Als er antrat, da war der Solothurner Freisinn angeschlagen. Schon wieder. Nicht nur der Ständeratssitz war weg, im Wahlfrühling 2017 verlor die Partei auch noch den zweiten Regierungsratssitz. Die grosse alte FDP, die im Solothurner Politgeäst so tief verwurzelt ist wie keine andere Partei: Sie war in ihrem Selbstverständnis gekränkt. Sie war eine Partei, die keine Majorzwahlen mehr gewinnen konnte.

Dann kam Stefan Nünlist und versprach, die Partei wieder auf Siegerkurs zu bringen. Der 56-jährige Oltner wollte ein jüngeres und urbaneres Publikum ansprechen. Ein Jahr ist das her. Was ist daraus geworden?

Es ist ein heisser Sommerabend, Nünlist sitzt bei Wasser und Espresso im Hotel H4 in Solothurn und lächelt. Er lächelt auch bei kritischen Fragen. Man merkt schnell: Der Leiter Kommunikation beim Grosskonzern Swisscom kann mit Menschen umgehen, er spielt auf der Klaviatur der Kommunikation. «Parteiarbeit ist Beziehungsarbeit», sagt Nünlist.

So verlief das erste Jahr auch. Es war Beziehungsarbeit. Nünlist entstaubte die Parteiversammlungen. Er moderiert die eher trockenen Abende mit Witz, holt bekannte Köpfe auf den heissen Stuhl. Es fahren jetzt über 100 Leute zur Parteiversammlung ins Schwarzbubenland; der Saal ist auch voll, wenn an einem quälend heissen Sommerabend quälende Details zur Steuervorlage gewälzt werden. Er organisierte einen Fondueplausch mit Bundesrat Schneider-Ammann und seine liebste Erinnerung an ein Jahr Parteiarbeit ist, dass an einer Retraite um halb zwei Uhr nachts die ganze Kantonsratsfraktion noch vollzählig zusammensass. Kein Zweifel: Es soll wieder Freude machen, freisinnig zu sein. Doch reicht dies?

Ob der 56-jährige Oltner einen guten Job gemacht hat, werden erst die Wahlen 2019 zeigen. Ein Erfolgserlebnis hatte die Partei bereits. So klar sie bei der USR III verloren hatte, so deutlich bodigte sie im Boot mit der SVP das kantonale Energiegesetz. «Ich habe einen Freisinn erlebt, der geeint für seine Anliegen gekämpft hat», sagt Nünlist. Parteifrieden statt internes Gezänk wie zuvor oft. Dass die Vorlage von Ex-FDP-Regierungsrätin Esther Gassler stammte? Tempi passati. Das Volk, sogar bis weit in die SP hinein, sah es auch so wie die FDP. Das alte freisinnige Verbandsnetzwerk, von den Hauseigentümern über die Gemeinden bis zu den Wirtschaftsverbänden, spielte wieder.

«Nur über Zeitung wahrgenommen»

Ausserhalb seiner Partei ist Nünlist dagegen nicht gross aufgefallen. SP-Kantonalpräsidentin Franziska Roth kennt ihn erst, seit sie gemeinsam bei einer Bekannten eingeladen waren. «Ohne diese Einladung hätte ich ihn nur über die Zeitung wahrgenommen», sagt Roth. Während sich Nünlists Vorgänger in Details vernarrte und um die fünfte Stelle hinter dem Komma kämpfte, schwebt Nünlist fast schon über dem Tagesgeschäft. Angekündigt hat er vor einem Jahr eine Digitalstrategie, einen FDP-Vorstoss gab es im Kantonsrat, dann wurde es ruhig. «Ich wünsche mir, Themen langfristiger aufs Tapet zu bringen», sagt er selbstkritisch.

Wie sehr ist Nünlist, der nicht im Kantonsrat sitzt, überhaupt mit der Kantonspolitik verbunden? «Wichtig für mich als Präsident sind strategische politische Fragen, unsere Parteiarbeit, Kampagnen, Personelles und Finanzen.» Das politische Tagesgeschäft sei Sache von Fraktionspräsident Peter Hodel. Konkrete Forderungen hat Nünlist dennoch: Dringend erwartet er eine Wirtschafts- und Wachstumsstrategie von der Regierung. «Dass der Kanton 370 Mio. Franken aus dem eidgenössischen Finanzausgleich erhält, muss Ansporn für einen Masterplan sein. Wir verkommen zum Armenhaus der Schweiz.»

Tritt Nünlist als Ständeratskandidat an?

Als angehender Diplomat ist Nünlist einst ins Berufsleben gestartet, er lebte in Südafrika, war als Mitarbeiter eines FDP-Bundesrates in der Berner Schaltzentrale der Macht, beim Milliardenkonzern Swisscom sitzt er in der Konzernleitung. Jetzt klappert er in seiner Freizeit Ortsparteien und Verbandsversammlungen ab. «Ich habe gelernt, wie ländlich der Kanton ist. Ohne Auto kann man nicht Parteipräsident sein», sagt er. Warum macht er das? Es mache ihm Spass, sagt Nünlist. Er habe einfach Freude am Umgang mit Menschen.

Zurück in die Hotelbar in Solothurn. Man kann dem Kommunikationsprofi nichts Unbedachtes entlocken, Fettnäpfchen umschifft er zuverlässig. Trotzdem der Versuch: Wird der Freisinn bei den Ständeratswahlen antreten? Erstmals zögert er kurz: «Eine Mehrheit der Solothurner ist nicht im Ständerat vertreten. Das hat die Energieabstimmung gezeigt. Die Wähler müssten eine liberale Alternative haben», sagt er. Aus seiner persönlichen Sicht müsse der Freisinn «antreten und kämpfen». Und klar: «Es gibt genug fähige Kandidaten».

Noch ein wenig mehr Glatteis: Die heikle Frage: Würde er selbst denn auch antreten? Er lächelt sein Lächeln. «Zuerst muss die Frage, ob wir antreten, in den Gremien und in der Partei geklärt werden», sagt er. Dann doch: «Es obliegt dem Präsidenten, voranzugehen und zu kämpfen.» Ein klares Statement?

Nünlists Ziel bei den Wahlen: «Den Marktanteil verbessern». Der Traum: Wieder zwei Sitze in Bern. Einfach werden dürfte dies nicht, gerade wenn kein Ständeratssitz frei ist. Ohne Kurt Fluri fehlen bei den Nationalratswahlen die Stimmen für den zweiten Sitz, mit Fluri hat kaum einer eine Chance auf den Sitz. Kürzlich sprang gar Anita Panzer ab, die Kantonsrätin, der viel zugetraut wurde. Die Nachwuchshoffnung sah offenbar wenig Entwicklungsmöglichkeiten. Als einer, der wie jeder grosse Baum grossen Schatten wirft, hatte Nünlist Fluri einst beschrieben. «Es gibt dichtes Unterholz. Wir haben gute Kandidatinnen und Kandidaten», sagt er jetzt. Nur: Auch Kurt Fluri scheint es in der FDP noch Spass zu machen.