Asylwesen
Flüchtlingsfamilie muss trotz erfolgreicher Sammelaktion Wohnung räumen

Eine Selzacherin sammelte Spenden, um die Wohnung ihrer Nachbarn zu finanzieren. Das Projekt war zwar erfolgreich – das Sozialamt platziert die Flüchtlingsfamilie dennoch um.

Noëlle Karpf
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Christine Gerber sammelte via der Crowdfunding- Plattform «I care for you» 10'000 Franken für die jemenitische Familie.

Christine Gerber sammelte via der Crowdfunding- Plattform «I care for you» 10'000 Franken für die jemenitische Familie.

Nka/zvg

8 800 Franken sammeln. Das war Christine Gerbers Ziel. Damit wollte die 45-jährige Selzacherin die Miete für ihre Nachbaren sichern. Ihr gegenüber wohnt die dreiköpfige Familie Alyafei, die aus dem Jemen geflüchtet ist. Die Vierzimmer-Wohnung mietet der Sozialdienst und ist laut diesem zu gross für nur eine Familie. Zu Beginn wohnten deshalb auch zwei Familien darin, bis die eine wieder auszog. Damit die Alyafeis nicht umziehen mussten, begann ihre Nachbarin Gerber Spenden via der Internetplattform «i care for you» zu sammeln.

10'000 Franken kamen so zusammen. «Ich bin stolz», sagt Gerber. Und gleichzeitig: «Es ist schade, wie die Geschichte ausgegangen ist.» Die Alyafeis müssen bis Mitte Oktober nämlich ihre Wohnung räumen.

Überraschende Umplatzierung

Im Mai erhielt die Flüchtlingsfamilie vom Sozialdienst Oberer Leberberg (SDOL) die schriftliche Bestätigung dafür, dass sie in der Wohnung bleiben könne – «wenn die Hälfte der Mietkosten von externen Stellen finanziert werden». Das waren die 8 800 Franken, die Gerber gesammelt hat.

Im Juli erhielten die Alyafeis erneut Post vom SDOL: Man könne nicht unterstützen, dass die überhöhten Mietzinsen durch Spendengelder finanziert werden, heisst es in der Verfügung. Die Familie habe in eine 3-Zimmer-Wohnung umzuziehen.

Die Bestätigung, dass die jemenitische Familie in der Wohnung bleiben könne, sei von einer Mitarbeiterin verschickt worden, erklärt Kurt Boner, Leiter des SDOL auf Anfrage. Es sei normal, dass Mitarbeiterinnen «an der Front» alleine Entscheidungen treffen können. «Sie kennen die Fälle ja auch genau.» Manchmal müsse man solche Entscheide dann korrigieren. So habe er nach der Bestätigung mit der Verfügung zur Umplatzierung «eine andere Richtung eingeschlagen.» Er segne auch nicht alle Briefe des SDOL ab – schliesslich bearbeite der Sozialdienst rund 1000 Dossiers. Bei Verfügungen hingegen, wie der Anordnung zur Umplatzierung, gelte immer mindestens das Vier-Augen-Prinzip.

Niemanden bevorzugen

«Wenn jemand Spenden erhält, dann hat er diese für seine Existenzsicherung zu verwenden», begründet Boner seinen Entscheid. So handhabe man das auch bei Schweizer Sozialhilfebezügern. «Flüchtlinge haben kein Recht auf bestimmte Wohnsituationen.»

Die neue Wohnung befindet sich ebenfalls in Selzach und ist laut Spendensammlerin Gerber «völlig in Ordnung». Die Art und Weise, wie sie vermittelt wurde, hinterlässt bei der Selzacherin jedoch einen «bitteren Nachgeschmack». Gegen die Umplatzierung hätte die Flüchtlingsfamilie nämlich Beschwerde eingereicht. Danach habe eine Mitarbeiterin des SDOL die jemenitische Familie so lange «bearbeitet», bis diese die Einsprache zurückgezogen habe.

Zu diesem Vorwurf kann sich Boner nicht äussern – er war nicht direkt beteiligt. Er sagt aber, man habe in diesem Fall eine «Ideallösung» gefunden. «Wir haben niemanden bevorzugt und trotzdem Rücksicht auf die Familie genommen», die die neue Wohnung auch nicht teilen müsse.

Spendengeld für Möbel

Trotz bitterem Nachgeschmack: Alles in allem ist Gerber mit dem Spendenprojekt zufrieden. «Es hat mich sehr gefreut, dass so viele Leute Solidarität zeigten», erzählt die 45-Jährige. Schliesslich war die Aktion auch nicht ganz umsonst. So hätten sich die Spender einverstanden erklärt, dass die Familie mit dem Geld Möbel kauft und einen Teil der 10 000 Franken für Notfälle auf die Seite legt. «Wenn die Alyafeis schon keine eigene Wohnung haben, haben sie zumindest eigene Möbel», so Gerber.

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