Eine Reise mit der Moutier-Bahn
Frust, Zorn und Galgenhumor hinter dem Berg

Die drohende Bahn-Stilllegung verärgert eine ganze Region – denn in Wahrheit geht es um viel mehr. Sollte die Bahnstrecke Solothurn–Moutier verschwinden, wird die wichtigste Verbindung ins Mittelland gekappt.

Sven Altermatt
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Solothurn-Moutier-Bahn im Bahnhof Solothurn
10 Bilder
Fahrt mit der Bahn am frühen Morgen.
Unterwegs in der Solothurn-Moutier-Bahn
Aussicht
Im Bahnhof Gänsbrunnen
Vom Bahnhof Gänsbrunnen starten viele Wanderwege
Passagiere warten auf den Zug.
Die letzte Fahrt durch den Weissenstein-Tunnel, bevor die Fahrleitungsstörung auftrat - die Bahn konnte den ganzen Mittwoch nicht fahren.
Dies, weil der Zug kurz nach 8.45 Uhr im Weissensteintunnel stecken blieb.

Solothurn-Moutier-Bahn im Bahnhof Solothurn

Tina Dauwalder

Gänsbrunnen könnte im Kopf eines Modellbähnlers entstanden sein: Das Hotel St. Joseph und ein paar Häuser, etwas entfernt schmiegt sich der Bahnhof an den Berg. Ein bisschen Siedlung, viel Natur. Streng genommen liegt der Bahnhof bereits auf bernjurassischem Boden, davon zeugen jedoch einzig die französischen Verbotstafeln am Stationsgebäude. Die Wohnung im Obergeschoss wurde eben frisch renoviert und steht zur Miete.

Nebelschwaden schweben an diesem Morgen zwischen den Hügeln. Eine bezaubernde Szenerie. Trotzdem werden sich Reisende schnell einmal die Frage stellen: Warum soll dieses 99-Seelen-Dorf, dieser Flecken am Röstigraben, überhaupt einen Bahnanschluss haben? Bloss, so einfach ist die Sache natürlich nicht. Es geht um die Zukunft des hinteren Thals und die Drehzahl der politischen Mühlen. Es geht um das grosse Ganze: Müssen Randregionen in einem Land, das sich gegen innen verdichten soll, auf gewisse Freiheiten verzichten?

Krach im Tunnelgebälk

Fünf Minuten dauert die Fahrt mit dem Postauto nach Welschenrohr. Wer hier durch die Strassen spaziert, vorbei an Giebeldachhäusern und der alten Uhrenfabrik, hört erst einmal – nichts. Es ist still. Alle paar Minuten rattert ein Lastwagen aus dem Jura kommend über die Strasse, damit hat sichs. Doch die friedvolle Kulisse trügt gewaltig, seit einigen Wochen rumort es in Welschenrohr. «Wir werden wie Bürger zweiter Klasse behandelt», sagt Stefan Schneider. Wenn der Gemeindepräsident über «die aus Bern» schimpft, kommt seine kräftige Stimme zum Tragen. Die Welschenrohrer fürchten sich ohnehin vor der Entvölkerung – jetzt droht Bundesbern auch noch mit Kahlschlag.

Jahr für Jahr wirbt der Gemeinderat an der Jungbürgerfeier für das Leben auf dem Lande. Der Nachwuchs soll im Dorf bleiben, sesshaft werden, eine Familie gründen. Und nun könnte ein politischer Federstrich alle Bemühungen verpuffen lassen? «Hingerem Bärg», wie man hier mit semantischer Bescheidenheit zu sagen pflegt, geht die Angst um. Sollte die Bahnstrecke Solothurn–Moutier verschwinden, wird die wichtigste Verbindung ins Mittelland gekappt.

Niemand weiss, wie lange es die Moutier-Bahn noch geben wird. Der Bund überlegt sich, die defizitäre Strecke stillzulegen. Ihr Kostendeckungsgrad beträgt derzeit nur 22 Prozent. Und der Weissensteintunnel, ihr Herzstück, muss dringend saniert werden. Wasser dringt durch den Jurakalkstein und macht dem Gewölbe zu schaffen. 170 Millionen Franken soll die Sanierung laut Bahnbetreiberin BLS kosten – und damit beginnt der heilige Zorn. «Bundesbern betreibt eine schmutzige Politik», sagt Schneider. «Aber eben, wir wohnen halt nicht im Rampenlicht.»

Galgenhumor hat sich breitgemacht, gepaart mit wildem Optimismus, den der Gemeindepräsident ausstrahlt. Mit seinen Kollegen aus der Region kämpft er für die Bahnlinie. Die Kostenschätzung sei bewusst viel zu hoch angesetzt worden, monieren sie. Die BLS unter Generalverdacht? Nun, auch die Kantone Bern und Solothurn wollen Klarheit, ob die Tunnel-Sanierung wirklich 170 Millionen Franken kostet. Wie diese Woche bekannt wurde, geben sie eine eigene Untersuchung in Auftrag. Lange war es ruhig im Baudepartement, nun hat Regierungsrat Roland Fürst das Dossier zur Chefsache erklärt.

