolitisch nicht gleich tickt wie die SVP, versteht sich wohl von selbst. Das ist reine Parteipropagandadrescherei.»

Und wenn: SVP-Nationalrat Christian Imark kann sich vorstellen, dass Ignazio Cassis durchaus für einen Kurs zu haben wäre, der die Annäherung an die EU zumindest nicht so forciere wie der amtierende Aussenminister Didier Burkhalter. «Ignazio Cassis ist nicht gerade dem rechten, aber auch nicht dem ausgesprochen linken FDP-Flügel zuzuordnen, er ist für ein breites Spektrum wählbar», sagt Imark. Den Favoriten der Tessiner Freisinnigen halte auch er für den absoluten Top-Favoriten, dass er die für das Amt nötigen Voraussetzungen mitbringt, sei unbestritten.