«Tag der Tat»
Freund überlebte Leukämie nicht - sie kann nun vielleicht ein Leben retten

Eine Transplantation von Blutstammzellen kann Kindern und Erwachsenen, die an einer Blutkrankheit leiden, das Leben retten. Noch gibt es nur wenige Spender. Sarah Koch wurde Spenderin, nachdem ihr an Leukämie erkrankter Freund starb.

Marina Stalder
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Sarah Koch spendete selber Blutstammzellen.

Sarah Koch spendete selber Blutstammzellen.

Hansjörg Sahli

Die Diagnose trifft die Betroffenen oft unerwartet: An lebensbedrohlichen Blutkrankheiten wie Leukämie erkranken in der Schweiz jedes Jahr rund 1000 Kinder und Erwachsene. Oft könnte ihnen eine Transplantation von Blutstammzellen helfen. Weil es aber auf verschiedene Gewebemerkmale ankommt, für die es Milliarden verschiedener Kombinationen gibt, ist es schwer, einen passenden Spender zu finden. Doch: Je mehr Leute als Spender eingetragen sind, desto höher ist die Chance, auch einen Passenden zu finden.

Sarah Koch (26) aus Solothurn hat die Suche nach einem Spender selber miterlebt und wurde auch zur Spende eigener Blutstammzellen eingeladen.

Kampf gegen die Leukämie

Im Dezember 2013 litt Sarah Kochs Freund unter typischen Grippesymptomen. Als diese Symptome auch nach längerer Zeit nicht abklingen wollten, musste er für eine Kontrolluntersuchung ins Spital. Nach mehreren Abklärungen und einer Knochenmarkpunktion dann die Diagnose: Ihr Freund war an akuter myeloischer Leukämie erkrankt. «Uns blieb kaum Zeit, um uns wirklich mit dem Thema zu befassen. Ihm ging es immer schlechter, sodass er kurz drauf auf die Intensivstation verlegt werden musste.»

Er bekam während der Chemotherapie auch Antibiotika und langsam besserte sich sein Zustand. Drei Monate später wurde ihr Freund aus dem Spital entlassen. Die Ärzte empfahlen eine Blutstammzelltransplantation, da dies die einzige Möglichkeit gewesen sei, die Leukämie nachhaltig zu bekämpfen. «Die Suche dauerte nicht lange, da sein Bruder glücklicherweise für ihn spenden konnte.»

Die Spende fand im August 2014 statt, danach folgte die schwerste Zeit für Sarah Kochs Freund. Er musste aufgrund des geschwächten Immunsystems fünf Wochen im gleichen Raum bleiben und konnte nur wenige Leute sehen. «Es sah damals gut aus.» Aber man muss 100 Tage warten, bis man erkennen kann, ob die neuen Blutstammzellen richtig arbeiten. Sarah Koch: «Am Tag 99 hatte er eine Kontrolluntersuchung, die ergab, dass sein neues Immunsystem sich noch nicht entwickeln konnte und der Krebs zu resistent war. Die Ärzte gaben ihm noch drei Monate.»

Ihr Freund kämpfte weiter, musste aber im Januar dieses Jahres mit einer Lungenentzündung wieder ins Spital. «Einen Tag, nachdem er den Wunsch äusserte, auf jede weitere Behandlung zu verzichten, schlief er friedlich ein.»

Dass eine Blutstammzellentransplantation nicht funktioniert, ist leider kein Einzelfall. Dennoch ist es oft die letzte Hoffnung für Patienten und kann ebenso auch zur Heilung führen.

Ein Zeichen

Das Jahr der Krankheit und die Zeit nach dem Tod ihres Freundes waren für Sarah Koch emotional schwierig. Für die Verarbeitung des Geschehenen half aber auch der Anruf, der drei Wochen später einging. «Ich wurde für eine Blutstammzellspende angefragt, obwohl ich gar nicht mehr daran gedacht habe, dass ich mich einen Monat nach der Diagnose als Spenderin registrieren liess.» Sie konnte sich entscheiden, ob sie auch wirklich spenden möchte. «Für mich war das ein Zeichen. Mein Freund musste gehen, aber durch ihn habe ich mich registriert und konnte so vielleicht ein Leben retten, deshalb habe ich sofort zugesagt.»

Für die Gewebetypisierung und die Registrierung als Spender werden Wattestäbchen verschickt.
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80 Prozent der Spenden erfolgen peripher.
Bei der Spende wird das Blut über einen Katheter zu einem Zellseparator geführt. Dort werden die Blutstammzellen aus dem Blut abgetrennt und gesammelt.

