Integration
Friedenstaube auf der Brust: Aleviten gründen eigenen Fussballclub

Canspor heisst der neue Fussballverein der Aleviten. Der Verein will sich für ein friedliches Miteinander einsetzen – auch gegen den türkischen und kurdischen FC werden brüderliche Spiele erwartet.

Hans Peter Schläfli
Merken
Drucken
Teilen
Bereit für den Start in die erste Fussballsaison Canspor, der in Derendingen neu gegründete Fussballverein der Aleviten

Bereit für den Start in die erste Fussballsaison Canspor, der in Derendingen neu gegründete Fussballverein der Aleviten

Hans Peter Schläfli

Sport kann Völker verbinden: Alleine in der Region des Solothurner Fussballverbandes SOFV ist ein rundes Dutzend Ausländerklubs aktiv. In der Gruppe 2 der 5. Liga werden sich schon bald der Türkische SC, der Kurdische FC und Canspor, der in Derendingen neugegründete Verein der Aleviten begegnen.

Ist ein Hochseilakt zwischen Sport, Religion, Politik und ethnischen Konflikten zu erwarten, die aus dem fernen Kurdistan in die Schweiz importiert wurden? Ganz im Gegenteil, wenn es nach den Führungspersonen der drei Vereine geht. «Das werden Spiele unter Brüdern, und am Ende wird man sich mit einer Umarmung verabschieden», sagt zum Beispiel Güney Batuk, der sportliche Leiter für Canspor. «Ich habe selber drei Jahre beim Türkischen SC gespielt. Wir sind alles Kollegen, da muss man keine Angst haben, es wird nichts passieren. Auch mit dem Kurdischen FC pflegen wir ein freundschaftliches Verhältnis. Wir respektieren einander.»

Wer integriert eigentlich, und wie? Viele Menschen reden über Flüchtlinge, trotzdem haben sie nie Kontakt mit diesen Menschen. Die Flüchtlinge sind aber hier und müssen in die Gesellschaft integriert werden. Wie funktioniert Integration? Wir berichten über Menschen aus der Region, die tagtäglich mit Flüchtlingen arbeiten und die Integration leisten. (szr)

Wer integriert eigentlich, und wie? Viele Menschen reden über Flüchtlinge, trotzdem haben sie nie Kontakt mit diesen Menschen. Die Flüchtlinge sind aber hier und müssen in die Gesellschaft integriert werden. Wie funktioniert Integration? Wir berichten über Menschen aus der Region, die tagtäglich mit Flüchtlingen arbeiten und die Integration leisten. (szr)

az

Fakt ist, dass die Ausländervereine in Punkte Fairplay laut der Statistik des SOFV irgendwo zwischen Welschenrohr und Egerkingen liegen. Und Fussball kann kleine Wunder bewirken:

Vor der EM wünschten sich viele Schweizer, dass Albanien verlieren möge, und viele Albaner hofften, dass sich die Schweiz blamiere. Nachdem sich die beiden Nationalmannschaften sportlich vorbildlich verhalten hatten, kam es zur grossen Verbrüderung der beiden Fangemeinschaften.

Friedenstaube auf der Fahne

«Wir sind mehr als ein Verein, wir sind eine grosse Familie», sagt Metin Karabulut über Canspor. Der Diktionär übersetzt das Wort «Can» mit Seele, und auf dem himmelblauen Vereinswappen ist eine Friedenstaube abgebildet. «Can, das heisst, dass der Mensch im Zentrum steht», erklärt der Präsident des neu gegründeten Fussballklubs. «Nicht Frau oder Mann, nicht Türke oder Kurde, nicht Sunnit oder Alevit, sondern der Mensch zählt.»

Hervorgegangen ist Canspor aus dem in Derendingen beheimateten Alevitischen Kulturzentrum Solothurn, das «die Gleichberechtigung aller und die Achtung aller Religionen, Konfessionen und Glaubensrichtungen» als seinen Grundsatz definiert hat.

