Jahresbericht
Folterspuren fanden sich an keinem der Skelette

Die Skelette von drei Männern und einer Frau wurden beim Richtplatz gefunden. Einer der Hingerichteten war noch nicht 20 Jahre alt. Nicht von ungefähr lag auch ein Siechenhaus nahe des Platzes.

Katharina Arni-Howald
Merken
Drucken
Teilen
Das gut erhaltene Skelett 1 zeigt einen kräftigen Mann, der im mittleren Alter gerichtet wurde. Die Füsse fehlten. «Der Schädel muss als erstes in die Grube geworfen worden sein», schreibt die Kantonsarchäologie im Jahresbericht. «Er fand sich unter dem linken Knie.» Wie die Zähne zeigten, war der Mann Pfeifenraucher.

Das gut erhaltene Skelett 1 zeigt einen kräftigen Mann, der im mittleren Alter gerichtet wurde. Die Füsse fehlten. «Der Schädel muss als erstes in die Grube geworfen worden sein», schreibt die Kantonsarchäologie im Jahresbericht. «Er fand sich unter dem linken Knie.» Wie die Zähne zeigten, war der Mann Pfeifenraucher.

zvg

Als im Juni 2012 in Feldbrunnen die Baugrube eines Mehrfamilienhauses zwischen der Basel- und Sandmattstrasse ausgehoben wurde, kamen Reste einer Richtstätte und eines Wasenplatzes (Ort zur Entsorgung von Tierkadavern) zum Vorschein. Während einer einwöchigen Notgrabung konnten drei Skelette fast vollständig ausgegraben werden. Teile eines vierten befanden sich in der Grubenwand. Die Begleitfunde datieren die Toten ins ausgehende 18. Jahrhundert.

Aus historischen Quellen waren Richtstätten in der Gegend von St. Katharinen und im Vögeliholzwald bekannt. Während das Galgenfundament im Vögeliholz vor nicht zu langer Zeit gefunden wurde, war der genaue Standort der Richtstatt bei St. Katharinen bisher nicht bekannt. Durch die Übereinstimmung der jetzigen Fundstelle mit dem Eintrag auf einem Katasterplan von 1819 ist der Standort jetzt gesichert. Wie die Kantonsarchäologie in ihrer neuesten Publikation darlegt, gehört die Richtstätte in Feldbrunnen zu den wenigen in der Schweiz, von der historische, archäologische, anthropologische und forensische Funde und Befunde vorliegen.

Ab 1798 nicht mehr genutzt

Nach dem Chronisten Franz Haffner (1666) wurden 1450 «zwey Hochge-richt oder Galgen am Hungergraben (Red.: südlich der Aare am Hunnenberg) und beym Siechenbach» aufgerichtet. Die Richtstätte bei St. Katharinen lag, wie nun belegt werden kann, an gut sichtbarer Stelle an einem Verkehrsweg und sollte eine abschreckende Wirkung auf Reisende haben. Aus dem Kanton Solothurn stammen laut historischen Daten nur zwei der sechs zwischen 1770 und 1800 Hingerichteten – dem fraglichen Zeitraum der Enthauptungen, datiert nach gefundenen Buntmetallknöpfen. Die Lage des Richtplatzes in der Nähe eines Siechenhauses mit seinen Bettlern, Kranken und Randständigen und eines Wasenplatzes mit Tierkadavern kam ebenfalls nicht von ungefähr. Alles waren Orte, die bei den damaligen Zeitgenossen Abscheu, Verachtung, Ekel und Ängste auslösten und deshalb möglichst fernab der Stadtmauern zu liegen hatten.

Nachdem die Hochgerichte um 1798 aufgehoben wurden, fanden am östli-chen Stadteingang keine Enthauptungen mehr statt. Der Richtplatz beim Siechenhaus wurde, wie andere auch, abgebrochen. 1819 wird er letztmals erwähnt, dann verschwindet er aus dem Gedächtnis der Bevölkerung. Die letzte Enthauptung geschah im Kanton 1855 auf der ehemaligen Ritterbastion am Solothurner Aareufer.

Keine Folterspuren gefunden

Aus dem neuesten Bericht der Denkmalpflege und der Kantonsarchäologie erfahren wir, dass es sich bei den vier gefundenen Skeletten um drei Männer und eine Frau handelt. Einer der drei Männer hatte das Erwachsenenalter noch nicht erreicht, die anderen zwei und die Frau starben im mittleren Erwachsenenalter. Bei den drei Männern wurden Spuren einer scharfen Gewalteinwirkung an der Halswirbelsäule festgestellt, was klar den Rückschluss auf eine Enthauptung als Todesursache nahelegt. Bei der Frau bleibt die Todesursache unbestimmt. Nur zwei der vier Skelette sind komplett erhalten, bei den anderen fehlen die Schädel oder auch die Beine. An keinem der Skelette wurden Folterspuren gefunden.

