Frauenstreik
«Es ist schön zu sehen, dass man nicht alleine kämpft»: Solothurner Frauen streiken für Gleichberechtigung

Lohngleichheit, Anerkennung der Care-Arbeit, keine Gewalt an Frauen: Dafür demonstrierten die Menschen am Solothurner Frauenstreik.

Ann-Kathrin Amstutz
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Mit Lärm gegen Lohndiskriminierung: Die Frauen melden sich am Streiktag lautstark zu Wort.

Mit Lärm gegen Lohndiskriminierung: Die Frauen melden sich am Streiktag lautstark zu Wort.

Corinne Glanzmann

Violett ist die dominierende Farbe in der Solothurner Innenstadt. Violett, die Farbe des Frauenstreiks. Dutzende Menschen - hauptsächlich Frauen, aber auch solidarische Männer - strömen in Gruppen durch die Altstadt. So unterschiedlich die Altersgruppen sind und so divers die Menschen, die sich auf der Strasse einfinden, sie alle kämpfen für dasselbe Ziel: für Gleichberechtigung und eine bessere Zukunft für alle Menschen.

Der Frauenstreik ist dieses Mal extra dezentral organisiert - einen grossen Umzug gibt es nicht, dafür aber verschiedene Posten in der Altstadt. Das inoffizielle Zentrum ist der Kreuzacherplatz, wo um 15.19 Uhr eine Lärmaktion stattfindet. Ab dieser Uhrzeit arbeiten Frauen aufgrund der Lohndiskriminierung nämlich gratis. Mit Pfannendeckeln, Büchsen, Trillerpfeifen, Rasseln und wohl über hundert Stimmen machen die Frauen mächtig Lärm - mehrere Minuten lang.

So laut waren die Frauen um 15.19 Uhr:

Ann-Kathrin Amstutz

Unter den Frauen sind auch Evelyn und Olga mit ihren Töchtern Noelya und Moana. «Mein Mann ist leider noch nicht so weit, dass er mitgekommen ist», sagt Evelyn mit einem Lachen. Aber immerhin hat er das Plakat gemalt, das die vier stolz vor sich her tragen.

Olga und Evelyn mit Noelya und Moana - und dem von Evelyns Ehemann gemalten Plakat.

Olga und Evelyn mit Noelya und Moana - und dem von Evelyns Ehemann gemalten Plakat.

Corinne Glanzmann

Für Evelyn ist klar, dass sie am Streik teilnimmt. Besonders, da in ihrem Umfeld viele Frauen das Gefühl hätten, man müsse sich mit dem Erreichten zufrieden geben:

«Ich habe Angst, dass die Frauen resignieren anstatt weiterzukämpfen»,

erklärt sie. Und Olga fügt an: «Auf einem guten Weg zu sein bedeutet, dass wir dranbleiben müssen.» Denn wer nicht für seine Rechte einstehe, werde nicht gehört.

Anja Kruysse und Susanne Grütter.

Anja Kruysse und Susanne Grütter.

Corinne Glanzmann

Diese Ansicht teilen Anja Kruysse und Susanne Grütter. Sie sind überzeugt, dass der Streik nur eines von vielen Mitteln ist, um Gleichberechtigung zu erreichen. «Jeder Mensch soll nach seinen Fähigkeiten, Begabungen und Vorstellungen leben können», sagt Anja. «Das sollte eigentlich selbstverständlich sein.» Susanne streikt auch für ihre Söhne, denn das gesellschaftliche Korsett betreffe auch die Männer: «Der Streik ist für alle gut», sagt sie. Und sie selbst nehme enorm viel positive Energie mit: «Es herrscht ein wunderbares Wir-Gefühl. Es ist schön zu sehen, dass man nicht alleine kämpft.»

«Die Geschlechter leben in unterschiedlichen Realitäten»

Neben der Kaffeestube und der Leseecke auf dem Friedhofplatz stehen Kassandra Frey und Lars Ritter von der Juso. Sie lesen die aufgehängten Blätter, auf denen Frauen Gewalterfahrungen schildern. Lars Ritter, einer der solidarischen Männer am Frauenstreik, hat beim Lesen der von Frauen geschilderten Gewalterfahrungen einen augenöffnenden Moment erlebt: «Eine Aktion wie diese zeigt auf, dass die Geschlechter in unterschiedlichen Realitäten leben.» Das sei enorm wichtig, denn: «Als Mann sieht man weniger gut, wie oft Gewalt an Frauen tatsächlich vorkommt.» So hofft er, dass der Frauenstreik für viele Männer Anlass ist, das eigene Verhalten zu hinterfragen.

Das ist der Solothurner Frauenstreik 2021 in Bildern:

17 Bilder

Corinne Glanzmann

Auch Kassandra Frey kämpft dagegen, dass manche Geschlechter anders und sogar spezifisch schlechter behandelt werden. «Das finde ich sehr unnatürlich», sagt sie. Die Solothurnerin betont auch die Wichtigkeit des Streikens: «Wenn viele Frauen mitmachen, dann sieht man, dass es ohne die Frauen nicht geht - besonders in Berufen wie der Pflege, wo der Frauenanteil sehr hoch ist.» Und besonders in unserem System, wo die Arbeit einen so hohen Stellenwert hat, sei Streiken wichtig: «Die Arbeit ist nicht alles. An diesem Tag geht es ums Kämpfen - für eine bessere Zukunft für alle.»

Lars Ritter und Kassandra Frey.

Lars Ritter und Kassandra Frey.

Corinne Glanzmann

Kassandra Frey sieht zwar gewisse gesellschaftliche Fortschritte: «Die Leute hören unsere Anliegen nicht zum ersten Mal. Das war vor ein paar Jahren noch anders und ist darum ein grosser Schritt.» Doch es gibt für sie auch viele Zeichen, dass wir nicht auf dem richtigen Weg sind. Etwa die kürzlich beschlossene Erhöhung des Frauen-Rentenalters: «Frauen arbeiten immer noch für weniger Lohn, und nun sollen sie noch länger arbeiten? Wieder einmal wurde vernachlässigt, dass Frauen einen Grossteil der Care-Arbeit leisten.»

Erhöhung des Rentenalters bewegt die Frauen

Das Rentenalter ist ein Thema, das die Frauen am Streiktag bewegt. So auch Özlem Kellenberger. Sie sagt zwar: «Für mich persönlich ist es kein Problem, bis 65 zu arbeiten.» Aber dass sie als verheiratete Frau bei der AHV massiv schlechter gestellt sei, das störe sie.

Kellenberger steht am Kreuzacherplatz vor dem Riesenteppich, der zum 50-Jahr-Jubiläum des Frauenstimmrechts geschaffen wurde. Als Mitinitiantin des Projekts war sie an dessen Entstehung massgeblich beteiligt. Das Jubiläumswerk passe gut mit dem Streik zusammen, meint sie. Sie sieht das Jubiläum als etwas Positives - sie mag nicht betonen, dass es traurig sei, dass die Schweiz so spät dran war mit dem Frauenstimmrecht: «Wir müssen das immer im Kontext der direkten Demokratie betrachten», erklärt Kellenberger. «In anderen Ländern wurde das Frauenstimmrecht von oben diktiert, hier musste es von der ganzen Bevölkerung mitgetragen werden.»