«Sie haben zu wenige Punkte für diese Wohnung» oder «Ja, Ihre Tochter wird in unsere Schule aufgenommen, ihr Punktestand ist ausreichend». So in etwa wird das angestrebte Sozialkredit-System in China aussehen, welches von der Regierung zwecks Überwachung der Bevölkerung angestrebt wird. «Gute» Taten, wie vorbildliches Verhalten am Arbeitsplatz, werden mit Pluspunkten belohnt, «schlechte» Taten, wie über das Rotlicht fahren, geben Negativpunkte. Möglich machen dieses Sozialsystem «big data» und die sogenannte «künstliche Intelligenz».

Maschinen lernen, so zu denken wie wir Menschen. Viele Anwendungen der künstlichen Intelligenz sind schon fast selbstverständlich in unserem Alltag: Computer parkieren unsere Autos, «Siri» sagt uns, ob wir morgen einen Regenschirm brauchen, oder der Roboterhund «AIBO» entzückt unsere Kinder, indem er ihr Lächeln erkennt und Antworten gibt. Der Einsatz von künstlicher Intelligenz macht uns – je nach Anwendung oder Kontext – nachdenklich, ängstlich, hoffnungsvoll oder lässt uns bezüglich der technischen Raffiniertheit vor Neid erblassen.

Fiat Panda oder modernes Auto?

Im Gegensatz zu China sind unsere Anwendungen der künstlichen Intelligenz (mehrheitlich) freiwillig – wir können entscheiden, ob wir einen analogen Fiat Panda oder ein modernes Auto, welches permanent den Abstand zum Vordermann selbstständig erkennt, fahren wollen. Die Unternehmen treffen autonom die Entscheidung, welche Arbeitsschritte von einem Roboter übernommen und welche durch Arbeitskräfte aus Fleisch und Blut verrichtet werden sollen. Dem gegenüber steht die äusserst komplexe und technisch hochraffinierte Verwendung der künstlichen Intelligenz als staatliches omnipräsentes Kontroll- und Überwachungssystem, bei welchem der Einsatz für das Individuum nicht mehr auf Freiwilligkeit basiert.

Die künstliche Intelligenz gilt als Zukunftstechnologie, das heisst, diese Technologie verändert die Welt. Wie bei jedem technischen Fortschritt ist der Lauf der Zeit unaufhaltsam. Neue Technologien kommen einerseits so oder so zum Einsatz, wir können die Augen davor nicht verschliessen. Andererseits ist aber anzunehmen, dass die «Bösen» nicht abseitsstehen und danach streben, die künstliche Intelligenz für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Umso wichtiger ist es, dass sich auch die «Guten» auf der anderen Seite des Gartenhages damit auseinandersetzen.

Die künstliche Intelligenz ist prädestiniert dafür, diffuse Ängste bei uns auszulösen. Sei es die Angst um den eigenen Arbeitsplatz, wenn Roboter uns Menschen in immer mehr überlegen sind und wir plötzlich nutzlos werden. Oder sei es die Angst, dass die Analyse unserer Gesundheitsdaten und Schrittzähler eine zukünftige Krankheit vorhersagt und folglich unsere Versicherungsprämien steigen.

Sichere Technologie und gewährleisteten Datenschutz

Die Herausforderung unserer Politik ist es, das Vertrauen der Bürger zu gewinnen, indem die Technologie sicher ist und insbesondere der Datenschutz gewährleistet wird. Angesichts der rasanten Entwicklung steht der Bund regelrecht unter regulatorischem Zugzwang. Im Rahmen des Aktionsplans des Bundes «Digitale Schweiz» werden im Bereich der künstlichen Intelligenz zurzeit zwar erst Arbeitsgruppen gebildet; zwischenzeitlich schreitet die digitale Transformation aber weiter voran, wobei wir insbesondere im Bereich der künstlichen Intelligenz gegenüber Asien und den USA immer mehr in den Rückstand geraten.

«Andere Länder – andere Sitten» hört sich zwar salopp an, dennoch regelt und überwacht die soziale Kontrolle auch in unseren Breitengraden sehr vieles. Wissen zu wollen, was andere tun und lassen, gilt schon fast als Grundbedürfnis. Problematisch wird es dann, wenn der Staat die Bürger kontrolliert und manipuliert. Darf sich ein Staat anmassen, den sozialen Massstab für ein solches Kreditsystem zu setzen und in Einsatz zu bringen?