Kanton

Fertig Disziplin: Kletterstangen verschwinden von Schulhausplätzen

Sie waren vor allem bei der militärischen Aushebung berühmt-berüchtigt: Die Kletterstangen. Doch seit das Klettern keine Disziplin mehr bei der Aushebung ist, verschwinden die Kletterstangen auch von den Schulhausplätzen. Gemeinden sparen. Ein Nachruf.

Kerzengerade und mit eiserner Disziplin ragen sie in die Höhe, als ob es nie etwas an ihnen zu rütteln gäbe. Einst gehörten die Kletterstangen zum Schweizer Dorf wie die Post, die Telefonkabine oder das Tante-Emma-Lädeli. Doch jetzt rosten sie – dort wo es sie noch gibt – vor sich hin. Fast überall werden sie entfernt – oder im Unterhalt so vernachlässigt, dass ihnen das baldige Ende gewiss ist.


Zum Beispiel Solothurn. Frisch gesäter Rasen ist beim städtischen Fegetz-Schulhaus zu sehen. In den letzten Wochen sind hier die Kletterstangen abtransportiert worden. Als die städtischen Spielplätze auf die Sicherheit hin kontrolliert wurden, fielen die Kletterstangen dieser Überprüfung zum Opfer. «Es gab keinen Fallschutz», sagt Fegetz-Schulhauswart André Visconti. So oder so: «Sie waren total verrostet, weil sie nicht mehr benötigt und vernachlässigt worden waren.»

Ein trauriger Anblick bei der Kanti

Gleich nebenan, bei der altehrwürdigen Kantonsschule, sind längst die Bäume in die Anlage gewachsen. Was an Stangen noch übrig ist, rostet dahin. Auch diese eisernen Zeitzeugen werden gewiss nicht mehr für alle Ewigkeit in die Höhe wachsen. «Der Rückbau wird bei nächster günstiger Gelegenheit geprüft», hält das kantonale Hochbauamt fest.


Dabei sind vor ihr alle gleich. Nur mit Eigenleistung schafft man den Aufstieg. Während des Zweiten Weltkrieges als militärische Aushebungsdisziplin eingeführt, demonstrierte die Kletterstange quasi eiserne Disziplin und Stärke – und damit die Schweizer Wehrhaftigkeit. Sie wurde zum berühmt-berüchtigten, aber tief verankerten helvetischen Drillinstrument.


Die Armee hat das definitive Ende eingeläutet


Doch inzwischen ist nicht nur der Kalte Krieg vorbei. Die Kletterstange hat auch bei der Armee ausgedient. In den Nullerjahren wurde das Bezwingen der Eisenstange aus den Aushebungs-Disziplinen verbannt. Da war die Kraft der Schweizer Jugend übrigens längst geschwunden. Von 4,8 auf 5,8 Sekunden war die Durchschnittszeit derer gefallen, die noch hoch kamen.


Seit die Stangen nicht mehr Teil der Aushebung sind, seien sie von den Gemeinden als weniger wichtig erachtet worden, sagt Michael Steiner, Präsident des Turn- und SportlehrerInnen-Vereins Solothurn. Die Kommunen sparten und die Stangen gehörten bald zum alten Eisen.
Ihr Ende wurde beschleunig durch das zunehmende Sicherheitsbedürfnis von Eltern und Schulbehörden. Plötzlich wurde die Kletterstange zum Risikofaktor auf Spiel- und Pausenplätzen.

"Man könnte sie immer noch gut benützen"

Sogar drinnen in neuen Turnhallen sind sie oft nicht mehr eingebaut, weil sie bei Spielsportarten ein Hindernis sind, bemerkt Sportlehrer-Präsident Steiner.
Dabei gibt es sie durchaus, die Verteidiger der Kletterstange. Es sind die Fachleute. «Man könnte sie immer noch gut benützen», sagt nicht nur Michael Steiner. Auch bei der kantonalen Sportfachstelle ist Pascal Bussmann froh, dass sie in Kriegstetten noch stehen, wo er selbst unterrichtet. Bussmann erinnert sich nicht nur aus Nostalgie daran, wie er als Kind oben sass und stolz ein Sandwich gegessen hat.

Ein Risiko eingehen, Klettern, Wettbewerb, Mut: Das sieht er als Vorteil der Kletterstange, die ja durchaus wieder in Mode kommen könnte. War doch auch der Ping-Pong-Tisch zeitweise auch mal in der Beliebtheitsskala abgerutscht.
Zu den grossen Fürsprechern der Kletterstange gehört auch das Bundesamt für Sport (Baspo). Es wehrt sich in einem Merkblatt dagegen, dass die Stangen «seit einigen Jahren in Frage gestellt», als Sicherheitsrisiko taxiert und entfernt werden. Nicht nur sehe der Lehrplan 21 vor, dass Kinder und Jugendliche sich «hangelnd an Geräten bewegen und Kletteraufgaben bewältigen können». Das Klettern kräftige auch den Stützapparat und lehre Schülerinnen und Schüler, «Wagnissituationen realistisch einschätzen» zu können und ein Sicherheitsbewusstsein zu entwickeln.

Was, wir haben noch eine?


Möglich ist das noch, trotz Flugrost, in Hessigkofen, Gemeinde Buchegg. Warum hat man sie hier stehen gelassen? Anruf bei Verena Meyer. Die Gemeindepräsidentin staunt. Haben wir tatsächlich noch eine Kletterstange draussen?, fragt sie. Eigentlich seien diese doch aus Sicherheitsgründen schon vor Jahren überall dort entfernt worden, wo Schulhäuser geschlossen wurden. «Ich muss das abklären», sagt Gemeindepräsidentin Meyer. Auch das Ende dieser Stangen ist damit wohl besiegelt.

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