Amtsgericht Solothurn-Lebern
Frau stach mit Schere mehrmals auf ihren Freund ein

Dieser Streit lief völlig aus dem Ruder: Eine heute 27-jährige Frau hatte mit einer Schere auf ihren Freund eingestochen. Dafür wurde sie vom Amtsgericht Solothurn-Lebern wegen versuchter vorsätzlicher Tötung zu 3 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Christoph Neuenschwander
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Nach einem langen, heftigen Streit griff Alice J. im Keller zu einer Schere mit einer Klingenlänge von acht Zentimetern.

Nach einem langen, heftigen Streit griff Alice J. im Keller zu einer Schere mit einer Klingenlänge von acht Zentimetern.

Hanspeter Bärtschi

Alice J.* schüttelte nur den Kopf, als die forensische Psychiaterin und die Staatsanwältin über ihren vermeintlichen Geisteszustand referierten. «Sie reden über eine Person, die ich nicht mehr bin», nahm die Angeklagte später Stellung. Eine Borderline-Persönlichkeitsstörung habe sie nie gehabt und im Lösen von Konflikten habe sie sich deutlich verbessert. «Ich habe mich weiterentwickelt, stehe beruflich gut da, und auch sonst geht es mir doch gut», sagte die 27-Jährige vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern.

Das habe vor drei Jahren noch ganz anders ausgesehen, gab sie zu. Im Dezember 2010 hatte Alice J. im Verlauf eines Streits zu einer Schere gegriffen und damit auf ihren Freund Lukas Z.* eingestochen.

Die Anklage: versuchte vorsätzliche Tötung. Dies, obwohl die Beschuldigte wie auch das Opfer beteuerten, dass J. nicht in Tötungsabsicht gehandelt hatte. Gewalttätige Auseinandersetzungen, so scheint es, waren für beide Beteiligten nichts Aussergewöhnliches.

Es wurde heftiger als sonst

Die Beziehung zwischen Alice J. und Lukas Z. war «geprägt von Liebe und Zuneigung, aber auch von regelmässigen Verletzungen, Streit und Tätlichkeiten», fasste Rechtsanwältin Ida Salvetti die «Chaos-Jahre» ihrer Mandantin zusammen. Als das Opfer am Abend der Tat einen Anruf seiner Ex-Freundin entgegennahm, liessen Eifersucht und provokative Äusserungen die Stimmung schnell überkochen.

Lukas Z. wollte das Haus verlassen, Alice J. verhinderte dies. Es folgte ein Handgemenge, bei dem sich das Liebespaar wenig schenkte: Sie packte ihn am Penis und schlug ihn mit einem Kochlöffel, er boxte sie auf den Oberarm und drückte sie unsanft aufs Bett. Schliesslich warf die Beschuldigte vor dem Haus einen Stein nach ihrem Freund. «Erst da kriegte er Angst, weil es heftiger wurde als sonst», kommentierte Staatsanwältin Claudia Scartazzini.

Zurück im Haus – im Keller –, zog sich Lukas Z. einen Motorradhelm an, um sich zu schützen. Alice J. nahm die Hälfte einer Schere zur Hand und stach mit der acht Zentimeter langen Klinge auf den Oberkörper ihres Freundes ein. Nur um seine Kleidung kaputtzumachen und ihm vielleicht ein paar Kratzer zuzufügen, wie sie später erklärte. Als die Streitenden realisierten, dass Lukas Z. stark blutete, fuhr Alice J. ihn ins Krankenhaus.

Den Tod in Kauf genommen?

Dass der Tod ihres Freundes nicht unbedingt das direkte Ziel der Angeklagten war, zog auch Scartazzini in Betracht. Für eine Verurteilung wegen versuchter vorsätzlicher Tötung reiche aber, dass die Beschuldigte den Tod in Kauf nahm. Zwar konnte Alice J. ihre Handlung aufgrund der emotionalen Situation nur beschränkt steuern, doch die möglichen Folgen ihres Tuns seien ihr bewusst gewesen. Die Staatsanwältin forderte daher eine Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren und eine therapeutische Behandlung.

Verteidigerin Salvetti plädierte hingegen für einfache Körperverletzung. Alice J. habe eine verzerrte Wahrnehmung von sich und der Situation gehabt und sei durch die «Normalität» der gewaltsamen Streitereien in ihrer Beziehung geprägt gewesen. «Sie war sich der Gefährlichkeit ihrer Handlung nicht bewusst und hätte die Schere weggeworfen, wenn ihr jemand gesagt hätte, was sie da tut», sagte die Verteidigerin.

Das Amtsgericht folgte der Einschätzung der Staatsanwaltschaft und verurteilte Alice J. wegen versuchter vorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von 36 Monaten, wovon sie 8 Monate unbedingt abzusitzen hat. Strafmildernd wirke sich aus, dass die Beschuldigte ohne direkten Vorsatz und nicht kaltblütig gehandelt habe, eine schwierige Vergangenheit hat und den Freund ins Spital brachte.

Die Haftstrafe kam für Alice J. offenbar überraschend. «Sie machen mir das Leben kaputt», beschuldigte sie das Gericht. Dann verliess sie den Saal und liess die Tür zuknallen.