Biodiversität

Freudige Nachricht für Baumfreunde: Hochstammbäume für mehr Biodiversität

Mit 3000 Franken bereitete der Oensinger Verein den Baumfreunden viel Freude.

Mit 3000 Franken bereitete der Oensinger Verein den Baumfreunden viel Freude.

Zum 50. Jubiläum verschenkte der Natur- und Vogelschutzverein Oensingen Hochstammbäume. Damit löste er einen kleinen Ansturm aus.

Drei Grad Celsius. Das Wetter ist trüb und kalt. Man glaubt, kleine Wassertröpfchen auf seiner nun bestimmt hervorgeholten Winterjacke zu spüren. Die Kälte beisst an den Händen und ein Zeh scheint sich schon in die Taubheit verabschiedet zu haben. Eigentlich kein Wetter, an welchem man gerne am Samstagmorgen aus dem warmen Bettchen schlüpft.
Doch den vergangenen Samstag haben rund 50 Leute aus der Region Thal-Gäu lang ersehnt: Autokolonnen mit Anhängern künden um 10 Uhr früh ihre Ankunft an. Das ist ungewöhnlich reger Verkehr für die Ausserbergstrasse 15 in Oensingen, wo die Menschen mit heissem Kaffee und guter Laune erwartet werden. Auch ein sehr ungewöhnliches Bild bieten die 50 dünnen, laublosen Jungbäume, die angelehnt an die Gebäudefassade auf ihre neuen Pfleger warten.

Es ist eine Jubiläums-Aktion des Natur- und Vogelschutzvereins Oensingen: Seit einem halben Jahrhundert nun kümmert sich der Verein um den Erhalt der Artenvielfalt in der Region. Das wurde vergangenen Juni im Rahmen einer öffentlichen Ausstellung im Bienkensaal gefeiert: Man konnte unter anderem Wildblumen ersteigern, dem Vortrag eines Falkners über Greifvögel zuhören oder sich über Kleinstrukturierungen zum Erhalt der Artenvielfalt im eigenen Garten informieren.

Birnen-, Quitten- und Zwetschgenbäume

Was aber besonders auf Interesse stiess, waren die 50 – ja, 50 zum 50. Jubiläum – Hochstamm-Obstbäume, die der Verein damals verschenkte. «Bereits vor Anlassbeginn standen die Leute Schlange, um sich einen Baum sichern zu können», sagt Markus Peier. Der Präsident des Vereins habe sich im Vorfeld sogar noch Sorgen gemacht, ob die Bäume auch tatsächlich wegkommen. Doch der Ansturm war ebenso gross wie die Auswahl der Obstbäume: Die Interessenten konnten je nach Wunsch und Präferenz diverse Apfelsorten sowie Birnen-, Quitten- und Zwetschgenbäume in Bestellung geben.

«Wir sind in einem Zeitalter, wo Hochstamm-Hostetten immer mehr leblosen Flächen weichen müssen», erklärt Vereinspräsident Markus Peier den Hintergrund der Aktion. Man wolle diesem Verschwinden von wertvollen Ökosystemen entgegenwirken und verteile daher bewusst Hochstamm- und keine Niederstammbäume. Erstere bieten laut Peier Lebensräume für über 300 Insektenarten sowie Nistplatz für diverse Vogelarten. Niederstammbäume hingegen seien praktisch wertlos für die Natur. «Er ist einzig für den Menschen von Nutzen.»

Weg von der Monokultur für die Diversität

Für die Aktion nahm der Verein rund 3000 Franken in die Hand und beauftragte damit die Baumschule in Diegten. Trotz dem Rabatt, den sie erhielten, ist das eine beachtliche Belastung für die Vereinskasse, zumal der Verein nicht direkt davon profitiert. «Es ist wichtig, mit dem Anliegen präsent zu sein im Dorf», erklärt Peier. Ihre Botschaft lautet: Weg von der Monokultur und wieder zurück zur Biodiversität. Diese richtet sich vor allem auch an diejenigen, die in ihrem Garten lieber mineralreiches Stein sehen als lebendige Pflanzen.
Nun, fünf Monate nach dem Jubiläumsanlass, ist die Zeit reif, die jungen Hochstammbäume ihren neuen Besitzern abzugeben und sie zu pflanzen. Bekannte, Verwandte, Freunde und Kollegen aus den benachbarten Natur- und Vogelschutzvereinen treffen nacheinander ein. Ein jeder erhält zu seinem bestellten Bäumchen eine Anleitung zur fachgerechten Pflanzung.

«Ihr müsst sie innerhalb der nächsten drei Tage einpflanzen», gibt Markus Peier den teilweise unerfahrenen Baumfreunden einen Ratschlag mit auf den Weg, als er ihnen zusätzlich einen Holzpfahl in die Hand drückt. Mit diesem soll der noch biegsame Baum gestützt werden, damit er nicht bei jedem Windstoss die Wuchsrichtung ändert. Die Absichten der Baumfreunde sind ganz unterschiedlich: Ein junger Herr aus Oensingen beispielsweise will den Birnenbaum für seine zweijährige Tochter pflanzen. Eine andere Abholerin erhofft sich, bald feinen «Zwätschgegonfi» aus den Früchten des Baumes herstellen zu können. Besonders begeistert über die Aktion zeigt sich eine Oensingerin, die ihren Baum dem Kindergarten in Kappel schenken wird. Dort statte sie als Mitglied des Natur- und Vogelschutzvereins Oensingen regelmässig Besuche ab, um die Kinder auf die Natur zu sensibilisieren. Doch sie meint: «Leider erreicht die Aktion nur die, die sich ohnehin für mehr Biodiversität einsetzen.»

Umso mehr Bedeutung erhalten daher die weiteren Aktivitäten des Vereins für die Natur: Der Natur- und Vogelschutzverein pflegt zwei Biotope in der Region Oensingen und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Anwohner auf ihre Rolle in der Erhaltung der Biodiversität aufmerksam zu machen. Eine ähnliche Aktion wie die am Samstag sei aber erst möglich, «wenn wir wieder mehr Geld haben», sagt Markus Peier lachend.

Er scheint dennoch zufrieden. Genauso wie die neuen Besitzer der Hochstamm-Obstbäume, die sich nun in der Eiseskälte mit Schaufel und Spaten an die Arbeit machen müssen.

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