Der Anblick ist trügerisch. Noch stehen die Telefonkabinen in der Stadt Solothurn. Doch wer deren Türe öffnet, trifft auf gähnende Leere: Wo früher das Publifon hing, glänzt heute nur noch eine Metallplatte. Die Swisscom hat in den letzten Wochen im ganzen oberen Kantonsteil – wo die Vorwahl 032 gilt – die letzten noch verbliebenen öffentlichen Telefonapparate abgehängt. In der Kantonshauptstadt oder in Grenchen funktioniert keine einzige öffentliche Telefonzelle mehr.

Gerade einmal 31 Telefonkabinen gibt es Stand heute noch im Kanton, davon stehen alleine 8 in Olten. Auch ihnen allen wird sehr bald die Leitung gekappt. «Wir gehen davon aus, dass bis ca. Ende Jahr im Kanton Solothurn keine Kabinen mehr im Betrieb sein werden», verkündet Swisscom-Sprecherin Esther Hüsler eine bittere Pille für alle Telefonnostalgiker, Handy-Verweigerer und Service-public-Vorkämpfer. Denn auch den Kabinen mit den Vorwahlen 062 und 061 wird in den nächsten Monaten der Hörer für immer aufgehängt. In Olten soll es bereits im September so weit sein.

Damit gibt es nicht einmal mehr in den Städten Telefonkabinen, obwohl man meinen könnte, dass sie dort am ehesten rentieren. In Grenchen hat gar Stadtpräsident François Scheidegger mit einem Brief gegen den Abbau protestiert. Vergeblich. Sein Weckruf fand den Draht zur Swisscom nicht.

Rückgang um 95 Prozent

Das Ende der Telefonkabine ist eine Folge des Handys, das jeder immer und überall dabei hat. «Von 2004 bis 2016 ist die Anzahl Gespräche um 95 Prozent zurückgegangen», heisst es bei der Swisscom. «Es gibt schweizweit mehr als 1000 Kabinen, die über Tage hinweg unbenutzt bleiben.» Selbst die noch verbliebenen Geräte könnten nicht mehr kostendeckend betrieben werden. Ersatzteile würden rar und der Unterhalt teuer. «Mittelfristig – in den nächsten paar Jahren – wird das Publifon ganz verschwinden. Swisscom investiert in zeitgemässe und neue Technologien und wird den Restbestand weiter reduzieren», heisst es beim Konzern. Derzeit gibt es schweizweit noch 1676 Publifone, weitere 1286 werden im Auftrag von Dritten – Hotels, Schulen oder Spitälern – betrieben. Zum Vergleich: Vor rund 20 Jahren betrieb Swisscom in der ganzen Schweiz fast 60'000 Publifone.

Möglich wurde der Abbau, weil die Politik auf den rasanten Wandel reagiert hat: Auf Anfang 2018 hat der Bund die Publifone aus der Grundversorgung gestrichen. Seither ist die Swisscom nicht mehr verpflichtet, diese weiterzubetreiben.

Betroffen vom Abbau sind auch die Solothurner Spitäler (soH). Dort gibt es heute weder bei den Psychiatrischen Diensten noch in den Spitälern Solothurn und Olten Telefonkabinen. «In den letzten Jahren sind die Geräte auch immer weniger gebraucht worden», sagt soH-Sprecher Gian Trionfini. Man beobachte jedoch die Situation und suche bei Bedarf nach Lösungen. Benutzt wurden Telefonkabinen etwa von Migranten, die an Kiosks spezielle Karten kauften, um günstiger in die Heimat telefonieren zu können.

Was passiert mit den Kabinen?

Nun stellt sich die Frage, was mit den ausgedienten Kabinen geschehen soll. Die Gemeinden könnten sie kostenlos übernehmen, heisst es bei der Swisscom. «Die Demontage und ein Wiederaufbau an anderen Stelle sind aber nicht möglich.» In der Allmend-Post in der Solothurner Weststadt sucht derzeit der Quartierverein einen neuen Nutzen für die leerstehende Kabine, im Kantonsspital Olten ist eine Telefonzelle zur Kunstinstallation umfunktioniert worden, andernorts gibt es öffentliche Bücherschränke in alten Anlagen. Zumindest die Hülle lebt also weiter. Es gibt einfach «keinen Anschluss mehr unter dieser Nummer». Aufgehängt. Für immer.