Reto M.* soll sein eigenes Kind, der zur Tatzeit viereinhalb Jahre alten Paula*, sexuell misshandelt haben. 30 Monate Freiheitsstrafe, davon sechs Monate unbedingt, hatte M. dafür gekriegt.

Zu Unrecht, wie der Schweizer gestern vor dem Obergericht beteuerte. Die Anschuldigungen seien lediglich ein Rachefeldzug der Ex-Freundin und Kindsmutter Nadine O.* Die beiden Eltern hatten sich 2003 getrennt, rund anderthalb Jahre nach Paulas Geburt, drei Jahre vor der Tat.

«Sie haben das Video der Befragung gesehen, in dem ihre Tochter gegen Sie ausgesagt hat», hielt Richter Hans-Peter Marti gestern fest. «Wieso sollte sie das tun?» Unter Tränen sagte der heute 29-jährige Reto M. aus, er habe keine Ahnung, weshalb sein Kind so etwas über ihn sage. «Dieser Vorfall hat nie stattgefunden.» Das Verhältnis zwischen ihm und seiner Tochter seit stets gut gewesen. Sie habe sich immer gefreut, ihn zu sehen.

Eine Frau der Tat, nicht der Intrige

Anders sah dies Nadine O. «Paula wollte nicht mehr zu ihrem Papi; sie weinte, wenn sie von den Besuchen nach Hause kam», sagte sie gegenüber dem Obergericht. «Also fragte ich sie, was passiert sei. Und sie antwortete, der Vater habe ihr das Höschen ausgezogen und sein ‹Schnäbi› unten reingesteckt. Dann hat er sich entschuldigt und ist unter die Dusche gegangen.»

Das Kind sei traumatisiert, spreche noch heute, mit elf Jahren, den Vorfall an und habe eine Abneigung gegenüber Männern. Den Vorwurf, sie habe dies alles dem Kind bloss eingeredet, sei eine Frechheit.

«Ich würde mein Kind nie so manipulieren. Und wenn, dann hätte ich es 2003 getan, als ich wütend und eifersüchtig war, nicht 2006, als ich eine glückliche Beziehung führte.» In der Tat hatte Nadine O. nach der Trennung aus Eifersucht die Autoreifen der neuen Freundin von Reto M. mit Nägeln durchlöchert, was sie auch zugab.

Ausserdem sei es bei den Übergaben an den Wochenenden immer zu Streit zwischen den Eltern gekommen, weshalb schliesslich das Mädchen von einer Beiständin zu seinem Vater gebracht wurde. Die Beiständin unterstützte O., die nach der Trennung unter psychischen Problemen litt.

Dass Nadine O. aber ihr Kind instrumentalisiert haben könnte, bezweifelte auch Staatsanwältin Petra Grogg in ihrem gestrigen Plädoyer. «O. ist eine Frau der Tat, keine Frau der Manipulation. Durch ihre psychische Situation wäre sie gar nicht in der Lage gewesen, Intrigen auszuhecken und aufrecht zu erhalten.»

Des Weiteren sei für das Gericht nicht die Glaubwürdigkeit der Mutter, sondern die Glaubhaftigkeit der Aussagen von Paula relevant. Dass sich der Vater nach der Tat entschuldigte, sei ein Detail, das sich weder Nadine O. noch Paula ausgedacht haben könne.

Härtere Strafe gefordert

Reto M. sei in allen Anklagepunkten, auch jenem des Inzests, schuldig zu sprechen, so Grogg. Er sei in die Scheide des Mädchens eingedrungen und habe nicht bloss seinen Penis daran gerieben, wie die Vorinstanz vermutet hatte. Und er habe das Kind genötigt, ihm gedroht, seiner Mutter etwas anzutun, sollte es von dem Vorfall erzählen.

«Das Erlebte wird Auswirkungen auf die Entwicklung von Paula haben, auch auf künftige Beziehungen.» Grogg beantragte daher, die Freiheitsstrafe auf 36 Monate, davon 24 unbedingt, zu erhöhen.

Die Verteidigung entgegnete, dass die widersprüchlichen Aussagen der Mutter sehr wohl hinterfragt werden dürfen. Etwa, was den Zeitpunkt anbelangt, an dem das Kind von der Tat erzählte. Zudem habe das Mädchen bei der Befragung immer wieder zur Mutter geschaut, wenn heikle Fragen kamen, und erst auf ihr Drängen geantwortet. Dabei hätten die Antworten gewirkt als wären sie auswendig gelernt. Die Sachlage sei nicht ausreichend, um M. zu verurteilen.

Das Obergericht sprach Reto M. frei – und zwar aufgrund des Grundsatzes: im Zweifel für den Angeklagten. Das Kind sei zwar nicht bewusst von der Mutter beeinflusst worden. Es habe aber in einem Umfeld gelebt, das stark vom Hass der Mutter gegen den Vater geprägt war. Reto M. erhält eine Genugtuung von 5000 Franken zugesprochen.

* Name von der Redaktion geändert