Kanton Solothurn

Fehlende Masken, verbarrikadierte Kunden: Das bedeutet die Krise für Pflegefachpersonen

Brigitte Cornu, freischaffende Pflegefachfrau, gibt Auskunft über ihre Arbeit während der Coronakrise. Natürlich unter Einhaltung des vorgegebenen Abstands.

Brigitte Cornu, freischaffende Pflegefachfrau, gibt Auskunft über ihre Arbeit während der Coronakrise. Natürlich unter Einhaltung des vorgegebenen Abstands.

Brigitte Cornu aus Oberdorf ist freiberufliche Pflegefachfrau, auch in der Krise. Sie berichtet, was die Branche derzeit beschäftigt - von verängstigter Kundschaft bis hin zu zusätzlichen, unbezahlten Aufgaben, die die Freischaffenden derzeit stemmen.

Seit 43 Jahren ist Brigitte Cornu Pflegefachfrau, seit drei Jahren arbeitet sie freiberuflich. Cornu ist eine kleine Frau, die im Gespräch auch emotional wird, ihre Sätze gerne wirken lässt, nachdem sie gesprochen hat. Das Thema liegt der 57-Jährigen aus Oberdorf offensichtlich am Herzen. Es geht um die Pflege. Genauer gesagt, die Situation freiberuflicher Pflegefachpersonen in der aktuellen Krise. «Wir bewegen uns auf unsicherem Terrain», sagt Cornu. Das gilt derzeit für die Freischaffenden – aber auch für ihre Kundschaft.

Dazu gehören kranke, betagte, psychisch beeinträchtigte Menschen – oftmals Angehörige der Risikogruppe, die über 65-jährig sind. Freischaffende Pflegefachpersonen betreuen und versorgen diese zu Hause zu den gleichen Bedingungen wie eine öffentliche Spitex, ziehen Stützstrümpfe an und geben Tabletten, waschen ihre Kundschaft und versorgen deren Wunden. Laut Cornu betreut man häufig Fälle, die der öffentlichen Spitex zu aufwendig sind; Fälle, die ansonsten ins Heim müssten. «Freischaffende Pflegefachperson zu sein, ist auch Lebenseinstellung», so die Oberdörferin. Es brauche die Freischaffenden zwingend im Kanton. Doch gerade jetzt sei es schwer.

Patienten: Verunsicherung und Verwahrlosung

Was die Branche derzeit hauptsächlich beschäftigt: «Es gehen surreale Ängste um.» Cornu betont mehrfach, die Massnahmen des Bundesrats seien richtig und wichtig. Gleichzeitig treffe sie in ihrem Berufsalltag auf grosse Verunsicherung, desolate Zustände. Sie berichtet vom Patienten, der aufgrund des panischen Händewaschens vernarbte Hände hat. Oder von der Patientin, die aufgrund einer Hauterkrankung täglich Pflege braucht – sich derzeit aber in ihrer Wohnung verbarrikadiert hat und niemanden reinlässt. Einerseits sei ein grosser Teil der Kundschaft selbst verunsichert. Andererseits: «Viele Kinder der heute über 65-Jährigen verbieten ihren Eltern, aus dem Haus zu gehen.»

Dabei gilt auch für Seniorinnen und Senioren keine Ausgangssperre. Und, so Cornu: «Fehlende Bewegung kann in diesem Alter rasch zu Muskelschwund führen.» Spazieren gehen sei jetzt – auch für die Risikogruppe – wichtig. «Man muss ja nicht auf ein Bänkli sitzen und einen Schwatz mit Bekannten halten.»

Kritisiert wird die ältere Bevölkerungsgruppe derzeit aber häufig, wenn sie aus dem Haus geht – im Internet, aber auch auf der Strasse. Cornu berichtet von einer Frau, die zu Fuss im Quartierladen habe etwas holen wollen und von einer entsetzten Nachbarin aufgehalten worden sei. Bei der Unsicherheit, die bei ihren Patientinnen und Patienten ohnehin schon herrscht, und dem Druck, der von aussen kommt, befürchtet Cornu: «Betagte fallen durch die Maschen» und isolieren sich in der Krise komplett, vereinsamen und verwahrlosen, weil sie nicht mal mehr die Putzfrau ins Haus lassen wollen.

Pflegende: Zu wenig Masken und zusätzliche Arbeit

Das bedeutet für die Freischaffenden: Sie müssen sich auch vermehrt der Ängste der Kundschaft annehmen. Trainingspläne erstellen, Tagesstrukturen schaffen und Kontakte nach aussen sicherstellen. Auch, weil beispielsweise Kinder von Betagten im Spital arbeiten und gefordert sind, oder aufgrund der geschlossenen Schulen die eigenen Kinder zu Hause betreuen müssen.

Diese zusätzliche Arbeit stemmen die Freischaffenden – ohne dies zusätzlich verrechnen zu können. Cornu stellt keine konkreten Forderungen, weiss, dass die Krise alle, wenn auch unterschiedlich, hart trifft. Sie wünscht sich aber von den Behörden, dass die Freischaffenden nicht vergessen werden in der aktuellen Lage.

Im Gegensatz zu den Spitälern etwa wurden Freischaffende nämlich nicht flächendeckend mit Schutzmasken ausgerüstet. Das Material kann derzeit über den Dachverband bezogen werden. Im Kanton Solothurn gibt es pro Person 20 Masken. Wann sie diese gebrauchen, müssen Pflegefachpersonen selbst entscheiden. Das heisst laut Cornu: Bei jeder Art von Erkältungssymptomen, ob bei Patientinnen und Patienten oder Pflegenden, muss man eine tragen – präventiv eine einzusetzen sei nicht möglich, was sie sehr bedaure. «Das wirkt natürlich unprofessionell – gleichzeitig gehen Menschen mit Gesichtsmasken einkaufen.»

Desinfektionsmittel können die Freischaffenden im Kanton noch beziehen – sie müssen dafür aber mit dem Auto in den Kanton Aargau fahren. Cornu wünscht sich hier mehr Unterstützung vom Kanton. Aber auch Solidarität in der ganzen Gesellschaft. Lieder zu schreiben zum Thema oder zu klatschen fürs Gesundheitspersonal – das seien zwar schöne Gesten, so die Pflegefachfrau. «Aber Solidarität würde für mich auch bedeuten, dass alle freischaffenden Pflegefachpersonen, die morgen zur Arbeit aus dem Haus gehen, gehamsterte Masken und Desinfektionsmittel auf der Türschwelle finden.»

Meistgesehen

Artboard 1