Berufslehre
«Früher war die Lehre noch etwas wert»: Zahl unbesetzter Lehrstellen nimmt zu

Auch 2017 sind etliche Lehrstellen im Kanton unbesetzt. Warum über hundert Ausbildungsplätze Jahr für Jahr offen bleiben und was Firmen dagegen tun können am Beispiel der ChemValve-Schmid AG in Welschenrohr.

Noëlle Karpf
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Von links: Eva-Maria Stalder, Berufslernverbund Thal-Mittelland, Valmir Gjukaj, im 2. Lehrjahr, Beat Probst, Ausbildner, Beat Allemann, Produktionsleiter und Benno Schmid, Verwaltungsratspräsident der ChemValve-Schmid AG.

Von links: Eva-Maria Stalder, Berufslernverbund Thal-Mittelland, Valmir Gjukaj, im 2. Lehrjahr, Beat Probst, Ausbildner, Beat Allemann, Produktionsleiter und Benno Schmid, Verwaltungsratspräsident der ChemValve-Schmid AG.

Noëlle Karpf

Die ChemValve-Schmid AG in Welschenrohr. Eine Firma im Industriegebeiet des hinteren Thals, die Absperrklappen und Rückschlagventile herstellt. In der Produktionshalle ist es: Rund 40 Mitarbeiter arbeiten hier in grauer Arbetitskleidung und mit Schutzbrillen an Fräsen und Bohrern. Auch ein Lehrling ist hier am Werk. Aber nur einer. «Fast hätten wir es geschafft» sagt Benno Schmid, Verwaltungsratspräsident, über den Versuch, einen zweiten Lehrling für dieses Jahr einzuspannen. Dieser sprang kurzfristig ab.

Im ganzen Kanton Solothurn sind diesen Sommer 322 Lehrstellen nicht besetzt worden. Immer wieder berichtete auch diese Zeitung über unbesetzte Lehrstellen. Über die Jahre sei die Nachfrage an Berufslehren klar gesunken, sagt Benno Schmid. «Dabei wird doch unser duales Ausbildungssystem weltweit bewundert», fügt Eva-Maria Stalder an. Sie ist Ausbildungskoordinatorin beim Berufslernverbund Thal-Mittelland. Dieser arbeitet mit rund 45 Firmen aus dem Kanton zusammen. Er vermittelt Lehrlinge und unterstützt Betriebe und Jugendliche während der Ausbildungszeit (siehe Box unten). Wo die Probleme und Gründe für offene Lehrstellen liegen – und wo die ChemValve und der Berufslernverbund Lösungsansätze sehen.

  • Problem: Eltern wollen Akademiker

«Früher war man als Lehrling noch stolz, Polymechaniker zu sein», berichtet Schmid. Da sei die Lehre noch etwas wert gewesen. Er habe das Gefühl, die Jugendlichen heutzutage wollten sich die Hände nicht mehr schmutzig machen. «Obwohl man bei den technischen Berufen heute ja nicht mehr so dreckige Hände kriegt wie früher.» Dabei seien die Jungen selbst gar nicht das Hauptproblem – viele Eltern hätten aber den Drang, ihr Kind ins Gymnasium zu schicken. «Es ist schade, dass die Eltern denken: ‹Mein Kind muss den akademischen Weg gehen› – obwohl es sich dort überhaupt nicht wohl fühlt», fügt Stalder an.

  • Lösung: Schulbesuche und Dialog

Es gilt laut Stalder und Schmid also, vor allem die Eltern zu überzeugen. Man müsse zum Beispiel zeige, dass auch mit dem dualen Weg «nach oben» alles offen sei. «Nach der Lehre hat man schon mal einen Rucksack und ist schon etwas», erklärt Schmid. Und dann müsse man ja auch nicht auf dem Beruf bleiben. Dies müsse man den Eltern klar machen. Stalder vom Berufslernverbund sagt, ein Mittel dazu seien Schulbesuche. «Man muss in die Oberstufen gehen. Und wir sind der Meinung, dass man eigentlich auch schon auf der Stufe Primarschule anfangen sollte.» Um so frühzeitig bei der Meinungsbildung der Eltern über die Laufbahn ihres Nachwuchses mitzuwirken. Dazu gibt es auch Projekte wie «Rent a boss». Mit diesem können Klassen einen Firmenchef mieten, der ihnen im Schulzimmer erkärt, wie sie sich am besten bewerben und dabei auch die eigene Firma vorstellt.

  • Problem: Firmen sind zu passiv

Der Berufslernverbund Thal-Mittelland sei eine «Plattform», erklärt Ausbldungskoordinatorin Stalder. Zum Beispiel für Berufsmessen, an welchen der Verbund präsent ist. Aber: «Viele Betriebe nutzen diese Plattform zu wenig». Diese hätten das Gefühl, der Verbund regle alles für sie. Und kämen dann auch nicht zu Veranstaltungen mit, um ihren Betrieb vorzustellen. Auch Leute aus Aedermannsdorf oder Matzendorf, die eigentlich nahe bei der Firma im hinteren Thal wohnen, würden gar nicht genau wissen, wer die ChemValve ist, und was sie herstellt, sagt auch Beat Probst, für die Ausbildung in der ChemValve zuständig ist.