Ein chronischer Raucher

Wie die Auswertungen weiter ergeben haben, weisen alle Skelette krankhafte Veränderungen auf. Vereinzelt gibt es auch Hinweise auf Verletzungen, die längere Zeit vor dem Tod erfolgten. Bei drei sind entzündliche Prozesse im Zahnbett oder an Knochen ausgebildet. Der Jugendliche war offensichtlich von Entwicklungsstörungen und einer Mangelerkrankung betroffen und dürfte nicht unter guten Umständen aufge-wachsen sein. Einer der Männer sei ausserordentlich robust gebaut gewesen und habe wohl im Leben hart arbeiten müssen, stellten die Fachleute in ihren Untersuchungen fest. Zudem deuteten die schwarz verfärbten Zähne darauf hin, dass er ein chronischer Pfeifenraucher gewesen sei.

Aufgrund der zahlreichen Streufunde können wichtige Hinweise auf die getragenen Kleider gemacht werden. In einer Reihe liegende Metallknöpfe gehörten offenbar zu einer Jacke oder einem Gilet. Der junge Mann trug ein Medaillon, das aus dem süddeutschen oder österreichischen Raum stammt. Bei der als zierlich eingestuften Frau wird vermutet, dass sie bei der Hinrichtung eine Bluse mit Rock oder ein weites Kleid mit Schürze getragen hat. Wie im Kalk erhaltene Reste eines Schuhs zeigen, steckten ihre Füsse in kurzen Lederstiefeln.

Denkmalpflege und Archäologie haben wiederum wichtiges Kulturgut erhalten

Wie die 160-seitige im A-4-Format erschienene Publikation «Archäologie und Denkmalpflege im Kanton Solothurn» verrät, haben zahlreiche Mitarbeitende der Kantonalen Denkmalpflege und der Kantonsarchäologie im Laufe des vergangenen Jahres dafür gesorgt, dass der Nachwelt wichtiges Kulturgut erhalten bleibt.

Ein grosses Thema, das auch medial viel Aufmerksamkeit auf sich zog, war der Umbau des Stadttheaters in Solothurn, das 2013 dank seines wertvollen historischen Bestandes unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Einen grossen Raum im Bericht nehmen die Arbeiten in Kirchen ein, die umfassend renoviert und deren Qualitäten als Baudenkmal wieder zur Geltung gebracht werden konnten: In Kestenholz die Kapelle St. Peter und Paul mit ihren beeindruckenden Wand- und Gewölbemalereien aus verschiedenen Epochen, in Gänsbrunnen die Pfarrkirche St. Joseph und in Bettlach die Kirche St. Klemenz. Letztere ist 1969 erbaut worden und ist ganz in Sichtbeton ausgeführt.

An der Westfassade der St.-Ursen-Kathedrale in Solothurn drängte sich von 2010–2013 eine Neufassung der Figuren des Bildhauers Johann Baptist Babel auf.

Als echte Trouvaille erwies sich das Vigier-Schlössli in Subingen, Wie der Kantonale Denkmalpfleger Stefan Blank im Vorwort schreibt, sind die Untersuchungen des Vigier-Schlössli in Subingen noch nicht abgeschlossen. Dank einer Handänderung ist dieses jedoch aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Noch nicht abgeschlossen ist auch die Betonsanierung des Goetheanums in Dornach. Mit der anspruchsvollen Innensanierung der Jesuitenkirche und des Museums Altes Zeughaus stehen in Solothurn zwei weitere, anspruchsvolle Vorhaben auf dem Programm.

Wie der Kantonsarchäologe Pierre Harb bekannt gibt, ist in Büsserach nördlich des alten Dorfkerns ein frühmittelalterliches Handwerker- und Gewerbequartier entdeckt worden, in dem über 500 Jahre lang Eisen hergestellt und geschmiedet wurde. Eine wissenschaftliche Auswertung der Grabungsergebnisse und des Fundmaterials wird neue Erkenntnisse zur Siedlungsgeschichte der Region bringen.

Bei einer kleinen, sehr ergiebigen Notgrabung in Olten wurde zur Freude der Archäologen die zwanzig Meter lange Fassade eines römischen Türmlihauses entdeckt. Gefunden wurden zahlreiche grossformatige Keramikfragmente und gut erhaltene Wandmalereireste. Bei der Auswertung der Malereien ist zurzeit ein Team von Spezialisten an der Arbeit.

Mehr wissen wird man bald auch über drei 8 × 16 Meter grosse Gebäude, die entlang der ehemaligen Stadtmauer in Altreu freigelegt wurden. (ka)

Die Publikation «Archäologie und Denkmalpflege im Kanton Solothurn» kann beim Amt für Archäologie und Denkmalpflege, Werkhofstrasse 55, 4500 Solothurn, für 20 Franken bezogen werden. Tel. 032 627 25 77.