Die Schule sieht sich vielen Belastungen ausgesetzt. Und das nicht erst seit gestern. Sparübungen und Schulreformen machen Eltern und wie Lehrern gleichermassen zu schaffen. Und jetzt kommt noch die Einführung des harmonisierten Deutschschweizer Lehrplans dazu. Die Folge: emotionale Abwehrreaktionen, Behauptungen und Angstmacherei, die wenig mit der Realität zu tun haben.

Das jedenfalls findet ein breit abgestütztes Komitee, dem linke und bürgerliche Parteien genau so angehören wie die organisierte Lehrerschaft und die Wirtschaftsverbände. An einer Pressekonferenz in Solothurn kämpften sie mit einem Grossaufgebot von neun Referenten für die Umsetzung des Lehrplans 21 im Kanton Solothurn und damit gegen die kantonale Volksinitiative «Ja zu einer guten Volksschule ohne Lehrplan 21».

Die Abstimmung über das Volksbegehren findet zwar erst am 21. Mai statt. Mit dem Thema markieren Parteien und deren Exponenten freilich auch im Hinblick auf die kantonalen Wahlen von Mitte März ihre Präsenz.

Berufsbildung macht es vor

Der Lehrplan 21 definiert Leistungsziele in Form von Kompetenzen. Während die Lehrplan-Gegner deshalb vor einem Qualitätsabbau warnen, ist in den Augen der die Befürworter genau das Gegenteil der Fall. Mit Kompetenzen «soll nicht nur Wissen vermittelt werden, sondern dieses in verschiedenen konkreten Situationen angewendet werden», sagte Primarschullehrer und SP-Kantonsrat Mathias Stricker.

Schüler wollen «entdecken, forschen, ausprobieren und aktiv sein.» Und: Um im beruflichen und gesellschaftlichen Leben Erfolg zu haben, genügen Lesen, Schreiben und Rechnen als Ziele alleine nicht mehr. Die «zeitgemässe Orientierung am Wissen und am Können» habe sich in der Berufsbildung bewährt und sei dort breit akzeptiert. Keinesfalls vernachlässige der Lehrplan 21 dabei das Wissen, meinte Stricker an die Adresse der Lehrplan-Gegner. «Mit welchen Inhalten die Kompetenzen aufgebaut werden, wird in den Kernbereichen vorgegeben, teilweise sogar detaillierter als im aktuellen Lehrplan.»

Um in der Arbeitswelt zu bestehen brauche es heute mehr, als nur Wissen zu verinnerlichen, sagte auch CVP-Kantonsrat Urs Ackermann. «Erworbenes Wissen muss in verschiedensten Situationen als Kompetenz zur Anwendung gebracht werden. Dazu gehöre die fächerübergreifende Anwendung von Wissen, die bereits seit längerem im Fach Naturlehre, wo Biologie, Physik und Chemie zusammengefasst sind, erfolgreiche unterrichtet werde.

«Statt einfach nur zu büffeln, sollen Schüler im aktiven Unterricht entdecken, probieren und herausfinden wie die Welt funktioniert», betonte Markus Baumann, SP-Kantonsrat und Präsident des Gewerkschaftsbundes Kanton Solothurn. Auf diese Weise würden die Jugendlichen in ihrer Volksschulzeit auf die gegenüber früher veränderte Berufsbildung vorbereitet.

Und für FDP-Kantonsrätin Karin Büttler steht fest, dass eine kompetenzorientierte Schulbildung Schülerinnen und Schülern für die Anforderungen einer zunehmend digitalisierten Wirtschaft wappnet.

Kein bildungspolitischer Alleingang

Auch wenn der Fokus mit dem Lehrplan 21 etwas stärker auf dem entdeckenden Lernen liege, würden damit noch lange nicht «die erweiterten Lehr- und Lernformen» verabsolutiert, begegnet Dagmar Rösler entsprechenden Befürchtungen. «Die Lehrerinnen und Lehrer stehen weiterhin im Zentrum des Unterrichts», unterstrich die Präsidentin des Verbandes der Lehrerinnen und Lehrer Solothurn (LSO).

Die Lehrpersonen würden also nicht, wie immer wieder behauptet, zu Lerncoaches degradiert. «Sie entscheiden nach wie vor über die jeweilige Unterrichtsform, um den Unterricht möglichst wirksam und nachhaltig zu gestalten.

«Lehrpläne sind kein Propaganda-Material», betonte Adrian van der Floe, Präsident des Verbands der Schulleiterinnen und Schulleiter Solothurn (VSL SO). Er reagierte damit auf die Forderung der Volksinitiative, harmonisierte Lehrpläne künftig vom Kantonsrat absegnen zu lassen. Eine solche Kompetenzverschiebung vom Regierungs- zum Kantonsrat würde langwierige politische Diskussionen verursachen, was eine Weiterentwicklung der Schulen «massiv erschweren» würde.

Mit dem Lehrplan 21 werde der Stellenwert der beruflichen Orientierung nachhaltig verbessert, meinte Gastronom und BDP-Vizepräsident Chris van den Broeke. So würden Kinder neu bereits in der Primarschule mit einem entsprechend vernetzten Modul für die berufliche Orientierung sensibilisiert. Aus Sicht der Arbeitswelt steht insbesondere die Harmonisierung der Bildungsziele im Vordergrund, wie die Vertreter der Wirtschaftsverbände feststellten.

Die geforderte Mobilität der Fachkräfte verbiete einen bildungspolischen Alleingang, hielt Handelskammer-Direktor Daniel Probst fest. Dies treffe gerade auch auf den Kanton Solothurn zu, der in einem engen Austausch mit den umliegenden Kantonen steht. Und Josef Maushart ergänzte, dass für die bereits heute kantonsübergreifend stattfindende berufliche Grundbildung ein in der Volksschule «vereinheitlichter Grundstock an Kompetenzen über die Kantonsgrenzen hinweg» unerlässlich sei.

Gleiches gelte auch für die Betriebe, sagte der Präsident des Industrieverbands Solothurn und Umgebung. So würden die Lernenden, etwa in der Uhren- und Medizinaltechnikindustrie, kantonsübergreifend rekrutiert.