Neuerscheinung

Felix Epper: Ein Meister der Buchstabenakrobatik

Felix Epper hat ein Büchlein mit Anagrammen herausgegeben.

Felix Epper hat ein Büchlein mit Anagrammen herausgegeben.

Felix Epper, Träger des Solothurner Fachpreises für Literatur 2019, legt ein Bändchen mit Anagrammen vor.

Felix Epper erklärt: «Anagramme sind Buchstabenspiele, Versetzungsrätsel und Worterfindungsmaschinen. Anagramme sind aber auch ein Zwangsmittel.» Nicht umsonst heisst das luftige, aber nicht leichtgewichtige Büchlein von Epper «Nachtwind, gezuernt – Dichten unter Zwang». Anagrammisten tragen formale Daumenschrauben und haben in jeder Zeile stets nur dieselben Buchstaben wie im sogenannten Programma zur Verfügung. Aber dies ist die Herausforderung, die zu Höchstleistungen anspornt.

Bei Epper tönt das dann so: «Es huera Chrut, e / u huerestarche / Raucherhueste!». Selbst das «gezuernt» im Buchtitel ist kein Zufall. Es ist eine Hommage an die Schriftstellerin Unica Zuern, die in der Zeit des Surrealismus mustergültige Anagramme schrieb. Auch der Name von Oskar Pastior fällt mehrmals, der die Anagrammliteratur um viele Perlen bereichert hat.

Aufs Anagramm kam Epper 2005. In einem Wettbewerb des Festivals Science et cité waren die Wörter «Gewissen, Gehirn, Roesti» vorgegeben: 19 Buchstaben, die Felix Epper «zu einem Moment Stammtischprosa» formte. Sein «Röst hin Gewissen, Gier!» war einer der fünf preisgekrönten Texte des Festivals. Von da an war die Lust am Anagrammieren geweckt. Epper verfasste zu Wettbewerben oder Anlässen Gelegenheitsanagramme. Was seine Besonderheit ausmacht, ist sein extrem freier Umgang mit Sprachmaterial. Man sollte seine Anagramme laut vorlesen.

Da er Hochdeutsch, verschiedene Mundarten und Fremdsprachen mixt, bleibt die Sterilität jener Anagramme aus, die mit Hilfe eines Anagrammgenerators im Internet verfasst wurden. Damit erschliesst er sich einen sprachlichen Raum für konsistente und plausible Texte. In seinen Mundart-Anagrammen von 2007 wird dies deutlich, wo es heisst: «Wönigli // Woni geil / Wie n Goli / Wo gli nie / Oni Wegli / In Wile go / Gin, Wi, Öl / Ge wil oni / Wönigli.» Schnell zu lesen ist dieses charmante, geniale Sprachjuwel. Am Schluss des typografisch köstlich gestalteten Büchleins steht ein Palindrom, ein Gedicht, das von vorne wie hinten denselben Text ergibt. «Mondnah» ist gleichzeitig Formgedicht und verströmt einen Hauch Nietzsche’scher Ewigkeitssehnsucht.

Eine lange, spannende Geschichte

Obwohl man immer wieder lesen kann, Lykophron aus Chalkis (320–280 v. Chr.) sei der Vater des Anagramms, hat bereits Platon in seinem Dialog «Kratylos» das Anagramm (H)era – aér (Hera – Luft) als Beispiel seiner sprachphilosophischen Überlegungen benutzt. Der Barock war nicht nur ein emblematisches, sondern auch ein anagrammatisches Zeitalter. Auf Teufel komm raus wurden hier Fürstennamen und religiöse Texte auf anagrammatische Geheimkammern abgeklopft. Es ist die Welt hinter den Wörtern, welche die Menschen immer faszinierte. Enigmatisch, fast unheimlich erscheint uns das folgende lateinische Anagramm, das zugleich ein Palindrom ist: «In girum imus nocte / et consumimur igni» (Im Kreise geh’n wir nachts / und werden vom Feuer verzehrt).

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1