Wenn vom Wirtschaftsstandort Schweiz die Rede ist, geht es meistens um die Grossräume Zürich, Basel und Genfersee. Andere Regionen wie das Mittelland gehen dabei vielfach vergessen. Deshalb gibt der Verein Hauptstadtregion Schweiz seit seiner Gründung 2010 Gegensteuer.

Zum Beispiel mit dem gestern im Landhaus in Solothurn durchgeführten Forum «Gesundheitsregion im Aufbruch». Konkret ging es darum, aufzuzeigen, welche Bedeutung die zur Standort-Marketingorganisation gehörenden Kantone Bern, Solothurn, Freiburg, Neuenburg und Wallis für die Gesundheitsindustrie haben. Dieses Ziel untermauerte Landammann Roland Fürst mit einigen Zahlen zur Medtechindustrie.

Im Kanton Solothurn würden über 100 Firmen an über 30 Standorten einen Umsatz von zwei Milliarden Franken erwirtschaften. Die 6000 Beschäftigten entsprächen zwölf Prozent der schweizweit rund 50 000 Mitarbeitenden in der Medizinaltechnologie. «Die Branche ist zentral für Solothurn», folgerte er.

Erich Fehr, Stadtpräsident von Biel und Co-Präsident des Vereins, ergänzte, dass mittlerweile jeder dritte aller Schweizer Medtech-Arbeitsplätze und jeder fünfte aller Pharma- und Biotech-Jobs in der Hauptstadtregion angesiedelt sei. Und bis 2019 würden insgesamt 1000 neue Arbeitsplätze hinzukommen. «Leider sind diese Tatsachen zu wenig bekannt.» Bis heute gelte der Grossraum Bern immer noch als Verwaltungsregion.

«Wir dürfen uns nicht verstecken. Im Gegenteil. Wir müssen zeigen, wie viele tolle Firmen es hier hat», so Fehr. Ziel sei es, die Hauptstadtregion als Nummer eins in der Gesundheitswirtschaft zu positionieren.

Aufbruchstimmung dank Biogen

Damit die Region verstärkt auf den Radar bei internationalen Ansiedlungsprojekten kommt, dafür hat der US-Biotech-Konzern Biogen gesorgt. Für die Erweiterung der Produktionskapazitäten bauen die Amerikaner bekanntlich derzeit in Luterbach für eine Milliarde Franken eine Neuanlage und schaffen 400 Arbeitsplätze.

«Wir haben für den Standort eine globale Suche gestartet», blickte Markus Ziegler, Geschäftsleitungsmitglied von Biogen Schweiz AG, zurück. Er zeigte auf, warum sich der Konzern für die Hauptstadtregion respektive Solothurn entschieden hat. Unter anderem habe der Standort mit dem Zugang zu hochqualifizierten Arbeitskräften und dem dualen Bildungssystem, bestehend aus der Berufslehre, Fachhochschulen und nahe Weltklasseuniversitäten, gepunktet.

«Diese Kombination ist weltweit einzigartig», so Ziegler. Hinzu sei die bestehende Infrastruktur mit genügender Fläche, der Top-Erschliessung sowie einer zuverlässigen Wasser- und Energieversorgung gekommen. Es gebe aber auch Wolken am Schweizer Himmel. So dürfe der Zuzug von hochqualifizierten Spezialisten aus dem Ausland nicht erschwert werden. Zudem müsse die Schweiz ihr Verhältnis zur EU klären – Stichworte sind die Forschungszusammenarbeit und die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative.

Sie diskutierten über die Fachkräfterekrutierung (v.l.): Francois Seppey, Direktor Fachhochschule Wallis, Jean-Nathanaël Karakash, Neuenburger Regierungsrat, Jean-Nicolas Aebischer, Direktor Fachhochschule Freiburg, Thomas Höötmann, HR-Manager Stryker Selzach, Moderatorin Emanuela Tonasso Demmler, Uwe Jocham, Direktor CSL Behring und Felix Frey, CEO Sitem Insel AG.

Sie diskutierten über die Fachkräfterekrutierung (v.l.): Francois Seppey, Direktor Fachhochschule Wallis, Jean-Nathanaël Karakash, Neuenburger Regierungsrat, Jean-Nicolas Aebischer, Direktor Fachhochschule Freiburg, Thomas Höötmann, HR-Manager Stryker Selzach, Moderatorin Emanuela Tonasso Demmler, Uwe Jocham, Direktor CSL Behring und Felix Frey, CEO Sitem Insel AG.

Bereits in Schule Interesse wecken

Das Thema Fachkräfte stand auch an der anschliessenden Podiumsdiskussion im Zentrum. «Die Ausbildungsqualität muss weiter gesteigert werden», sagte Uwe Jocham, Direktionspräsident der zum australischen Pharmakonzern CSL gehörenden CSL Behring AG. Sie baut derzeit in Lengnau eine neue Produktion auf mit über 300 Arbeitsplätzen.

Dazu müsse aber nicht oben, sondern unten gestartet werden. Es gelte, das Interesse der Kinder an Technik und Naturwissenschaften bereits in der Schule zu wecken. Auch Thomas Höötmann, HR-Verantwortlicher bei der Medtechfirma Stryker in Selzach, berichtete über Probleme bei der Personalrekrutierung.

Ein Rezept seien gute interne Weiterbildungsmöglichkeiten für die Belegschaft. Insbesondere mit dem Angebot von Praktikumsstellen habe man bei der Rekrutierung gute Erfahrungen gemacht. Damit dies aber funktioniere, müsse der Mitarbeitende «über eine gewisse Basis verfügen». Jean-Nicolas Aebischer, Direktor der Fachhochschule für Technik in Freiburg, schlug vor, zuerst die beruflichen und zeitlichen Ansprüche der Unternehmen abzuklären.

Darauf abgestützt seien die Ausbildungsangebote auszurichten. Felix Frey, CEO der Berner Sitem-Insel AG, wies darauf hin, dass die Medtech- und Biotechindustrie für die Entwicklung ihrer Produkte auf die Zusammenarbeit mit Uni-Spitälern angewiesen sei. Der emeritierte Medizinprofessor stellte aber fest, dass viele jungen Menschen nach Abschluss ihrer Studien an der Universität bleiben wollten. «Wir müssen schauen, dass diese aus der Akademie rausgehen in die Industrie.»

Sozusagen als Schlusswort hielt Uwe Jocham fest, dass die einmalige Stärke des Aus- und Weiterbildungssystems in die Zukunft zu tragen sei. «Wir sind hier Weltspitze.» CSL Behring habe kürzlich Besuch von ausländischen Spitzenpolitikern und Managern erhalten. Sowohl der US-Arbeitsminister, eine ungarische Delegation wie auch der Präsident von Microsoft hätten CSL besucht. «Sie wollten sich über das ‹Swiss Model› informieren.»