Solidarität
Flüchtlinge im Bischofssitz: So kommt Bischof Gmürs Vorhaben an

Bischof Felix Gmür will im Schloss Steinbrugg in Solothurn Flüchtlinge aufnehmen – die Reaktionen der Bevölkerung sind kontrovers.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Verzweifelte Flüchtlinge, wie diese auf der Insel Lesbos Gestrandeten, wecken bei manchem Schweizer Ängste und Frustrationen statt Mitgefühl. Bischof Gmür nimmt einige Flüchtlinge im Schloss Steinbrugg auf.

Verzweifelte Flüchtlinge, wie diese auf der Insel Lesbos Gestrandeten, wecken bei manchem Schweizer Ängste und Frustrationen statt Mitgefühl. Bischof Gmür nimmt einige Flüchtlinge im Schloss Steinbrugg auf.

key/az

Christliche Nächstenliebe – ein Schlag ins Gesicht? Teils sehr empörte SMS-Reaktionen auf den Artikel dieser Zeitung von vergangener Woche erreichten uns, als sich der Bischof von Basel, Felix Gmür, entschloss, Räume seines bischöflichen Ordinariats für Flüchtlinge einrichten zu lassen.

Sicher ist die Mehrheit der Gläubigen der Ansicht, es sei an der Zeit, dass die katholische Kirche ein Zeichen setze und sich für die Flüchtlinge starkmache. Doch viele andere konstatierten, mit dieser Massnahme würden sie als Kirchensteuer zahlende Mitglieder der katholischen Kirche nicht mehr genügend respektiert. Es gebe genügend bedürftige Schweizer, die eine Einladung ins bischöfliche Palais verdient hätten.

SMS-Reaktionen an diese Zeitung

«Herr Bischof Gmür, lesen Sie die SMS. Dann ab in die Klausur. Schämen Sie sich für das, was Sie den Gläubigen antun. War wohl nicht studiert. Eher ausgelaufen. Schade.»

«Herr Bischof, das ist ein Schlag ins Gesicht für alle armen und alten Gläubigen. Es gibt Gläubige, die mussten aus der kath. Kirche austreten, weil sie die Kirchensteuern nicht mehr bezahlen konnten. Aber sowas vernehmen Sie wohl nicht? Es ist nur noch peinlich!»

«Würden Schweizer in Not um eine Unterkunft/Wohnung ersuchen/bitten, würden alle Bischöfe und Schlossherren sie wegweisen! Herr Gmür, Ihre offene Tür ist ein Schlag ins Gesicht der Menschen, die in der Schweiz in Armut und auf der Strasse leben müssen!»

«Den Bischofssitz für normale Menschen, die sich für die Kirche verdient gemacht haben, zu öffnen, ging nie. Für Menschen aus Afrika gehts aber blitzschnell. Das ist pure Provokation, Herr Gmür. Und wer es jetzt noch nicht checkt, ist selber schuld.»

«Schön, wenn Flüchtlinge nun im Schloss leben dürfen. Es gibt so viele Schweizer Familien und Rentner, die nicht mehr wissen, wie sie alles bezahlen sollen. Die würden nie so ein Angebot bekommen von der Kirche. Wir Schweizer haben immer mehr das 2 auf dem Rücken.»

Für die heutige Zeit bezeichnend ist auch, dass auf unserer Redaktion kein einziger Leserbrief zu diesem Thema eintraf – Leserbriefe müssen nämlich mit Namen gekennzeichnet werden. SMS allerdings können anonym verschickt werden, und da kann jeder seine Frustrationen und Anschuldigungen in die Tasten tippen.

Haben den Bischof selbst ebenfalls Reaktionen erreicht? Und welche? Dazu erklärt der bischöfliche Sprecher Hansruedi Huber «Die bisherigen Reaktionen waren überwiegend positiv. Es gab aber einzelne Stimmen, die zum Ausdruck bringen, dass sie sich vor Flüchtlingen fürchten.» In der «Basellandschaftlichen Zeitung» erwähnte Huber auch den grossen Rummel, den das Vorhaben ausgelöst hat. Offenbar rechnete Bischof Gmür nicht damit. «Es ist uns fast ein wenig zu viel geworden», meint Huber.

«Eigentlich wollten wir das Projekt nicht an die grosse Glocke hängen. Wir publizierten nicht einmal ein Communiqué dazu.» Das Bistum habe extrem viele Reaktionen erhalten, und die fielen laut Huber wie erwähnt «fast ausnahmslos positiv» aus. «Wenn das nun hilft, weitere Leute zu animieren, Flüchtlinge aufzunehmen, dann haben wir unser Ziel erreicht», sagt er noch.

Tatsächlich habe man sich auch im Frauenkloster Namen Jesu in Solothurn Gedanken zur Aufnahme von Flüchtlingen gemacht, sagt die Mutter Oberin Priska Käslin. «Doch das geht bei uns leider nicht. Wir haben zu viele Schwestern, die alt und gebrechlich sind, und diese benötigen die Hilfe der anderen Schwestern. Wir könnten also den Betreuungsaufwand nicht leisten.»

«Das Kloster Mariastein hat schon in den 80er- und 90er-Jahren Flüchtlinge beherbergt», sagt Abt Peter von Sury. Drei bis vier Personen waren das damals, und diese seien von der Caritas zugewiesen worden. Grundsätzlich sei es ja so, betont der Abt, dass es zum klösterlichen Leben gehöre, Schutzsuchenden Aufnahme und ein Dach über dem Kopf zu geben. «Wir hätten Räume, die wir anbieten könnten, das haben wir dem Kanton Solothurn auch so gemeldet», sagt der Abt weiter. «Ich erwarte eigentlich täglich eine entsprechende Anfrage.» Natürlich müsse die jeweilige Aufnahme aber dann mit dem bestehenden Gästebereich des Klosters in Einklang gebracht werden, so Abt von Sury.

Inzwischen treibt Bischof Gmür sein Vorhaben weiter voran. Spätestens Mitte Oktober sollten die Wohnungen, die in ehemaligen Büros eingerichtet werden, bereit sein. Es sollen laut Huber Asylsuchende Aufnahme finden, deren Aufnahmeverfahren noch nicht abgeschlossen ist. Prunk erwarte sie im ehemaligen Patrizierhaus nicht, betont Huber. Es handle sich um schlichte Räume.