Die Kursleiterin hält einen weissen Stab in die Luft, auf dem eine Massagekugel in der Grösse eines Pfirsichs thront, und sagt: «Women, if you want to have orgasms, you need this. No sweet, delfinshaped baby vibrator, no womanizer or however they’re called, that only tickles your clit. No. You need this: a strong, big, wunderfull plug-in vibrator – with which you can masturbate the whole day if you want to.» Dann betätigt sie den On-Schalter und das Gerät in ihren Händen beginnt zu schnurren. Komplett bekleidet, setzt sie sich auf das Sofa vor uns und hält sich den Vibrator zwischen ihre Beine.

Dann versucht sie, weiterhin mit uns zu sprechen. Es gelingt ihr nicht lange. Sie lacht, gibt den «Magic Wand» der Frau vor mir und fordert sie auf: «Try it. I want you to hold it in between your legs.» Die Frau tut, wie ihr geheissen. Kurze Zeit später nimmt sie den Vibrator lächelnd wieder zwischen ihren Schenkeln hervor und gibt ihn weiter. Während dem sich alle selbst von der Leistung des Gerätes überzeugen, erzählt uns die über 70-jährige Referentin von ihren persönlichen sexuellen Abenteuern und ermuntert uns dazu, unsere eigenen Vorlieben und Unsicherheiten mit der Gruppe zu teilen.

«Erotic Salon» heisst die Veranstaltung, in der wir uns befinden. Es handelt sich dabei um eine Mischung zwischen Lesung, Vortrag und Gespräch, Fragerunde und lockerem Zusammenkommen mit der Sex-Expertin Maggie Tapert. Mein männlicher Begleiter und ich haben uns schon vor Monaten dafür angemeldet und nun sitzen wir hier, mit rund 20 anderen Leuten. Ich habe Champagner mitgebracht und nuckle ein wenig nervös an meinem Becher. Doch meine Unsicherheit ist bald verflogen. Man merkt, dass Tapert vor allem mit Frauen arbeitet. Sie versteht es, einen Safe Space zu schaffen, in dem allfällige Scham abgelegt werden kann. Irgendwann ist der Bann schliesslich gebrochen, das Tabu, mit Fremden über intime Details zu sprechen, hinweggefegt. Wir diskutieren über vieles: Ist es normal, dass ich den Kopf nicht ausschalten kann, wenn ich Sex habe? Wie viele der anwesenden Frauen können durch penetrativen Sex zum Orgasmus kommen? Kommt ihr oft? Befriedigt ihr euch selbst? Wie? Wie oft? Was hält euch zurück? Wie soll ich das genau machen? Ist das normal?

Nach zwei Stunden ist es im Raum so heiss, dass selbst die Ventilatoren keine Abkühlung mehr zu bringen vermögen. Tapert legt uns noch ein letztes Mal ans Herz, unsere eigene Lust zu umarmen «Don’t be afraid of your own power!» Dann lässt sie uns gehen. Ich verlasse die Lesung mit einem Schwips, einem Buch Taperts und in so etwas wie tiefer Dankbarkeit für diese ehrliche Intimität. Ich fühle mich, als hätte mir lange Zeit über etwas gefehlt, das ich nun erfahren durfte. Es gibt viel zu wenig Räume, in denen Frauen offen und konkret, ohne Erwartungshaltung oder Rollendruck über ihre Sexualität reden können – weder im Zusammenspiel noch in der Relation zum männlichen Pendant. Doch wir alle besitzen ein ganz eigenes, sexuell unabhängiges Wesen. Eines, an das wir während dieser Lesung erinnert wurden und zu dem wir nur alleine Zugang finden können. Oder eben mit schnurrendem Massage-Pfirsich.