Jahrzehntelang galt der Landesstreik 1918 in weiten Kreisen der Bevölkerung als gescheiterter Versuch eines revolutionären Umsturzes. Mit Milliarden von Goldrubeln, so hiess es, hätten russisch-bolschewistische Drahtzieher von der Schweiz aus versucht, eine internationale revolutionäre Entwicklung in Gang zu bringen und unser Land ins Chaos eines Bürgerkriegs zu stürzen. Dank der entschlossenen Intervention der Armee sei dies im letzten Moment verhindert worden.

Durch die Forschungen des Aargauer Historikers Willi Gautschi (1920–2004) ist diese Verschwörungs-Legende definitiv widerlegt worden. Gautschis Buch gilt bis heute als Standardwerk, das inzwischen durch zahlreiche weitere Forschungsarbeiten ergänzt und differenziert worden ist. Dessen ungeachtet scheint die verstaubte Verschwörungstheorie neuerdings von der politischen Rechten wieder aufgegriffen und für die eigenen politischen Ziele instrumentalisiert zu werden (Zu nennen ist diesbezüglich die im «Blick»
gemachte Aussage des SVP-Strategen Christoph Blocher, die 1918 im Einsatz gestandenen Soldaten würden auch heute noch einen Dank verdienen).

Mit einem Blick in die Tageszeitungen jener Jahre soll im Folgenden der Frage nachgegangen werden, wie der Protest der organisierten Arbeiterschaft gegen die sozialen Missstände am Ende des Ersten Weltkriegs zu einem kommunistischen Revolutionsversuch umgedeutet wurde und warum dies geschah.

1914–1918: Eine schwere Zeit vorab für die Lohnabhängigen

Die Schweiz blieb vom Ersten Weltkrieg zwar verschont, aber die Bevölkerung machte eine schwere Zeit durch, vor allem die Lohnabhängigen in der Industrie und im Dienstleistungssektor. Die Löhne waren knapp, stagnierten oder sanken sogar. Die ständig zunehmende Teuerung bewirkte, dass ein Grossteil der Menschen nicht mehr wusste, wie sie sich durchschlagen sollten.

Hinzu kam die Grippe-Pandemie, die ab Juni 1918 schweizweit über 20'000 Todesopfer forderte und das Leben der Bevölkerung noch weiter erschwerte und bedrohte. Teile der Industrie und die Landwirtschaft hingegen profitierten von der Kriegsentwicklung. Kriegsgewinne versus soziale Not, das provozierte die Benachteiligten.

Vom «Burgfrieden» zum Zimmerwalder Manifest

In politischer Hinsicht spaltete der Weltkrieg die internationale Sozialdemokratie entlang nationaler Grenzen und innenpolitischer Fronten. Auch in der Schweiz segnete die SP-Fraktion des Nationalrats bei Kriegsausbruch die Mobilisierungskredite und das bundesrätliche Vollmachtenregime nahezu einstimmig ab. Im Zeichen des sogenannten «Burgfriedens» verzichteten die Sozialdemokraten auf ihre bisherige oppositionelle Haltung gegenüber den bürgerlich dominierten Behörden.

Doch die kritischen Stimmen verstummten nicht ganz. Im Herbst 1915 gelang es Robert Grimm, dem Redaktor der «Berner Tagwacht», prominente sozialistische Kriegsgegner aus zwölf Ländern zu einer geheimen internationalen Konferenz in Zimmerwald bei Bern zusammenzurufen. Hier wurde nach intensiven Diskussionen ein Manifest verabschiedet, das die sozialistischen Parteien zum Kampf gegen den Krieg und zur Aufkündigung des Burgfriedens aufrief.

In der Frage, wie dies konkret zu verwirklichen sei, waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Zimmerwalder Konferenz überhaupt nicht einig. Während die Mehrheit sich zum demokratischen Weg oder zur Taktik des politischen Massenstreiks bekannte, vertrat eine linke Minderheit um den späteren russischen Revolutionsführer Lenin die Meinung, dass nur eine gewaltsame Revolution zum Ziele führen könne.

