Eines vermisst Fredy Meury nicht mehr. Ob er sonntags für seine Familie kochte oder ob er gerade in den Ferien war: Immer war das Natel dabei. Jederzeit hätte ihn dessen Klingeln an seinen Beruf erinnern können. Oft tat es dies auch.

23 Jahre lang stand Meury in Führungspositionen bei der Stiftung Kinderheime Solothurn (SKSO), die morgen Samstag ihr 60-jähriges Bestehen feiert. Bis im März war Meury non-stop auf Standby.

Hände wie Pranken hat der 63-Jährige, an den Fingern dicke Ringe, am Handgelenk einen schwarzen Pulswärmer. Meury sitzt in einem Besprechungszimmer im Kinderheim Böglihuus in Derendingen. Ein weisser Tisch, fünf Stühle in fünf Farben. Meury brach gleich mit einer Konvention, als er 1993 die Leitung des Kinderheimes «Huus am Schärme» in Hägendorf übernahm, das 1960 gegründete «Stammhaus» der SKSO.

Er zog mit seiner Familie nicht ins Haus ein. Meury wollte nicht Heimvater sein und keine Grossfamilie leben. «Das hat mich fast die Wahl gekostet», blickt er zurück. Meury arbeitete fortan mit einem professionellen Team an Betreuern. «Familie kann man nicht spielen», sagt er bestimmt.

Meury und sein Team wollten anders als frühere Heimleiter-Generationen nie die Eltern ersetzen. Das Heim soll, wenn immer möglich, nur eine Zwischenlösung bleiben. «Jedes Kind hat das Recht auf seine Familie und soll möglichst schnell zurück», sagt er. «Es ist ein schwerer Eingriff, wenn die Behörden Kinder platzieren.»

In der Gründerzeit des Heimes hatten Eltern fast keinen Zutritt, hat Meury in alten Protokollen nachgelesen. Es gab die Geburtstagsstunde oder den Weihnachtsbesuch. Heute sind die Eltern jederzeit willkommen. «Manche kommen und bringen ihre Kinder dreimal die Woche ins Bett.» Meury weiss: «Wenn ich es nicht schaffe, die Mutter ins Boot zu holen, dann habe ich verloren». Ein Grundsatz hat den 63-Jährigen stets geleitet: «Die Mutter hat immer recht, egal was war und ist.»

«Das geht nicht auf»

Jetzt, nach Meurys Abschied, verfolgen die Kinderheime der SKSO konsequent einen Schritt weiter, den sie schon in den letzten Jahren eingeschlagen haben. Kinder sollen gar nicht mehr ins Heim. Die Fachkräfte sollen, wenn immer möglich, die Familie zu Hause unterstützen.

«Heute versuchen wir, die Eltern zu befähigen, dass sie ihren Job machen. Wir haben Eltern, die nicht wissen, wann sie waschen oder einkaufen müssen oder wie ein Tagesablauf mit Kindern organisiert werden muss. Das trainieren wir in der Familie.» Trotzdem weiss Meury: «Ein paar Kinder werden bei uns bleiben.» Er dreht am Kugelschreiber. «Weil die Eltern nicht in der Lage sind. Es sind Eltern, die psychische Belastungen haben, die schwerer wiegen.»

Doch auf Behördenebene stehen die finanziellen Strukturen noch immer den neuen Methoden entgegen: «Jeder besetzte Platz sichert die Wirtschaftlichkeit eines Heims. Wir brauchen 90 Prozent Auslastung.» Gehen die Kinder früher nach Hause, wird dies für Heime schwierig. «In der Familie zu arbeiten, spart der Gesellschaft Geld. Aber als Heim machst du Minus. Das geht nicht auf», sagt Meury. Mehrere tausend Franken kostet eine Heimplatzierung pro Monat. Ist der Platz leer, geht das schnell ins Geld. So oder so: Das Heim ist auf Spenden angewiesen. Nicht für den Alltag, sondern für Freizeitaktivitäten, Musikunterricht, Anschaffungen oder Ausflüge und Ferienlager.

Hilfe, auch für die Eltern

«Ich habe meinen Job sehr breit gefächert verstanden», sagt Meury. Immer wieder hat er Eltern unterstützt – über seinen eigentlichen Auftrag hinaus. Er hat geschaut, dass ein Vater wieder eine Wohnung hat, sass alle zwei Wochen mit ihm zusammen, damit er wieder ein Konto führen kann. Auch auf seine Initiative hin begannen die neun Nicht-IV-Institutionen für Kinder und Jugendliche im Kanton mit einer losen Zusammenarbeit.

Die übliche Kritik an der angeblich so bürokratischen Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Kesb mag Fredy Meury nicht teilen. «Am Anfang war es etwas chaotisch. Aber es läuft jetzt gut», sagt er. «Wir haben aktuell eine übervorsichtige Kesb. Sie überlegen sich sehr gut, ob sie ein Kind platzieren wollen. Das führt dazu, dass Kinder erst sehr spät zu uns kommen.» Meury: «Früher haben Alkohol oder Hunger oft gereicht. Heute ist das längst nicht mehr so, und das ist auch richtig. Aber es wird spät platziert. Manchmal vielleicht fast zu spät, was dann wesentlich mehr Geld kostet.»

Schwierige Fälle fordern heraus

Haben alle Kinder die gleichen Chancen, auch wenn sie ins Heim gehen? Grundsätzlich ja, findet Meury. Er schränkt aber ein: «Das Heim kann auch nicht alle Probleme lösen. Irgendwann hat das Heim keinen Einfluss mehr.» Vielleicht jedes dritte Kind meldet sich später wieder. «Jedes Kind, auch wenn es gerne hier war, ist froh, wenn es rauskommt», sagt Meury.

Als «guter Basler» hat er zuerst Laborant gelernt, bevor er soziokultureller Animator wurde. «Es ist kein Schoggi-Job», blickt er auf seine Berufsjahre zurück. «Wie gehst du damit um, wenn etwas passiert?», fragt er. «Das Verarbeiten einiger Geschichten war schwierig. Aber die schwierigsten Fälle lagen mir am nächsten. Sie haben den grössten Platz, weil sie herausfordern und testen, ob der trotzdem zu mir hält.»