  • Lösung: Berufsmessen und Marketing

«Wir müssen mehr Marketing betreiben. Und dem Berufslernverbund ein Gesicht geben – damit nicht nur von einem Verbund die Rede ist, sondern auch klar ist, welche Firmen dahinter stehen», sagt Verwaltungsratspräsident Schmid. Und beispielsweise Ausbildner und Mitarbeiter an Berufsmessen schicken. «Das ist viel effizienter, als wenn wir vom Verbund erklären, wer die ChemValve ist, und was die tun», erklärt Stalder. Dazu wolle man auch in den Medien präsenter sein.

  • Problem: Technik ist nicht greifbar

Gerade technische Berufe sprechen heute weniger Junge an, als früher. Beat Probst, der selbst vor rund zwölf Jahren die Ausbildung im Welschenrohrer Betrieb gemacht hat, sagt: «So als 14- bis 15-Jähriger ist es natürlich schwierig, sich vorzustellen, was eine Fräs- oder Drehmaschine genau macht.» An Berufsmessen könne man nur beschreiben, und zum Beispiel Teile mitnehmen, die in Welschenrohr hergestellt werden. Aber an einem Stand wirklich zu zeigen, wie das funktioniert und als Jugendlicher so «Faszination Technik» zu erleben, sei schon schwierig. Allein schon aus Platzgründen.

  • Lösung: Schnupper- und Zukunftstage

Vor drei Jahren hat der Berufslernverbund mit Infonachmittagen in seinem Infozentrum in Zuchwil angefangen. Dort haben die Jugendlichen die Möglichkeit, etwas an einer Maschine herzustellen. Affinität zur Technik entwickeln können Jugendliche beispielsweise auch am Zukunftstag, an welchem sie in Betriebe reinschauen können. «Das ist wirklich eine gute Sache», sagt Beat Allemann, Produktionsleiter in Welschenrohr. Dann könnten Jugendliche nämlich wirklich einmal an eine Maschine stehen und fräsen oder bohren. «Die machen dann schon grosse Augen, wenn sie sehen, wie Metall zerspant wird und die Bohrer arbeiten», sagt Ausbildner Probst. Kämen Junge einmal in die Firma, hätten sie immer Freude an der Technik.

Prognose: «Bessere» Jahrgänge

Zuletzt sind sich Mitarbeiter der ChemValve und Stalder vom Berufslernverbund auch einig: Betriebe müssen wirklich ausbilden wollen. Und zwar nicht nur für den eigenen Betrieb. Man müsse für die Branche denken. «Betriebe müssen einfach Fachleute ausbilden – sonst haben wir die irgendwann nicht mehr», sagt Stalder. Ausbilden müsse man auch wollen, um den Jugendlichen wirklich etwas zu lehren. «Es ist schon wichtig, dass er produktiv ist», erklärt Verwaltungsratspräsident Schmid. Ein Lehrling sei aber nicht einfach dazu angestellt, einen bestimmten Umsatz zu erzielen oder dafür zu sorgen, dass die anderen Mitarbeiter bequem ihr Pensum arbeiten können.

Deshalb ist es für den Betrieb auch nicht so gravierend, jetzt nur einen Lehrling zu haben. Auch wäre es kein Weltuntergang, wenn einmal keine der beiden Lehrstellen besetzt wäre. «Dann müssten wir halt so durch», sagt Produktionsleiter Allemann. «Und würden ein oder zwei Jahre nicht in die Zukunft investieren.» «Das ist halt, wie wenn die Firma einen Konkurrenten kriegt», vergleicht Schmid. «Wenn man weniger attraktiv ist, muss man einfach mehr tun.» Und schliesslich seien die geburtenschwachen Jahrgänge, welche mit auch ein Grund für offene Lehrstellen waren, langsam durch, erklärt Stalder. «Jetzt kommen wieder bessere Zeiten.»

Berufslernverbund Thal-Mittelland

Dem Berufslernverbund Thal-Mittelland sind rund 45 Betriebe aus dem Kanton Solothurn angeschlossen. Derzeit betreut der Verbund 62 Lehrlinge in 10 verschiedenen Berufsbildern. Eine wichtige Aufgabe dabei: Bewerbungen sichten. «Und damit sind wir nicht etwa im Dezember fertig», erklärt Eva-Maria Stalder, Aubildungskoordinatorin beim Berufslernverbund. «Wir selektionieren wirklich von August bis Juli». Auf kommenden Sommer hin soll der Verband 22 Lehrstellen vermitteln. Dazu wird er zwischen 250 und 350 Dossiers durchgehen. Vor dem Bewerbungsgespräch wird mit den Jugendlichen ein praktischer Eignungstest sowie ein kurzes Erstgespräch durchgeführt. Erst die Schlusskandidaten haben dann Bewerbungsgespräche im Ausbildungsbetrieb.

Während der Lehre machen die Lernenden der technischen Berufe eine Grundausbildung im Ausbildungszentrum des Verbandes in Zuchwil. So können sie beispielsweise schon fräsen und bohren, bevor sie in ihren Ausbildungsbetrieb gehen. Danach haben sie auch die Möglichkeit, in verschiedenen Betrieben des Verbundes zu arbeiten. Dies auch, wenn es zwischen Ausbildner und Jugendlichem nicht harmoniert. So sollen schliesslich auch weniger Lehren abgebrochen werden.(NKA)