Die SPS stellte sich im November 1915 hinter die Zimmerwalder Bewegung, auch die Solothurner Kantonalpartei schloss sich diesem Entscheid an. Dabei stellten die Anhänger der sogenannten «Zimmerwalder Linken» um Lenin stets eine kleine Minderheit dar, die sich allerdings in den grösseren städtischen Zentren und besonders in der sozialistischen Jugendbewegung immer wieder lautstark zu Wort meldete.

Revolutionsrhetorik führt zu publizistischem Schlagabtausch

In der Tagespresse tauchten Reizwörter wie «Revolution» und «Generalstreik» immer wieder auf. Im April 1917 zum Beispiel berichtete der führende Kopf der Solothurner Sozialdemokraten, Nationalrat Jacques Schmid, er habe aus Arbeiterkreisen draussen in den Dörfern Stimmen gehört, die sagten, dass auch bei uns in der Schweiz «ein Revolutiönchen nichts schaden» könnte.

Zum 1. Mai 1917 titelte die von Schmid redigierte «Neue Freie Zeitung»: «Es lebe die soziale Revolution», und im Text war zu lesen: «Verzweifelt an Gott und der Welt steht die Menschheit des jungen 20. Jahrhunderts am Grab ihres Glücks. (...) Da durchbricht plötzlich ein heller Strahl das Dunkel der grauenvollen Nacht. (...) Das Krachen der vielen Tausend Geschütze des Weltkrieges wird plötzlich übertönt vom Donnerschlag der Revolution in Petersburg. (...) Hoch über die Fahnen der Kriegsheere erhebt sich das rote Banner der sozialen Revolution und ruft die zertretenen Völker auf zum Kampfe gegen den Krieg ihrer Herrscher ...»

Die bürgerlichen Blätter griffen solche rhetorischen Eskapaden sogleich auf. «Viele Unzufriedene glauben nun einmal, ihr Heil einzig und allein hinter der roten Fahne zu finden. (...) Es lebe die Revolution, wenn es sein muss, mit Gewalt», schrieben die katholisch-konservativen «Oltner Nachrichten», und das «Oltner Tagblatt» warf der SP vor, sie drohe mit Revolution. Ein Vortrag, den Jacques Schmid im Frühjahr 1918 in Genf über die russische Revolution hielt, wurde von der «Solothurner Zeitung» als «blutrünstige Brandrede» bezeichnet, der Redner selbst wurde als «Oltner Bolschewiki», «roter Mephisto» und «unverantwortlicher Hetzer» tituliert.

Von der «rot-schwarzen Allianz» zum «Bürgerblock»

Solche Beispiele liessen sich beliebig vermehren. Dabei fällt auf, dass die schärfsten Töne von der katholisch-konservativen Seite her kamen. Dies ist insofern erstaunlich, als sich der christlichsoziale Flügel der Volkspartei in seinen sozialpolitischen Forderungen oft kaum von der SP unterschied. Mehr als einmal hatten sich Volksparteiler und Sozialdemokraten zu taktischen Zweckbündnisseen, sogenannten «rot-schwarzen Allianzen», gegen die absolute freisinnige Mehrheit zusammengefunden.

Doch das änderte sich, als die sozialen Spannungen gegen Ende des Krieges eskalierten. Das «Oltener Aktionskomitee» setzte den Bundesrat mit der Androhung eines landesweiten Generalstreiks unter Druck, und als es am 11. November diese Drohung wahrmachte und eine Viertelmillion Arbeitnehmende in den Streik traten, rückten die notorischen Streithähne Volkspartei und Freisinn zusammen und bildeten einen «Bürgerblock» gegen die Linke.

