Vor drei Jahren flüchtete er aus dem Iran in die Schweiz – und entging so einer sechsjährigen Gefängnisstrafe. Heute wohnt er in Bellach, organisiert ein Projekt für Flüchtlingskinder und wird bald Waldorflehrer. Nima Pour Jakub, 28, sitzt im Lehrerzimmer der Rudolf-Steiner-Schule in Langenthal und kocht Kaffee. Sein nachdenklicher Blick schweift über die Bücher, die sich bis zur Decke türmen. Kunst, Menschenkunde, anthroposophische Pädagogik.

Pour Jakub bezeichnet sich als Menschenrechtsaktivist. Im Iran hat er die Härte des Gottesstaats am eigenen Leib erfahren. Er sah öffentliche Hinrichtungen, erlebte Folter und wurde von einem Scharia-Richter verurteilt. Er wusste, als politischer Gefangener hätte er in steter Lebensgefahr geschwebt. Deshalb flüchtete er am 29. Dezember 2011. «Ich packte meinen Laptop in den Rucksack und ging los.» Von Täbris, der 2-Millionen-Stadt im Nordwesten Irans, Richtung Türkei. Es sei eine dunkle und kalte Nacht gewesen. Weder Freunde noch Familie wussten von der Flucht. Zu deren Sicherheit behielt er seinen Plan für sich. Eigentlich wollte Pour Jakub von der Türkei aus weiter nach London, da er englisch konnte. Doch bei der Zwischenlandung in Basel nahmen ihn die Grenzwächter fest. Gemäss Schengen-Abkommen musste er in der Schweiz bleiben und kam so nach Solothurn. Letzten Sommer wurde sein Asylgesuch gutgeheissen.

«Schweizer sind gute Menschen»

An der Steiner-Schule in Langenthal gab der Iraner bereits Mathematik-Lektionen, und vom nächsten Jahr an wird er auf der Unterstufe Englisch unterrichten. Nun könnte sich auch sein Flüchtlingsprojekt auszahlen: Jungen Asylbewerbern neuen Lebensmut geben, durch Bildung. Er selber habe ja davon profitiert. Und das soll nun auch anderen Flüchtlinge zustehen. 

Als Asylsuchender lebte Pour Jakub in Solothurn in einem Zivilschutzbunker. In seiner Heimat studierte er Maschinenbau, doch hier hatte er nichts zu tun, sah keine Perspektive. Einen in Europa lebenden Iraner bat er um Rat. Dieser sagte: «Hab Geduld. Die Schweizer sind gute Menschen, sie werden dir helfen.»
Tatsächlich. Pour Jakubs Leben nahm eine unerwartete Wendung: An der ROJ-Mittelschule in Solothurn, der Oberstufe der Rudolf-Steiner-Schule, hielt er einen Vortrag über die Menschenrechtssituation im Iran und lernte dabei den Deutschlehrer kennen. Bald sass er als Gastschüler in dessen Unterricht und las mit den anderen Schülern Goethes «Faust». «Ich kannte zwar die Geschichte, doch sprach ich noch kein Wort deutsch.» Heute spricht er fliessend, mit wohlüberlegten Sätzen, fast ohne Fehler. Am anthroposophischen Institut in Dornach studiert er Waldorfpädagogik und schreibt derzeit an seiner Abschlussarbeit. Eine private Stiftung unterstützt dabei.

Bildung für Asylsuchende

Seit diesem Jahr reist Pour Jakub an verschiedene Steiner-Schulen, stellt sein Projekt vor, spricht mit Lehrern, Eltern und Schülern. In Langenthal und in Steffisburg warten die Steiner-Schulen nur noch auf die Bewilligung des Kantons Bern. Dieser müsse entscheiden, was wir überhaupt dürfen, sagt Pour Jakub. Möglich wäre vieles. Von Schulbesuchen für einige Tage bis zu einem festen Schulplatz. Eine schulische Bildung erhalten könnten so auch junge Asylsuchende, die das schulpflichtige Alter bereits überschreiten. Denn: Über 80 Prozent der minderjährigen unbegleiteten Asylsuchenden (UMA) sind zwischen 15 und 18 Jahren alt – können also kaum von der obligatorischen Schulbildung profitieren. Im Kanton Solothurn leben derzeit 32 UMA. Die meisten von ihnen sind im Durchgangszentrum in Selzach untergebracht. Auch dort möchte der Iraner helfen: Lehrer sollen den jungen Asylsuchenden Freizeitbeschäftigungen bieten. Etwa mit Deutsch-, Musik- oder Zeichenunterricht. Sobald sie die Bewilligung der Behörden erhalten, wollen sie beginnen.

Gefangen mit 120 Leuten

Die oft negative Stimmung gegenüber Asylsuchenden nimmt Pour Jakub nicht direkt wahr. Auch er wisse, die Schweiz könne nicht alle aufnehme. Sie habe aber weltweit eines der besten Asylsysteme. Auch die direkte Demokratie hier beeindruckt ihn.

In Solothurn besuchte er eine Gemeindeversammlung und war fasziniert, wie debattiert wurde, wie danach alle friedlich nach Hause gingen. In seiner Heimat war das nicht möglich. Als Student kämpfte er für Menschenrechte und Redefreiheit. Mit seinen Kommilitonen demonstrierte er und griff auch mal zum Megafon, wenn ein Politiker an die Uni kam. Im Juli 2011 wurde er vom Geheimdienst festgenommen, in der Mittagspause. Pour Jakub landete in einer Zelle, wo während 24 Stunden Licht brannte und unablässig das Staatsradio plärrte. Später kam er ins öffentliche Gefängnis: ein Raum mit 120 Leuten. «Viele schliefen auf dem Boden. Wer eine Decke bekam, hatte Glück.»

Weil seine Eltern ihre Eigentumswohnung dem Staat überschrieben, kam Pour Jakub zwischenzeitlich frei. Das Zeitfenster ermöglichte die Flucht. Zurück möchte er dennoch – sobald es die politische Situation erlaube. «Es gibt nichts Schlimmeres, als die eigene Heimat verlassen zu müssen», sagt er und blickt in die leere Kaffeetasse. Gelegentlich hat der angehende Lehrer wieder Kontakt zu seiner Familie. Sein Vater war selber Lehrer. Beide hätten niemals gedacht, dass sie noch Berufskollegen würden.