Fachpreis für Fotografie

Fotograf Christian Bobst: «Ich möchte Geschichten machen, die überraschen»

Christian Bobst vor einem seiner Bilder, das derzeit in der Zürcher Photobastei zu sehen ist: die Grosse Moschee von Touba, der zweitgrössten Stadt Senegals.

Christian Bobst vor einem seiner Bilder, das derzeit in der Zürcher Photobastei zu sehen ist: die Grosse Moschee von Touba, der zweitgrössten Stadt Senegals.

Heute ist der Oensinger Fotograf Christian Bobst in Zürich zu Hause. Dass ihm der Kanton Solothurn im vergangenen November den Fachpreis für Fotografie verliehen hat, findet er eine schöne Würdigung. Dabei hat er schon viele andere Fotopreise erhalten.

Völlig überrascht kann Christian Bobst nicht gewesen sein, als ihm der Kanton Solothurn letzten September den Preis für Fotografie 2017 und 10 000 Franken Preisgeld verlieh. Denn ein Jahr zuvor hatte Bobst auf dem zweiten Platz den World Press Photo Award in der Kategorie Sport geholt: die weltweit bedeutendste Auszeichnung für Fotojournalisten. Ausserdem hat er für seine Fotoreportagen zahlreiche weitere Preise eingeheimst. Unter anderem den Swiss Photo Award, zweimal auf dem zweiten und einmal auf dem ersten Platz.

Der 47-Jährige, mit Heimatort Oensingen und aufgewachsen in Laupersdorf, verschwindet kurz am anderen Ende seines stilvoll eingerichteten Büros im Zürcher Kreis 5 in der Nähe des Hauptbahnhofs. Im Eingang hängen grossformatige Aufnahmen eines befreundeten Architekturfotografen: urbane Ansichten von Stockholm, Berlin und Athen. Im weissen Regal an der Wand lehnen Robert Franks «In America» und weitere Fotobände, Objektive liegen da, darüber eine Fuji- und eine Nikon-Kamera.

Grosse Bildschirme dominieren die beiden Arbeitsplätze, er teilt das Büro mit einem Online Art Director. Die Einrichtung ist puristisch und geschmackvoll. So wie der Kaffee, mit dem Bobst zurückkommt. «Guter Kaffee muss schon sein», sagt er und lacht. Die nächste Kaffeerösterei befindet sich lediglich ein paar Strassen weiter. Wie viele andere Kreative in diesem Quartier, versorgt er sich hier mit dem «Treibstoff».

Fotografieren gegen Klischees

Wenn er sich denn auch im Land befindet. Gerade zeigt er in der Zürcher Photobastei drei Bilderserien, die er über mehrere Jahre in Senegal geschossen hat.
Die Ausstellung trägt den Titel «Les Lutteurs du Grand Jihad», zu Deutsch «Die Verfechter des Grossen Dschihad». Achtmal war er in Senegal auf Reportage.

Darüber weiss er viel zu erzählen, das Land ist ihm mittlerweile sehr vertraut: Rund 85 Prozent der Senegalesen seien Anhänger des Sufismus, einer liberalen und friedliebenden Strömung des Islams. «Im Gegensatz zum ‹Kleinen Dschihad›, der mit den Waffen ausgetragen wird, ist der ‹Grosse Dschihad› ein Kampf der Seele gegen die inneren Feinde», erklärt er. Dieser bestimme den Alltag der Sufis.

Bezug zum Sufismus

Die Arbeiten, die er in dieser Ausstellung vereint, sind sehr verschieden. Aber sie haben einen gemeinsamen Nenner: den Bezug zum Sufismus. So zeigt eine der Serien gläubige Sufis in Touba, der zweitgrössten Stadt und dem spirituellen Zentrum Senegals. Auch Prostituierte und Bars gibt es hier; anders als in anderen muslimischen Staaten seien diese in Senegal nicht verboten.

In einer anderen Bildreihe porträtiert Bobst senegalesische Wrestler, die sich mit schamanischen Ritualen auf den Ringkampf vorbereiten. In der dritten ist zu sehen, wie am rosafarbenen Retba-See in Handarbeit Salz abgebaut wird. Ähnlich dem christlichen «ora et labora» sei auch bei den Sufis die Arbeit gleichbedeutend mit dem Gebet. «Nur wer Geld verdient, kann es sich leisten, fünfmal am Tag zu beten», erklärt Bobst die sufistische Philosophie.

Während Bobst erzählt, wird offensichtlich, dass er diese Gesellschaft nicht nur von aussen betrachtet hat. Um ganz in die jeweilige Situation einzutauchen, bewege er sich im Ausland meist offline. Mit der Ausstellung habe er das Bild einer islamischen Gesellschaft vermitteln wollen, das den landläufigen Klischees stark zuwiderlaufe. «Ich finde es spannend, Geschichten zu machen, die überraschen», sagt er. Die Wrestler-Serie war es auch, mit der er den World Press Photo Award 2016 gewann.

Unterwegs in vierzig Ländern

Man würde kaum denken, dass Bobst sich erst im Alter von 40 Jahren ernsthaft der Fotografie widmete. Obschon er schon mit 22 zu fotografieren begann, machte er in Solothurn die Ausbildung zum Grafiker und war anschliessend 15 Jahre für verschiedene Agenturen als Werbefachmann tätig. Bereits damals wurde seine Arbeit mit internationalen Preisen gekrönt. Die Kamera hatte er in dieser Zeit jedoch nie mehr in der Hand. Bis er die Linse auf einer Reise durch Namibia doch wieder vors Auge hielt. Innert zwei Jahren machte er sich einen Namen als Fotograf.

Energie aus dem Unbekannten

«Für mich war von Anfang an klar, dass ich Fotografieren und Reisen verbinden möchte», sagt Bobst, der beruflich hauptsächlich im Ausland unterwegs ist. «Orte, die ich überhaupt nicht kenne, geben mir eine ganz andere Energie.» In rund vierzig Ländern hat er bisher fotografiert. Seine Bildstrecken sind unter anderem beim Stern, bei der ZEIT, der NZZ oder dem englischen Guardian erschienen. Das frühere Metier hat er jedoch nicht ganz aufgegeben. «Ich kann die Fotoaufträge mit Werbung querfinanzieren.»
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hristian Bobst ist zwar weit gereist. Im Kanton Solothurn aber ist er eher selten anzutreffen. «Heute bin ich in Zürich zu Hause», sagt er, der 1996 in die Limmatstadt zog. Dennoch sei er insbesondere der Stadt Solothurn sehr verbunden. «Ohne die Leute, die mich während der Ausbildung förderten, wäre ich nicht da angelangt, wo ich heute bin.»
Auch wenn er einen weltweit renommierten Fotojournalismus-Preis gewonnen hat: Die Auszeichnung durch seinen Heimatkanton findet er eine ebenso «schöne Würdigung».

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