Verhütung
Frauenärztin: «Man sollte den Frauen keine Angst machen vor der Pille»

Viele Frauen setzen auf Hormon-Präparate. Andere verzichten aus Angst vor Nebenwirkungen. Auch im Kanton Solothurn herrscht Misstrauen gegen Pille und Co. Zu Recht?

Noëlle Karpf
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Scheinbar endlos viele Risiken und Nebenwirkungen: Die Pille.

Scheinbar endlos viele Risiken und Nebenwirkungen: Die Pille.

Keystone

Diesen Frühling veröffentlichte die 53-jährige Claudia Pfleger ein Buch über die Geschichte ihrer 25-jährigen Tochter Céline. Diese ist seit Einnahme der Antibaby-Pille «Yasmin» schwerstbehindert. Medien in der ganzen Schweiz berichteten über diesen Fall. Das Misstrauen gegenüber Hormon-Präparaten wächst – wohl auch wegen der damaligen Berichterstattung, so Melanie Grütter von der Jura Apotheke Dulliken, die auch Präsidentin des Apothekervereins des Kanton Solothurn ist.

«Einerseits merken wir das im Gespräch mit den Kundinnen», erklärt Grütter. Diese würden vermehrt erklären, dass sie auf keinen Fall hormonell verhüten wollen. «Dass Hormonelle Verhütungsmittel kritischer beäugt werden, zeigt sich auch in den Verkaufszahlen», berichtet die Präsidentin des Apothekervereins des Kantons Solothurn weiter. So sei die Anzahl verkaufter Pillen-Packungen in den letzten fünf Jahren um rund 20 Prozent gesunken. Sie könne zwar nur von der Dulliker Jura-Apotheke reden. Die Präsidentin des Solothurner Apothekerverbandes kann sich aber vorstellen, dass die Situation im ganzen Kanton ähnlich aussieht.

Immer mehr Frauen misstrauen den Hormonen – teilweise auch zu Unrecht, sagt die Solothurner Frauenärztin Angelika Donalies im Interview. Ein Gespräch über Risiken und Nebenwirkungen – und falsche Ängste.

Angelika Donalies, wie erleben Sie das Thema Hormonelle Verhütung in Ihrer Praxis?

Das beschäftigt viele Patientinnen. Sie wollen ein sicheres Präparat, das einfach in der Anwendung und gut verträglich ist. Aber wo eine Wirkung wie Verhütung vorhanden ist, lauern auch Nebenwirkungen. Das müssen nicht nur schlechte sein.

Gibt es «gute» Nebenwirkungen?

Ja. Deshalb nehmen viele junge Frauen die Pille, die noch gar keinen Geschlechtsverkehr haben. Die Hormone können Menstruationsbeschwerden lindern und therapieren. Daneben haben die Präparate kosmetische Effekte: gegen Akne oder fettige Haare.

Was sind die negativen Effekte der Hormone?

Es gibt relativ harmlose – wie Kopfschmerzen und leichte Stimmungsschwankungen. Aber auch schwerwiegende Nebenwirkungen, die tödlich verlaufen können. Wie zum Beispiel eine Thrombose. Das betrifft vor allem die klassischen Präparate, die Östrogene und Gestagene enthalten. Bei fast allen Präparaten ist das Risiko einer Gerinnselbildung erhöht.

 Angelika Donalies führt seit 2011 die Frauenarztpraxis in der Solothurner Privatklinik Obach.

Angelika Donalies führt seit 2011 die Frauenarztpraxis in der Solothurner Privatklinik Obach.

zvg

Bei fast allen?

Es gibt Präparate ohne Östrogene. Diese gelten als ungefährlich. Das sind die Mini-Pillen, das Hormonstäbchen, die Dreimonatsspritze oder die Hormonspirale.

Wie hoch ist das Risiko einer Gerinnselbildung bei der klassischen Pille?

Das kommt auf die Generation der Pille an. Es gibt die Pillen erster und zweiter Generation. Nimmt eine Patientin diese, hat sie im Vergleich zu einer Frau, die gar keine Pille nimmt, ein zwei- bis dreimal höheres Thromboserisiko. Bei den «neuen» Pillen der dritten und vierten Generation ist das Risiko zum Teil um das Siebenfache erhöht.

Warum setzt Frau dann nicht auf die Pillen mit geringerem Risiko?

Weil die keinen «Lifestyle-Effekt» haben. Die «neuen» Pillen helfen auch bei Hautproblemen – und welche Frau ist schon zufrieden mit ihrer Haut. Eine Frauenärztin giesst aber sicher kein Öl ins Feuer und verschreibt einer Patientin mit erhöhtem Thromboserisiko eine «neue» Pille. Bei einer jungen, gesunden Frau kann man eine Pille der dritten oder vierten Generation problemlos empfehlen.

Haben Sie auch Patientinnen, die auf Hormone verzichten wollen?

Ja. Sie lassen sich dann zum Beispiel eine Kupfer- oder Silberspirale einsetzen, ohne Hormone.Die Pille aber bleibt beliebt.

Obwohl in einem Fall die «Yasmin»-Pille sogar zu einer schweren Behinderung geführt hat ...

Der «Yasmin»-Pille wurde damals zu Unrecht als Pille mit höchstem Risiko eingestuft. Das Präparat war sehr modern und wurde damals häufig verschrieben. Es ist nicht erstaunlich, dass Nebenwirkungen bei der Pille auftreten, die am häufigsten verkauft wird. Zudem ist das Thromboserisiko bei Pflastern oder Ringen genauso da wie bei der Pille. Man sollte den Frauen keine Angst machen vor der Pille. Ich sehe wöchentlich, wozu diese Angst führt.

Was meinen Sie damit?

Es gibt Frauen, die nicht verhüten wollen, weil sie Angst haben, sie vergiften damit ihren Körper. Dann werden sie schwanger und treiben ab – und das ist psychisch und physisch gesehen immer der grössere Eingriff als der durch hormonelle Verhütungsmittel.

Einige haben dafür Angst, nach Absetzen der Pille gar nicht mehr schwanger werden zu können ...

Das stimmt nicht. Der Körper geht nach Absetzen der Pille in das Stadium zurück, in welchem er vor Beginn der Einnahme war. Wer die Pille sehr lange nimmt, weiss ja gar nicht, wie der Körper ohne tickt. Vielleicht hätte diese Frau sowieso nicht schwanger werden können.

Sie sagen also, hormonelle Verhütungsmittel sind grundsätzlich ungefährlich?

Ich finde, man sollte wegen Ängsten nicht prinzipiell Nein zu hormonellen Verhütungsmitteln sagen. Sondern zuerst einmal das individuelle Risiko anschauen, abwägen und dann entscheiden. Klar sind das Medikamente. Wer die einnimmt, sollte sich regelmässig untersuchen lassen. Ich freue mich, dass Frauen das Thema hormonelle Verhütung heutzutage sehr ernst nehmen – und nicht kritiklos etwas schlucken. Das hat sich im Vergleich zu früher geändert. Damals hiess es noch: Verhütung? Ich frage meinen Mann.