Buch

Forschung zeigt: Das typische Solothurner Bauernhaus gibt es nicht

Der Heimweh-Solothurner Roland Flückiger-Seiler ist einer der Autoren von «Solothurner Bauernhäuser».

Welchen Bezug haben Sie ganz persönlich zum Kanton Solothurn?

Roland Flückiger-Seiler: Obwohl ich in Bern geboren und aufgewachsen bin, stammt mein Vater aus Olten und meine Mutter aus dem Bucheggberg. Ich kannte also bereits ein breites Spektrum Kanton Solothurn seit der Kindheit.

Wie kam es, dass das Buch über die Solothurner Bauernhäuser so lange nicht erschien?

Die Absicht, die Bauernhäuser aller Kantone in einer Buchreihe zu beschreiben, entstand während der Zeit der geistigen Landesverteidigung, also in den 1940er-Jahren. Dass Solothurn nun das letzte Buch in der Serie ist, war nicht so geplant, hat sich aber ergeben, weil für den Kanton Solothurn in den Jahren vorher andere denkmalschützerische Aufgaben im Vordergrund standen. Vor gut fünf Jahren kam dann grünes Licht aus dem Regierungsrat und wir konnten richtig starten. Es war auch ein Glück, dass ich als Erforscher der ländlichen Architektur und Siedlungslandschaft mit drei langjährigen «Weggefährten» zusammenarbeiten durfte: Mit Pius Räber, einem profunden Kenner von Hochstudbauten, Doris Huggel, einer erfahrenen Historikerin und Benno Furrer, dem grossen Kenner der alpinen Baukultur und Leiter des gesamtschweizerischen Projekts. Wir haben uns für diese Publikation sehr gut ergänzt. Mit weiteren Spezialisten konnten wir ein umfassendes Werk schaffen, wohl einer der thematisch umfassendsten Bände der ganzen Reihe.

Man könnte also sagen, das lange Warten hat sich gelohnt?

Ja, mit Bestimmtheit. Wir konnten so ein sehr vielschichtiges Buch publizieren. Es geht darin nicht nur um die ländliche Architektur. Wir beschreiben beispielsweise die Entstehung des Kantons, Es ist eine Auseinandersetzung mit Siedlungstypen zu finden, regionale Entwicklungen werden untersucht, bäuerliches Leben und Wirtschaften beschrieben und natürlich die Bauernhaustypen von den Hochstudbauten im 17. Jahrhundert bis zu den Aussiedlungshöfen in den 1970er-Jahren vorgestellt. 23 Monografien von Bauernhäusern, die eine typische Eigenschaft für eine bestimmte Region aufweisen, werden noch im Detail vorgestellt.

An all die Informationen zu kommen, war sicher nicht einfach. Wie sind Sie vorgegangen?

In einer regionalen Vorarbeit hat Hannes Schneeberger zwischen 2006 und 2008 die ländlichen Bauten in den Bezirken Bucheggberg und Wasseramt aufgenommen. Dann konsultierten wir die Dokumentation der kantonalen Denkmalpflege und besuchten verschiedene Archive, wie das Bürgerarchiv Solothurn, das Klosterarchiv Mariastein und das Solothurner Staatsarchiv. Besonders wertvoll waren auch Dokumentationen verschiedener Lokalhistoriker. Dann mussten wir uns selbst vor Ort umsehen. So habe ich systematisch Dorf für Dorf zu Fuss durchwandert und mich auf der Suche nach alten Bauernhäusern durchgefragt.

Und wie sind Sie aufgenommen worden?

In den allermeisten Fällen sehr gut. Man zeigte mir gerne die Häuser und machte auf Besonderheiten aufmerksam. Ich habe auf den Rundgängen auch viele interessierte Leute kennen gelernt.

Haben Sie das typische Solothurner Bauernhaus gefunden?