Die politische Funktion der Umsturz-Legende

Die Frage, was denn tatsächlich zur militärischen Besetzung Zürichs und damit zum Ausbruch des Landesstreiks geführt hat, ist bis heute nicht restlos geklärt. Vor allem die Rolle der Armeeführung und der Finanzwelt muss noch genauer untersucht werden. Der Einfluss der extremen Linken wird in der aktuellen Forschung als eher gering eingestuft.

Unbestritten ist, dass das «Oltener Aktionskomitee» den Landesstreik unter dem Druck des massiven Militäraufgebots schon nach drei Tagen ergebnislos abbrach, um ein mögliches Blutbad zu verhindern. Um die Enttäuschung in den eigenen Reihen aufzufangen, bemühten sich SP und Gewerkschaften, die Aktion als Heldentat zu glorifizieren. Die zum Teil massiven Zugeständnisse der Arbeitgeber – die Firma Bally zum Beispiel führte die vom «Oltener Aktionskomitee» geforderte 48-Stunden-Woche von sich aus ein – wurden als Ergebnis der eigenen Machtdemonstration dargestellt. «Es ist eine Lust zu leben!», frohlockte die «Neue Freie Zeitung». «(...) das hat mit einem Schlag der Generalstreik ausgelöst.»

Aber in der Politik verhärteten sich die Fronten. Bereits am Tag nach dem Streikabbruch eröffneten die Jungfreisinnigen mit einem Flugblatt eine Kampagne, deren Ziel es war, den Generalstreik als Revolutionsversuch nach bolschewistischem Muster zu diffamieren und damit die Führung der Sozialdemokratie von ihrer Basis zu trennen.

«Der Landesstreik, den der Soviet von Olten verhängte», so war auf dem Zettel zu lesen, «bezweckte die Vernichtung der schweizerischen Demokratie [...] Was werden nun die Folgen sein? Den Herren, welche den Landesstreik entfesselt haben, wird diese Frage keine Sorgen bereiten. Es ist genug russisches Gold in die Schweiz gekommen, um ihnen im schlimmsten Falle ein behagliches Rentnerdasein zu gestatten.»

Ähnlich tönte es von konservativer Seite: «Erwiesenermassen geht die ganze revolutionäre Aktion der Sozialisten in der Schweiz von ausländischen fremden Elementen aus, die in Wort und Schrift und Geldmitteln unsere Republik als Pulverfass für die Weltrevolution benutzen wollten [...] Nun muss es heissen, die irregeführten Teile unserer schweizerischen Arbeiterschaft auf das richtige Geleise zurückzuführen. Vor allem sind die Quellen der Verseuchung abzugraben. Fort mit den fremden, gewissenlosen Hetzern aus unserem Schweizerhause.»

Trotz Sperrfeuer: 1919 fiel die FDP-Mehrheit im Nationalrat

Das Plakat für die eidgenössischen Wahlen von 1919 macht deutlich, dass es für den Freisinn noch um etwas anderes ging. Rund einen Monat vor dem Landesstreik hatten Volk und Stände mit grosser Mehrheit – und gegen den Willen der freisinnigen Parteiführung – der Einführung des Nationalratsproporzes zugestimmt. Was die Linke damals beflügelte, erfüllte die Freisinnigen mit grosser Sorge um den Erhalt ihrer absoluten Mehrheit im Nationalrat.

Denn die Forderungen nach sozialen Reformen, die das freisinnig dominierte Parlament bisher verhindert hatte, stiessen auch bei Teilen der bürgerlichen Wählerschaft auf Sympathie. Wollte man einen Linksrutsch bei den kommenden Wahlen verhindern, galt es, die Sozialdemokraten in den Augen der Wähler als Umstürzler und Vaterlandsfeinde zu diffamieren.

Die Rechnung der freisinnigen Parteistrategen ging wenigstens teilweise auf. In den Nationalratswahlen vom 26. Oktober 1919 verlor der Freisinn zwar die absolute Mehrheit, aber das Ausmass des befürchteten politischen Erdrutsches hielt sich in Grenzen.