Auszeichnung
Franz Hohler erhält Solothurner Literaturpreis

Es ist nicht wirklich eine Überraschung: Der 70-jährige Autor Franz Hohler erhält den diesjährigen Solothurner Literaturpreis. Für die Jury lotet «Franz Hohler in seinen mitunter märchenhaften Texten die utopischen Potenziale unseres Alltags aus».

Anna Kardos
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Franz Hohler in seinem Büro.

Franz Hohler in seinem Büro.

Annika Bütschi

«Er könne Bleistiften, die irgendwo herumliegen, nur schwer widerstehen, sagt Franz Hohler. «Auch wenn es nur noch ganz kleine Stummel sind, ich nehme sie mit. Denn vielleicht steckt gerade in diesem Stummel die Geschichte, auf die ich gewartet habe.»

Was wie eine Anekdote aus dem Leben des Autors tönt, ist mehr. Die Szene zeigt, wie der in Biel geborene, in Olten aufgewachsene und seit fast vierzig Jahren in Zürich-Oerlikon lebende Schriftsteller bei seiner Arbeit vorgeht. Wie die Bleistifte von der Strasse, sammelt Franz Hohler gewöhnliche Alltagssituationen. Situationen, die andere ebenfalls erlebt haben, von der Katze, die einem auf der Strasse zufällig nachläuft, bis zu einem plötzlichen, unsäglichen Juckreiz. «Wenn er mich schon so ärgert, kann ich auch eine Geschichte daraus machen. Dann habe ich etwas davon», meint der soeben 70 Jahre alt Gewordene lakonisch.

Ausgehen vom Hier und Jetzt

Und so lässt er seine Texte ausgehen vom Hier und Jetzt, von einem Schweizer Nachmittag, vom Sonntagmorgen im Mittelland, mit vertrauten Wohnhäusern, Wetter und ebenso vertrauten Wünschen. Viele Leser könnten sein Haus in Oerlikon beschreiben, als würden sie selbst dort ein und aus gehen. Und gewissermassen tun sie das ja auch. Doch vom Vertrauten schlenkern die Sätze in seinen Texten unmerklich weg, tauchen ab ins Reich der Märchen und Möglichkeiten. Und eh man sich's versieht, steht man mit den Füssen zwar noch mitten in Oerlikon, doch der Kopf ist schon im Reich der Fantasie.

Jury lobt Spiel mit Gewöhnlichem

Auch die Jury des Solothurner Literaturpreises 2013 (Hans-Ulrich Probst, Christine Tresch und Beat Mazenauer) führt als Begründung für die Preisvergabe an, dass «Franz Hohler in seinen mitunter märchenhaften Texten die utopischen Potenziale unseres Alltags auslotet». In seinen Geschichten «treibt er ein schelmisches Spiel mit dem vermeintlich Gewöhnlichen und den Erwartungen der Leserinnen und Leser». Doch trotz seiner Fantasie, seines Schalks mag der Wahlzürcher das Bescheidene. Überbordende Sätze oder barocke Formulierungen sind ebenso wenig seine Sache wie die epische Form. Und dass Hohler meist Kurzgeschichten schreibt, hat für den ehemaligen Kabarettisten seinen Grund: «Die kurze Form richtet den Scheinwerfer auf ein Motiv und versucht dieses möglichst scharf darzustellen. Und es lässt viel Platz offen, sich dazu etwas zu denken. Bei kurzen Geschichten gehört also der Leser, die Leserin, die diese weiterdenken, mit dazu.»

Vielleicht ist es dieser Dialog mit seinen Lesern, der Franz Hohler zu einem so beliebten wie beachteten Autor macht. Sein Werk umfasst rund 50 Bücher für Erwachsene oder Kinder, dazu Theaterstücke, Lyrik und Kabaretts. Unvergesslich sind einer ganzen Generation seine Auftritte als Teil des Duos Franz und René im Schweizer Fernsehen. Es stimmt also, wenn der Autor lachend befindet: «Ich bin eine wandelnde Kindheitserinnerung.» Aber er ist noch mehr. Sein «Totemügerli» kann man getrost zu den Klassikern der Neuen Schweizer Literatur zählen, ebenso die «Rückeroberung», mit der er sich zum Vorreiter einer umweltbewussten Literatur machte. Dass Franz Hohler kurz nach seinem 70. Geburtstag den Solothurner Literaturpreis erhält, ist also wenig überraschend, aber wohl verdient.

Öffentliche Preisverleihung im Landhaus Solothurn am Sonntag 12. Mai, 17 Uhr.