Nein, mit einer regionalen Ausnahme gibt es kein typisches Solothurner Bauernhaus. Dadurch, dass der Kanton an vier benachbarte Kantone angrenzt, überschneiden sich die Einflüsse. Bauernhäuser im Schwarzbubenland sind den Häusern im Baselland ähnlich, Bauten im Bucheggberg weisen eine grosse Nähe zu Berner Bauernhäusern auf; im Niederamt findet man Formen, die auch im Aargau vorkommen und auf den Jurahöhen sind Einflüsse aus jurassischen Gehöften zu erkennen. Einzig im Gäu hat sich eine eigenständige Bauernhausform entwickelt.

Wie entstand das Gäuerhaus und wie sieht es aus?

Das Gäuerhaus entstand um 1600 als charakteristisches Bauernhaus einer begüterten ländlichen Oberschicht in der damaligen Kornkammer des Kantons. Das wohl erste seiner Art, der sogenannte Pflugerhof, wurde 1604 in Oensingen erbaut. Werner Pfluger als Bauherr war gleichzeitig Stadtbürger von Solothurn, wo seit geraumer Zeit Stadthäuser mit repräsentativen Quergiebeln entstanden waren. Diese dienten dem wohlhabenden Pfluger offensichtlich als Vorbild für die Fassadengestaltung seines Neubaus in Oensingen. Ein repräsentativer, hoch aufragender Steinbau unter einem Teilwalmdach mit spätgotischer Fassadengestaltung wurde bald einmal zum baulichen Ausdruck einer bäuerlichen Oberschicht im Gäu. Dieser Bautyp findet sich in der Folge auch bei Gasthäusern und Pfarrhäusern der Region.

In den vergangenen Jahren wurde in den Dorfkernen viel gebaut. War es also aus Ihrer Sicht höchste Zeit, dass diese Dokumentation jetzt noch verfasst werden konnte?

Die markanteste Veränderung im Landschaftsbild des Kantons Solothurn brachte der Bau der Autobahn A1. Es ist klar sichtbar, dass Dörfer, die weniger direkt an der Autobahn liegen, noch länger ihren gewachsenen Dorfcharakter mit Bauernhäusern bewahren konnten. Wie man mit Ortsbildern umgeht, hängt einzig und allein von den Gemeinden selbst ab. Wie stark lassen sie Veränderungen im Dorfkern zu? In meiner Arbeit habe ich immer wieder erfahren, dass eine sinnvolle, verantwortungsvolle Ortsplanung mit Ortsbildschutz sehr entscheidend dafür ist, wie sich ein Dorf verändert.

Wie lautet Ihre Bilanz über den ganzen Kanton gesehen?

Sehr erfreulich war zu sehen, dass im Bucheggberg und vielerorts im Schwarzbubenland noch viele alte, ursprüngliche Bauernhäuser zu finden sind. Aber auch im Gäu und unerwartet im Niederamt – in einer Region, in welcher doch ein grosser Siedlungsdruck herrscht – fanden wir einige sehr wertvolle Bauten. In diesen Gegenden ist scheinbar der Wille vorhanden, Altes zu erhalten. Hingegen hätte ich mehr ursprüngliche Bauernhäuser im Thal erwartet. Das ist eine Tatsache, die ich fast nicht glauben konnte. Als ich die Resultate sah, bin ich zum Schluss extra noch mal durchs Thal gefahren, um mich zu vergewissern, ob nichts vergessen ging.

Gesamthaft gesehen hat es im Kanton Solothurn immer noch erstaunlich viele, gut erhaltene und gepflegte alte Bauernhäuser. Viele Leute zeigen Interesse an der alten Bauernhauskultur, vielerorts ist auch das Bewusstsein in der Bevölkerung für den Schutz dieser Bauten vorhanden. Für mich nach fünf Jahren intensiver Forschungsarbeit ein positives Fazit.

Hinweis:
«Die Bauernhäuser des Kantons Solothurn» Roland Flückiger-Seiler, Benno Furrer, Doris Huggel, Pius Räber. 576 S. reich illustriert. Lehrmittelverlag Kanton Solothurn. Fr. 95.–.

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