In ihren Sommerferien fliegt Marion Schild nach Malta. Aber nicht, um dort am Strand in der Sonne zu liegen. Die 45-Jährige geht auf Rettungsmission. Mit einer Crew der Organisation «Sea-Eye» fährt sie vor die libysche Küste um schiffbrüchige Flüchtlinge zu retten. Die Solothurnerin hat die Arbeit der deutschen Rettungsorganisation schon längere Zeit über verfolgt. «Es ist für mich keine Option, Leute sterben zu lassen», so Schild. «In einem Meer, das ja eigentlich vor unserer Haustüre liegt – wenn wir über die Alpen hinweg schauen.»

Die Mission

Die zweiwöchige Rettungsmission startet für die Solothurnerin nächsten Montag. «Den zum Glück sehr günstigen Flug finanziere ich mir mit meinem Trinkgeld», erzählt die 45-Jährige, die bei der Sommerbeiz der Genossenschaft Kreuz arbeitet. Nach letzten Briefings mit der Crew geht es am Mittwoch mit dem umgebauten Fischkutter «Seefuchs» aufs Mittelmeer. «In rund 30 Stunden sind wir dann in unserem Einsatzgebiet», erzählt Schild. Nämlich in internationalem Gewässer vor der libyschen Küste. Ihr Job während der Mission: Wachgängerin.

Das bedeutet: Zwei Vier-Stunden-Schichten, in denen Schild Ausschau nach Flüchtlingsbooten hält. Bei einer Sichtung werde ein Rettungsangebot ausgesandt. Dann verteile die Crew Schwimmwesten, Wasser und leiste erste Hilfe. «Während dieser Zeit hofft man darauf, dass kein zweites Flüchtlingsboot gesichtet wird», erklärt die Solothurnerin. «Und, dass dann ein grosses Schiff der italienischen Marine, des europäischen Grenzschutzes, oder ein Handelsschiff kommt, das die Flüchtlinge an Land bringt.»

Die Aufgabe der Crew von «Sea-Eye» endet nämlich nach der Seenotrettung. «Es sei denn, es taucht kein anderes Schiff auf», fügt Schild an. Bei zwei Meter hohen Wellen müsse man sich entscheiden: «Den Flüchtlingen auf das eigene Boot helfen – oder sie ertrinken lassen.» Diese Szenarien schildert die 45-Jährige relativ nüchtern. Auch die bewaffnete libysche Küstenwache könnte die Crew überraschen, die «ihren» Raum vor der Küste verteidigen will. Diese hat letzten Herbst ein Motorboot von «Sea Eye» gekapert. Hat Schild keine Angst, ist sie nicht nervös? «Nein. Ich weiss, dass ich in stressigen Situationen relativ pragmatisch reagiere. Das hilft mir.»



Die Überzeugung

Schild wirkt auch nicht unruhig – sondern felsenfest von ihrem Vorhaben überzeugt. Wer in der Lage sei zu helfen, müsse doch etwas tun. «Wenn jemand in Solothurn auf der Strasse einen Unfall hat, geht man ja auch hin und hilft.» Sie sei enttäuscht darüber, wie die Gesellschaft und die Politik mit der Flüchtlingskrise umgehe. «Einfach Grenzen zu schliessen, wie das in Europa passiert, ist keine Option», sagt die 45-Jährige.

Kritik übt sie etwa an der Aufhebung von «Mare Nostrum», einer Marineoperation, die das Ziel hatte, Flüchtlinge in Seenot zu retten. Diese Mission wurde durch eine Operation des EU-Grenzschutzes – Frontex – abgelöst. «Bei Mare Nostrum ging es um Seerettungen. Grenzwächter von Frontex haben ein ganz anderes Ziel», ist Schild überzeugt. «Europa ist es offenbar wichtiger, Grenzen zu verteidigen, als Menschenleben zu retten.»

Die Ungewissheit

Schild hat ihre Crewkameraden bereits dreimal in Deutschland getroffen. Sie kennt die Sicherheitsmanuale der Organisation und die Notfallnummer, bei der sich Helfer auch nach ihrem Einsatz melden können, wenn sie psychische Probleme haben. Diese Infos und ihre Überzeugung nimmt Schild auf die Mission mit, trotzdem weiss sie: «Persönlich kann man sich auf solch ein Ereignis nicht ganz vorbereiten.»

Sie wisse auch nicht, wie sie reagiere, wenn sie zum ersten Mal ein «überfülltes Schlauchboot voller panischer Flüchtlinge» sichte. Sie fühle sich von der Organisation aber gut gestützt. Die Crew führe auch einen Chat, in welchem sich die Mitglieder noch austauschen können. Auch das Umfeld der alleinstehenden Marion Schild habe «sehr unterstützend» auf ihr Vorhaben reagiert.

Die letzten Tage vor Abflug nutzt die 45-Jährige zum Packen. Und, um ihr Französisch aufzufrischen. Ob sie die Reise verändern wird, kann die Solothurnerin noch nicht sagen. «Das kann man nicht vorausplanen», so Schild. «Man ist wahrscheinlich schon ein anderer Mensch, wenn man von so einer Mission zurückkehrt.»