45 Minuten längerer Schulweg

Zurück beim Bahnhof Gänsbrunnen. Eine Welt der Schatten und des Dämmerlichts. Stosszeit, kurz vor 8 Uhr bringt das Postauto die Pendler aus dem Thal zum Bahnhof. Schüler, Lernende, Berufsleute. Etwa 30 Menschen steigen in den Zug, der zuvor flott durch die engen Juraklusen getuckert ist. Nicole und ihre Kolleginnen setzen sich in ein Sechserabteil. Seit Kurzem besucht die 16-Jährige in Solothurn die Kantonsschule. Die Gänsbrunnerin weiss: «Wenn der Tunnel schliesst, wird mein Schulweg 45 Minuten länger.» Tatsächlich bliebe Nicole nur noch die Reise mit dem Postauto über Oensingen, falls die Bahn aus dem Fahrplan verschwindet. Ein Busbetrieb über den Weissenstein ist keine Option, der Pass ist zu eng und zu steil für grosse Fahrzeuge. «Im Dorf gibt es ja schon fast nichts», sagt Nicole noch. Dann wird der Zug vom schwarzen Loch verschluckt.

Drei Minuten dauert die Fahrt durch den Weissensteintunnel. Einspurig, 3700 Meter, es holpert gewaltig. Am Südportal in Oberdorf, hinter Absperrbalken, rattern die Baumaschinen. Kurz vor Weihnachten wird hier die Talstation der neuen Weissenstein-Gondelbahn in Betrieb genommen. Wird sie zur Retterin der Moutier-Bahn? Auf den Gondeln ruht zweifellos grosse Hoffnung – mit gutem Grund: Bevor der alte Sessellift im Jahr 2009 geschlossen worden ist, lag der Kostendeckungsgrad der Bahnlinie Solothurn–Moutier stets über 30 Prozent.

Beruhigungspillen vom Bund

Die Schienen der knallroten Bahn führen nun über Wiesen und durch dichten Wald. Ein Blick aus dem Fenster, und schon zeigt sich das Alpenpanorama in seiner Pracht. Wenn dazu noch ein Nebelmeer über dem Mittelland aufsteigt, legen auch Schüler ihre Bücher für einen flüchtigen Moment zur Seite.

Minuten später schleicht die Bahn durch Lommiswil, noch dominiert hier sattes Grün die Vorgärten. 1470 Einwohner zählt dieser Ort, zwei Kirchen – und zwei Bahnstationen. Das Bundesamt für Verkehr hat schon mal vorsorglich Beruhigungspillen verteilt: Wenn der Weissensteintunnel schliesse, sagt ein Sprecher, könnte die Strecke zwischen Solothurn und Oberdorf weiterhin von der Bahn bedient werden. Selbst bei der Umstellung auf Busbetrieb sei im mittleren Leberberg nur mit geringen Zeitverlusten zu rechnen.

Hätte, wäre, wenn. Solche Planspiele können Pendler aus Lommiswil nicht milde stimmen. Der Widerstand gärt auch hier: Gemeindepräsidentin Erika Pfeiffer warnt vor einem Leistungsabbau. In Leserbriefen wettern Lommiswiler «gegen den Kahlschlag der neoliberalen Elite aus Bundesbern». Und ein pensionierter Raumplaner wagt sich an die forderste Front. Vor vier Jahren hat Daniel Cattin in einem Sachbuch die globalen Brennpunkte skizziert. Jetzt schlüpft er in die Rolle des Davids, schreibt Briefe an die Behörden und steckt Zeit in eigene Recherchen.

Ein TGV als Hoffnungsträger?

Der 63-Jährige vertraut der Kraft von Zahlen und Tabellen. Klar, sagt Cattin, entschieden sei noch nichts. Doch für Wankelmut stehe zu viel auf dem Spiel, «man muss dem Bund frühzeitig den Wind aus den Segeln nehmen.» Auf einer Karte hat er Ballungsräume und überregionale Anbindungen der Moutier-Bahn eingezeichnet. Cattin fordert eine Planung über den Tellerrand hinaus. Seine Anregungen gehorchen der Logik einer grünen Landschaft. In Mode ist das nicht, aber Cattin plädiert für Kleinräumigkeit. Das Thal, der Berner Jura, das Schwarzbubenland: Sie alle sollen weiterhin von der Moutier-Bahn profitieren. «Es geht schnell einmal vergessen, dass auch Thiersteiner über Moutier in die Hauptstadt des Kantons Solothurn reisen», mahnt Cattin.

Für den Raumplaner ist das Potenzial der Moutier-Bahn noch lange nicht ausgeschöpft. Um das zu verstehen, müsse man nur einmal in die Zukunft blicken. Wie die aussehen kann, ja muss, ist für Cattin bereits heute klar: «Nicht nur die Weissenstein-Gondeln sind ein Hoffnungsträger. Demnächst hat Solothurn einen exzellenten Anschluss an das französische TGV-Netz.» In der Tat wird die Bahnlinie zwischen Delle und Belfort schon bald reaktiviert. Dank der Moutier-Bahn und Anbindung an den TGV-Bahnhof Meroux soll sich die Reisezeit auch für Solothurner merklich verkürzen. Was das heisst? «Wir müssen uns nur ein wenig gedulden», meint Cattin kühn. «Dann wird die Moutier-Bahn wieder in Fahrt kommen.» Kurzum, eine Revolution scheint gar nicht nötig.

Bedächtig windet sich die Bahn über das Geisslochviadukt bei Bellach. Links der Hang, rechts der Abgrund. Tolle Bilder reihen sich aneinander. Nur knipst hier kein Tourist mit seiner Kamera drauflos. Die kleine Reise endet wenig später im Solothurner Westbahnhof. Und die Wege der Moutier-Bahn? Solange das Gras nicht in dicken Büscheln über ihre Schienen wuchert, solange bleibt sie eine Lebensader zwischen Jura, Thal und Mittelland.