Für die Gewebetypisierung und die Registrierung als Spender werden Wattestäbchen verschickt.

zvg

Sie musste ein paar Wochen später zu einer Kontrolle nach Bern, wo sie über die ganze Spende informiert wurde und nochmals ihre Einwilligung erfragt wurde und welcher Spendeart sie zusagen würde. Danach ging es zwei Monate, bis sich wieder jemand meldete. Im Mai wurde Sarah Koch, wie die meisten Spender, für eine periphere Blutstammzellspende (siehe Infobox) in Basel aufgeboten. Etwa eine Woche vor der Spende musste sie Wachstumsfaktoren spritzen, damit sich die Blutstammzellen vom Knochenmark lösten und ins Blut gelangten. Die Spende verlief sehr ruhig. «Ich musste fünf Stunden liegen und wurde vom Pflegepersonal umsorgt. Es kam auch eine Freundin zu Besuch und mein Vater holte mich nach der Spende ab.»

Den Beteiligten steht nach der Spende ein einmaliger, anonymer Briefkontakt zur Verfügung. Auch wenn sie gerne über die Verfassung des Empfängers Bescheid wüsste, will sie den Briefkontakt seinerseits abwarten.

Solidarität zeigen

Dass sich auch andere Leute als Spender registrieren, ist Sarah Koch ein grosses Anliegen. «Es wäre schön, wenn sich mehr Leute solidarisch zeigen und anderen Menschen so helfen könnten.» Sie hätte sich gefreut, wenn sich im Kanton Solothurn mehr Vereine für den «Tag der Tat» angemeldet hätten und hofft, dass die beiden Samaritervereine in Lommiswil und Breitenbach erfolgreich sein werden. «Es gibt so viele Krebsarten, bei denen man nichts tun kann. Hier kann jeder helfen und Leben retten, in der Schweiz und weltweit.»

Monika Schaad vom Samariterverein Lommiswil will am Samstag in ihrem Dorf informieren: «Eine Registrierung ist einfacher, als man denkt und man kann enorm viel damit bewirken. Ich mache selber am ‹Tag der Tat› mit, weil ich Gutes bewirken und helfen will.»

Informationen rund um die Spende

Um Spender zu werden, kann man sich bei Swiss Blood Stem Cells (SBSC), einem Bereich der Blutspende SRK Schweiz, online oder per App registrieren. Danach werden für die Gewebetypisierung Wattestäbchen für die Entnahme einer Mundschleimhautprobe zugesendet. Diese Probe wird zusammen mit den Unterlagen an Swiss Blood Stem Cells retourniert.

Wichtige Registrierung

Damit eine Transplantation wirklich gelingt, müssen die Gewebemerkmale (Humane Leukozyten-Antigene, auch HLA-Merkmale), also die Strukturen auf den Oberflächen der Körperzellen von Empfänger und Spender übereinstimmen. Weil es bei diesen Merkmalen Milliarden verschiedener Kombinationen gibt, kann die Chance, den richtigen Spender zu finden, durch eine weltweite Datenbank erhöht werden. Wird man zur Spende eingeladen, kann es also gut sein, dass man nicht einem Patienten aus der Schweiz, sondern aus einem anderen Land Blutstammzellen spendet. Dies ist wichtig, weil nur in rund 20 bis 30 Prozent der Fälle ein Spender innerhalb der Familie gefunden werden kann. SBSC führt die Spenderdatenbank in der Schweiz mit 58 168 registrierten Spendern.

Zwei Arten der Blutstammzellspende

80 Prozent der Spenden erfolgen peripher. Dabei werden mithilfe von Wachstumsfaktoren die körpereigenen Blutstammzellen aktiviert, damit sie sich vermehren und vom Knochenmark (nicht zu verwechseln mit dem Rückenmark) in den Blutkreislauf abgegeben werden. Bei der Spende wird das Blut über einen Katheter zu einem Zellseparator geführt. Dort werden die Blutstammzellen aus dem Blut abgetrennt und gesammelt. Das übrige Blut fliesst zum Spender zurück. Der Vorgang dauert drei bis sechs Stunden und hat keinen nennenswerten Blutverlust zur Folge.

Die zweite Art ist die Knochenmarkspende. Dabei wird dem Spender unter Vollnarkose mit einer Spritze Knochenmark in mehrfachen Punktionen aus dem Beckenkamm entnommen. Die Entnahme dauert etwa zwei bis drei Stunden. Das Knochenmark regeneriert sich in der Regel innert vier Wochen vollständig.

Tag der Tat

Am 22. August findet schweizweit der Tag der Tat statt. An diesem Tag setzen sich verschiedenste Vereine und Organisationen dafür ein, dass die Bewohner ihrer Region besser über die Blutstammzellspende informiert sind und erfahren, wie und wo sie sich als Spender melden können. Im Kanton Solothurn nehmen der Samariterverein Lommiswil und der Samariterverein Breitenbach und Umgebung an der Aktion teil. Die Aktion soll helfen, das 10 000-Spender-Jahresziel der Blutspende SRK Schweiz zu erreichen.

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