Stolz und tonangebend war der Solothurner Freisinn einst. Und auch stark. Gewisse Ämter schienen der mächtigen und breit getragenen Partei quasi zu gehören, so breit war sie getragen.

Das ist seit Sonntag definitiv vorbei: Der Partei, die im Kantonsrat nach wie vor grösste Kraft ist, will es nicht mehr gelingen, aus eigener Stärke ihre alten Ämter zu verteidigen: Nach dem zweiten Nationalratssitz (2007) und dem Ständeratssitz (2011) hat die FDP jetzt auch noch den zweiten Regierungsratssitz verloren. «Wir sind nicht mehr so stark, dass wir alleine eine Kandidatur ins Trockene bringen können», sagt ein ernüchterter FDP-Kantonalpräsident Christian Scheuermeyer. Doch auf einen bürgerlichen Zusammenhalt kann die FDP auch nicht hoffen.

Im Interview stellt sich der FDP-Kantonalpräsident den Fragen. Er kritisiert zwar auch die eigene Partei. Ein grösseres Problem sieht der FDP-Präsident aber weder bei der Wahl der – teils auch intern umstrittenen – Kandidatin noch bei der Ausrichtung der Partei. Scheuermeyer, der kürzlich seinen Rücktritt auf diesen August hin angekündigt hat, schiebt den schwarzen Peter auch den anderen Bürgerlichen Parteien zu.

Der Solothurner Freisinn hat ein historisches Debakel erlitten. Nach dem Ständeratssitz und dem zweiten Nationalratssitz ist jetzt auch noch der zweite Regierungsratssitz weg.
Christian Scheuermeyer: Es ist eine historische Niederlage, das ist so. Wenn einem der zweite Regierungsratssitz verloren geht, obwohl wir mit Abstand die stärkste Partei bei den Kantonsratswahlen waren, schmerzt dies. Wir sind jetzt untervertreten in der Regierung und bei den nationalen Mandaten.

Sie haben in Ihrer Präsidentschaft den Ständeratssitz verloren und den zweiten Regierungsratssitz.

Es waren zwei ganz schwarze Tage in meinen Jahren als Präsident. Als Partei sind wir aber ganz gut unterwegs.

Es scheint, dass die Solothurner FDP ein generelles Problem hat.

Wenn die FDP ein Problem hat, dann ist es dies, dass man mit den eigenen Kandidatinnen und Kandidaten sehr kritisch umgeht, kritischer sogar als der politische Gegner. Dass dies nicht zielführend ist. Ich kann das Verhalten einiger Freisinniger bis heute nicht verstehen. Es schadet uns, wenn wir mit den eigenen Kandidaten so kritisch umgehen.

FDP-Parteipräsident Scheuermeyer: «Wir sind enttäuscht.»

FDP-Parteipräsident Scheuermeyer: «Wir sind enttäuscht.»

Für den Parteipräsidenten liegt die Wahlniederlage auch an der fehlenden Unterstützung der anderen bürgerlichen Parteien.

Die Solothurner FDP ist in den vergangenen Jahren nach rechts gerutscht und hat nun versucht, mit einer Kandidatin vom rechten Parteirand zu punkten. War dies falsch?

Das heute zu beurteilen kann ich nicht. Ich stelle einfach fest: Im Kanton Solothurn gibt es 69 bürgerliche Kantonsräte und der Souverän wählt in der Regel bürgerlich. Jetzt hatten wir einfach auch eine andere Konstellation, die nicht zugunsten der FDP war. Die Linke ging geschlossen wählen. Die Bürgerlichen wollten Königsmacher spielen und schrieben noch Brigit Wyss auf den Wahlzettel, weil sie die pointiert linke Susanne Schaffner verhindern wollten.

Auffallend ist: Sie konnten offenbar auch rechts das Wählerpotential nicht abholen.

Rechts von der FDP wäre die SVP. Aber wenn da eine Amteipartei lieber die linken Kandidatinnen empfiehlt, wird es schwierig. Wir sind nicht mehr so stark, dass wir alleine eine Kandidatur ins Trockene bringen können. Wenn dann noch die Bürgerlichen zweifeln oder nicht wählen gehen, wird es für uns extrem schwierig.

Die Niederlage ist auch ein bürgerliches Debakel?

Ich gehe nicht davon aus, dass eine Grüne Volkswirtschaftsdirektorin die optimale Vertretung für einen Bürgerlichen ist. Ganz speziell war das Verhalten der CVP, die es verpasst hat, eine Parole herauszugeben. Und ich habe noch nie gehört, dass sich eine SVP-Amteipartei für zwei linke Kandidatinnen ausspricht. Das ist unglaublich.

War Marianne Meister die falsche Kandidatin? Sie erreichte schon bei den Ständeratswahlen kein überragendes Resultat.

Im Nachhinein ist es Kaffeesatz zu lesen, wenn man sagt, dass es mit einer anderen Kandidatin anders gekommen wäre. Unser höchstes Parteiorgan, die Delegierten, haben abgewägt und entschieden, wen sie ins Rennen schicken.

Es gab Stimmen, die Anita Panzer höhere Chancen zurechneten.

Selbstverständlich findet man in einer breiten Volkspartei Stimmen, die sagen: Diese Kandidatin, dieser Kandidat wäre mir lieber. Aber kehren wir es um: Wäre Anita Panzer Kandidatin gewesen, hätten wir genau gleich viele Stimmen gehabt, die Marianne Meister als bessere Kandidatin angepriesen hätten. Das ist eben das Denken, mit dem wir keine Wahlen gewinnen. Über die Partei hinaus können wir nur gewinnen, wenn wir intern geschlossen sind.