Obergericht

Frauenverprügler will stationäre Massnahme nicht akzeptieren

Obergericht beurteilt einen schweren Fall von häuslicher Gewalt. niz

Obergericht beurteilt einen schweren Fall von häuslicher Gewalt. niz

Ein 44-jähriger Frauenverprügler stand am Mittwoch vor Obergericht. Er wehrte sich gegen eine stationäre Therapie, die ihm das Amtsgericht aufgebrummt hatte. «Bei einer stationären Massnahme ist für mich kein Haftende in Sicht», erklärte Martin Z.

Drogen und Alkohol bestimmten über Jahre das Leben von Martin Z.* 2006 verlor der heute 44-jährige Schweizer wegen seines Lebenswandels die Arbeit. Fortan lebte er von der Sozialhilfe und, da seine ebenfalls drogenabhängige Ehefrau verstorben war, von einer Witwer-Rente. Nach ihrem Tod befreundete er sich mit Petra M.* Auch sie konsumierte Drogen und Alkohol.

Im Rausch kam es zwischen den beiden immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen. Martin Z. schlug und trat wiederholt seine Freundin. Bei einem besonders heftigen Streit im April 2009 warf Z. gegen Petra M. gar einen Stein. Dieser traf die Frau am linken Auge. Die Verletzung war derart schwer, dass Petra M. heute mit diesem Auge nur noch einen Lichtschein wahrnehmen kann.

Doch Petra blieb nicht Martins einziges Opfer. Im November traktierte er eine weitere Freundin mit den Fäusten derart, dass sie eine Hirnblutung erlitt. Diese Hirnblutung führte bei ihr zu linksseitigen Lähmungen; insbesondere war der Arm gelähmt.

«Kein Haftende in Sicht»

Das Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt verurteilte Martin Z. unter anderem wegen schwerer Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren sowie zu einer stationären therapeutischen Massnahme. Der psychiatrische Gutachter Matthias Walter kam zum Schluss, dass bei Martin Z. neben den Suchtproblemen eine Persönlichkeitsstörung vorliege. Er empfahl deshalb eine stationäre Massnahme.

Gegen das Strafmass und insbesondere gegen die stationäre Massnahme legte Z., der sich seit Februar 2010 im vorzeitigen Strafvollzug befindet und zurzeit auf dem Thorberg (BE) inhaftiert ist, Berufung ein.

Gutachter bleibt dabei

«Bei einer stationären Massnahme ist für mich kein Haftende in Sicht», erklärte Martin Z. an der gestrigen Appellationsverhandlung am Obergericht. Er würde denn auch nach der Verbüssung der Freiheitsstrafe in ein so genanntes Massnahmezentrum verbracht, möglicherweise in die nicht geschlossene Anstalt St. Johannsen (BE) am Bielersee. Dies will Martin Z. auf keinen Fall. Er wehre sich nicht gegen eine Therapie, schliesslich mache er im Thorberg eine, aber diese müsse ambulant geschehen. «Ich würde in Freiheit sogar freiwillig eine Therapie machen. Im Thorberg habe ich meine Lektion gelernt. Ich will nicht mehr in den gleichen Sumpf zurückgeraten.» Auf die Frage seines amtlichen Verteidigers Hans Schatzmann, ob denn im Thorberg Drogen und Alkohol verfügbar seien, sagt Z.: «Wer will, erhält alles.» Er habe aber vom Angebot nie Gebrauch gemacht.»

Das Führungszeugnis hält fest, Martin Z. verhalte sich wohl, sei anständig und freundlich, er erledige seine Arbeit motiviert, selbstständig und zuverlässig. Gutachter Walter erklärte gestern dem Gericht, dass Wohlverhalten normalerweise keine Rückschlüsse auf das Verhalten nach dem Strafvollzug zulasse. Z. lege in Situationen, in denen er sich provoziert fühle, eine ausserordentliche Reizbarkeit an den Tag.

Warum denn ein solches Verhalten von der Psychologin, die Martin Z. therapiert, nicht festgestellt worden sei, wollte Oberrichter Daniel Kiefer wissen. Darüber könne er nur den Kopf schütteln, antwortete Psychiater Walter. Die Psychologin sei gar nicht ausgebildet, eine medizinische Prognose zu stellen. Walter hielt an der Empfehlung einer stationären Massnahme fest.

Verteidiger: «Unverhältnismässig»

Nach Martin Z.s Berufung hatte auch die Staatsanwaltschaft appelliert, allerdings nur gegen das Strafmass. Bei der Verhandlung vor Amtsgericht hatte Staatsanwältin Petra Grogg noch eine Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren gefordert. Gestern nun plädierte sie für eine Strafe von sechseinhalb Jahren.

Verteidiger Schatzmann dagegen sagte, es müsse eine angemessene Strafmilderung in Betracht gezogen werden. Bei aller Verwerflichkeit der Taten habe Z. diese nie geplant, und er habe auch nie die Absicht gehabt, seine Opfer zu verletzen und dauerhaft zu schädigen. Was die stationäre Massnahme betreffe, so habe der Gutachter offensichtlich eine vorgefasste Meinung über seinen Mandanten. Dagegen habe Z.s Therapeutin keine unkontrollierbare Impulsivität an ihm feststellen können. Eine stationäre Massnahme wäre unverhältnismässig, die Behandlung der Persönlichkeitsstörung dagegen sei ambulant möglich. Das Obergericht wird sein Urteil voraussichtlich heute bekannt gegeben.

* Name von der Redaktion geändert

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