Peter Heim hat Geduld. Manchmal wartet er Jahre auf den Erfolg. Der frühere Oltner Stadtarchivar spürt seit 20 Jahren den Archiven (einst) bedeutender Solothurner Firmen nach. Er will diese für die Nachwelt erhalten. Der Historiker spricht bei Unternehmensleitungen vor, um sie zu überzeugen: Davon, dass sie ihr Archiv dem Firmenarchiv des Historischen Vereins des Kantons übertragen und so der Öffentlichkeit zugänglich machen. Hat Heim Glück, hört er später etwas von den Firmen. Hat er Pech, landen die Ordner trotzdem in der Kehrichtverbrennungsanlage. «Das Bewusstsein, dass Firmenarchive Kulturgut sind, ist nicht sehr verbreitet», sagt der 72-Jährige.

Dieser Tage können Heim und seine Co-Projektleiterin, die Solothurner Historikerin und Wissenschaftskommunikatorin Verena Schmid Bagdasarjanz, gleich zwei Erfolge feiern. Sie haben die Archive zweier einst bedeutender Solothurner Firmen an Land gezogen: Die Bestände der Cellulose Attisholz und der Von Roll gehen in den Besitz des kantonalen Firmenarchivs über. Vor über zehn Jahren hatte Heim die ersten Kontakte zu den Verantwortlichen der einstigen Cellulosefabrik. Er ging vorbei, um das Archiv anzuschauen. «Viel war schon weg», sagt er. Doch der Historiker weiss: «Es ist immer ein Torso, an dem wir Geschichte machen.» Heim dachte nicht daran, das die Übergabe noch klappt, wie er am Mittwoch an einer kleinen Übergabefeier bekannte (vgl. Kasten). 

Doch dann hatte er Glück. Das Archiv kam. Und einige Bestände tauchten auf, die als verloren galten – bis jemand den Schlüssel zu einem weiteren Estrichraum fand. Und die Geduld hat sich auch anderweitig gelohnt: «Zum Bestand gehört ein sensationelles Fotoarchiv», so Heim.

Selbstverständlich ist es nicht, dass ein Unternehmensarchiv überlebt. Nur zehn Jahre müssen Firmen gemäss Obligationenrecht Akten aufbewahren. Danach können Firmenbosse diese schreddern lassen. Nur wenige Konzerne wie die Swatch, die SBB oder Nestlé beschäftigen eigene Archivare. Heim hat schon erlebt, dass neue asiatische Besitzer den Wert eines vollständig erschlossenen Archivs nicht einsahen und dieses entsorgten.

Was kann man damit tun?

Rund 60 Firmen hat Heim schon besucht, seit er das Projekt Firmenarchiv vor 20 Jahren ins Leben rief. Und dabei einige Erfolge erzielt: Sphinxwerke, Rössler-Geschirr, Vigier, Gerolag, Giroud-Olma oder Papierfabrik Biberist sind klingende Namen, deren Nachlässe nun im Stadtarchiv Olten lagern, wo das Firmenarchiv Gastrecht geniesst. 30 Firmenarchive sind es derzeit – oder was davon erhalten blieb: Von der Roamer oder der Lanco, beides einst grosse Namen der Uhrenbranche, gibt es gerade noch einen Laufmeter Archiv. Perlen fanden sich dagegen bei der Papierfabrik Biberist: Da sind Papiermuster von 1865 bis 2000 erhalten geblieben.

Ob Heim Zugang zu Firmenarchiven erhält oder nicht, «das hängt daran, ob jemand im Kader interessiert ist», sagt der Historiker. Einfacher ist es bei Familienunternehmen. Dort sei eher das Bewusstsein für die Tradition vorhanden.

Verwaltungsratsprotokolle, Aktienregister, Kundenverzeichnisse, Lohnlisten: Was ist daran interessant und was bringt das? «Unternehmensarchive sind Zeitzeugen für wesentliche Entwicklungen der ganzen Gesellschaft», halten Schmid und Heim fest. «Um zu verstehen, wie die Wirtschaft die Gesellschaft beeinflusste, braucht es mehr als die staatlichen Archive. Die Firmen haben die Kultur und das Leben geprägt.»

Mögliche Fragen für die Forschung sind, so die Solothurner Historiker, beispielsweise: Welchen Einfluss hatten die amerikanischen Methoden der Betriebsrationalisierung auf die hiesige Industrie? Oder: Wie veränderte die Papierindustrie die ländliche Gesellschaft im Wasseramt? Das Solothurner Firmenarchiv kann da Antworten geben. «Jetzt wäre es an den Historikern», sagt Heim. Doch Solothurn ist kein Universitätskanton, weshalb weniger geforscht wird. Schmid und Heim wollen künftig vermehrt an den Historischen Instituten der Universitäten für den Solothurner Bestand werben und diesen im Internet sichtbarer machen.

Noch ein grosser Name

Auch das Archiv der Von-Roll-Holding, die ihren Sitz heute in Au/Wädenswil hat, kommt bald nach Olten. Ende Februar hat die Regierung dem Vorhaben zugestimmt. Der Kanton übernimmt das Archiv mittels Schenkungsvertrag. Es ist ein Archiv das für die Solothurner, oder gar schweizerische, Wirtschaftsgeschichte nicht unbedeutend ist, auch wenn einzelne Teile bei den verschiedenen Umstrukturierungen abgetrennt wurden: So ist ein Teil des Archivs noch bei der heutigen Stahl Gerlafingen.

Nach Olten kommen bald grosse, dicke Bücher, die derzeit teils noch vom Schimmel befallen sind. «Fast alle Bereiche der Geschäftsführung sind nahezu lückenlos erhalten», sagt Co-Projektleiterin Verena Schmid. Die Akten reichen in die Anfangszeit der Firma zurück. In Etappen werden die Bestände gereinigt und gesichtet. «Königsdisziplin» wird die Auswahl sein. Was bleibt, was kommt fort? Bleiben soll alles, was für Historiker bedeutend sein könnte. Weg kommen etwa Journale im Rechnungswesen. Bei der Dutzendware wird lediglich ein Querschnitt aufbewahrt, der zeigt, wie das Rechnungswesen funktionierte. «Man darf nicht vernachlässigen, was man nicht versteht», warnt Schmid: Viele technische Unterlagen, werden Fachleute interpretieren müssen.

Grundsätzlich sind die Bestände des Solothurner Firmenarchivs frei zugänglich. Es kann aber Auflagen geben, wie bei der Von Roll: Dort, wo ihre Geschäftsinteressen tangiert sind, kann die Firma die Zugänglichkeit einschränken. Gibt es etwa einen Prozess, soll die Gegenseite nicht davon profitieren, dass das Unternehmen sein Archiv der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat.

Die Jagd auf Solothurner Archivschätze ist noch längst nicht vorüber. Peter Heim hat noch weitere grosse Namen der Solothurner Industriegeschichte im Kopf: Die Ascom etwa oder die Isola in Breitenbach. Ein grosser Schatz, so Heim, wäre das Archiv der Firma Bally. Es umfasst Musterbestände aus Jahrzehnten. «Bei Bally bin ich seit 20 Jahren dran», sagt Heim. Er wird weiter hoffen. Und Geduld zeigen.