Notfallverhütung im Kanton
«Frauen sind gut informiert» – Verkaufszahlen der Pille danach steigen leicht an

Während einige Apotheken im Kanton Solothurn von leicht steigenden Verkaufszahlen bei der Pille danach berichten, verkauft die Solothurner Frauenklinik jedes Jahr etwas weniger Notfallverhütungsmittel. Von beiden Seiten her berichten Experten dafür von besser informierten Kundinnen - auch hier gibt es aber Ausnahmen.

Noëlle Karpf
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Die Pille danach: Davon werden in der Schweiz jährlich rund 100 000 Stück verkauft. Kantonale Statistiken gibt es nicht.

Die Pille danach: Davon werden in der Schweiz jährlich rund 100 000 Stück verkauft. Kantonale Statistiken gibt es nicht.

Zur Verfügung gestellt

Über 200 Schwangerschaftsabbrüche werden jährlich im Kanton Solothurn durchgeführt. Weit häufiger werden Pillen danach verkauft. Im Gegensatz zur chirurgischen oder medikamentösen Abtreibung führt die Pille danach zu keinem Schwangerschaftsabbruch, sondern ist ein Notfallverhütungsmittel. Das heisst sie verhindert, dass es überhaupt zu einer Schwangerschaft kommt.

Seit 2002 ist die erste Pille danach in der Schweiz rezeptfrei erhältlich; 2016 kam eine weitere dazu. Seit 2015 haben sich die Verkaufszahlen der Notfallpille in der Jura Apotheke in Dulliken mehr als verdoppelt, wie Geschäftsführerin Melanie Grütter berichtet. 2018 wurden 49 Stück verkauft. Grütter ist auch Präsidentin des kantonalen Apothekerverbandes. Eine kantonale Statistik mit Verkaufszahlen zur Pille danach gibt es nicht. Insgesamt vermutet Grütter keinen markanten Anstieg. Aber Frauen würden heute eher Bescheid wissen über das Notfallverhütungsmittel und dieses eher in der Apotheke beziehen als im Spital oder beim Arzt. Auch in der Weissenstein Apotheke Langendorf, wo wöchentlich ein bis zwei Stück verkauft werden, spricht man von einem höheren Kenntnisstand der Bevölkerung als noch vor einigen Jahren.

Dafür berichtet Franziska Maurer, Chefärztin der Frauenklinik am Bürgerspital Solothurn, von einem Rückgang bei den Verkaufszahlen. Nur 32 Stück waren es im 2018. 2015 noch 50. Laut Maurer kommen die Frauen nachts oder am Wochenende ins Spital – dann wenn die meisten Apotheken geschlossen haben. Dementsprechend kostet die Pille danach in der Frauenklinik 70 Franken. In Apotheken variiert der Preis, ist aber im Schnitt rund 20 Franken günstiger.

«Sexualerziehung hilft»

Was die Verkaufszahlen der Pille danach angeht, gibt es ebenfalls zwischen städtisch und ländlich gelegenen Apotheken grosse Unterschiede. Auch die Öffnungszeiten haben Auswirkungen darauf – also etwa, ob eine Apotheke auch Notfallöffnungszeiten hat. So wie die Topwell Bahnhofsapotheke in Solothurn, die auch am Sonntag für zwei Stunden geöffnet hat. Dort wurden 2018 365 Pillen danach verkauft. Das sind rund zehn Prozent mehr als in den Vorjahren.

Nur selten angewendet

365 Pillen danach verkaufte die Solothurner Bahnhofsapotheke Topwell im Jahr 2018. 15 waren es in der Apotheke in Balsthal. Schweizweit sind es jährlich 90'000 bis 100'000. Laut dem «Schweizerischen Verhütungsbericht» 2017 vom Schweizerischen Gesundheitsobservatorium Obsan wird hierzulande selten auf die Pille danach zurückgegriffen. So gaben im Jahr 2012 0,4 Prozent der Frauen, und 1 Prozent der Männer an, dass die Pille danach schon zur Empfängnisverhütung zum Einsatz kam. Dabei wurden über 18'000 Personen befragt.

In der Schwarzbuebe Apotheke in Breitenbach wurden letztes Jahr hingegen nur 22 Pillen danach verkauft. Auch hier gibt es Schwankungen in der Statistik – laut Regula Studer wirken sich dort sogar Aufklärungskampagnen an Schulen auf die Zahlen aus. «Sexualerziehung hilft mit, ob zu Hause oder anderswo», so Studer.

Man könne sich teils schon die Frage stellen, wie «gut junge Leute informiert sind», berichtet Florian Sarkar, Geschäftsführer der Jura Apotheke in Balsthal, wo 2018 15 Pillen danach über die Theke gingen – was im Vergleich zu den Vorjahren ein leichter Anstieg bedeutet. Heutzutage gäbe es praktisch keine Fälle vergessener Antibaby-Pillen mehr. Dafür würde vermehrt mit Kondom – oder eben gar nicht verhütet. Zudem gebe es vermehrt auch wieder Fälle von «coitus interruptus» – eine «Verhütungsmethode», bei welcher kurz vor dem Samenerguss mit dem Geschlechtsverkehr aufgehört wird – was nicht vor Schwangerschaft schützt.

Nur im Notfall?

Je nach Inhaltsstoffen nützt die Pille danach drei oder fünf Tage nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr. Sie ist für Fälle geplatzter Kondome oder vergessener Antibaby-Pillen gedacht. Die Präsidentin des kantonalen Apothekerverbandes berichtet aber von Einzelfällen, in denen die Pille danach auch als «gewöhnliches Verhütungsmittel verwendet wird». Bei den obligaten Beratungsgesprächen wird darauf hingewiesen, dass es sich um ein Notfallverhütungsmittel handelt.

Chefärztin Maurer hält die Frauen heute für grundsätzlich «gut informiert» – sei das von der Schule her oder über das Internet. «Darum wissen sie ja auch, dass sie zu uns kommen können, wenn etwas passiert.» Am Spital habe man zudem fast ausschliesslich mit Notfällen zu tun – Fälle, in welchen aktiv mit der Notfallpille verhütet wird, gebe es hier kaum. Maurer spricht auch nicht nur von jungen Kundinnen: «Das sind einfach Frauen, die in eine unerwartete Situation geraten.» Auch Grütter vom kantonalen Apothekerverband sagt: «Es gibt keine Altersklasse, welche bei den Pille-danach-Bezügen dominiert. Vom jungen Erwachsenen bis zu Frauen vor den Wechseljahren sind alle Alterskategorien vertreten.»