Geschichtlich betrachtet, unterstützten viele Aleviten vor fast einhundert Jahren Kemal Atatürk, der als Vater der modernen Türkei und damit der weltlichen und demokratischen Republik gilt. Die alevitische Bevölkerungsgruppe erhoffte sich durch die Abschaffung der sunnitischen Rechtsordnung und die Trennung von staatlichen und religiösen Angelegenheiten eine Gleichberechtigung der verschiedenen Kulturen und Glaubensrichtungen, die es auf dem Gebiet der Türkei gibt.

Auf dem Rasen gelebte Toleranz

Karabulut schätzt, dass in der Region Solothurn etwa 500 alevitische Familien leben. «Unsere Jungen brauchen ein Hobby und einen Platz in der Gesellschaft.» Der Sport sei ein Weg für die Männer, wie sie sich Anerkennung und Respekt verdienen können. In diesem Sinne wolle sich Canspor für die Integration einsetzen. «Die Nationalität spielt dabei keine Rolle, bei uns sind Schweizer, Italiener, Türken und Kurden genau gleich willkommen», sagt der Präsident.

Und Batuk liefert als Sportlicher Leiter ein Beispiel: «Beide Trainer sind Sunniten. Wir lassen politische Gedanken bei Seite. Uns geht es um den Sport und wir wollen den Mitgliedern ein familiäres Umfeld bieten. Durch die Konflikte in der Heimat werden wir uns nicht beeinflussen lassen.»

Vor der Vereinsgründung spielte das Team bereits eine Saison unter dem SC Derendingen in der 5. Liga und wurde Gruppensieger. «Unser Traum ist es, dass Canspor in ein paar Jahren bis in die 3. Liga aufsteigen wird», beschreibt Güney Batuk die sportlichen Ambitionen.

Türkischer SC

«Ein guter Charakter ist für uns viel wichtiger als die Nationalität», sagt Ensar Dagci, Präsident des Türkischen Sportclubs Solothurn. «Bei uns geht es um Freude, Freundschaft und Zusammenhalt.» Den Türkischen SC gibt es bereits seit 1981. «Die heutigen Spieler sind in der Schweiz geboren und bestens in die Gesellschaft integriert», sagt Dagci. Und was hält er von Canspor und vom Kurdischen FC? «Wir vom Türkischen SC haben kein Problem mit den neuen Vereinen und werden uns sportlich verhalten.» Was passiert, wenn jemand am Spielfeldrand provoziert und vielleicht die Ehre des türkischen Präsidenten Erdoğan beleidigt? «Wir hoffen natürlich, dass sich auch der Gegner sportlich verhalten wird», sagt Dagci. «Ob man unseren Präsidenten mag oder nicht, man muss mit ihm leben.» Daran ändere ein Fussballspiel in der 5. Liga nichts. (hps)

Kurdischer FC

«Wir sind nicht politisch. Wir sind ein Sportverein», sagt Namet Catak, Vizepräsident des Kurdischen FC Solothurn. Man respektiere die anderen Vereine mit türkischem Hintergrund und werde sich wie immer sportlich fair verhalten. Hervorgegangen ist der Kurdische FC aus ATEES, dem Verein der Spanier, der seit 2008 nicht mehr aktiv am Spielbetrieb teilnahm. «Acht ehemalige Spieler wollten ATEES wieder aktivieren, aber mit diesem Namen liessen sich kaum interessierte Leute finden», erklärt Catak die Entstehungsgeschichte. Als Kurden habe man sich entschieden, ATEES in Kurdischen FC Solothurn umzutaufen. «Tatsächlich ist es uns so gelungen, viele Kurden aus der Region zum Mitmachen zu motivieren. Wir kämpfen jetzt darum, auf dem Mittleren Brühl ein Spielfeld zu bekommen», beschreibt Namet Catak das derzeit grösste Problem des Kurdischen FC. (hps)