Kolumne
Fantasielose 30 Millionen

Rhaban Straumann
Rhaban Straumann
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Manche Leute verdienen sehr viel Geld. (Themenbild)

Manche Leute verdienen sehr viel Geld. (Themenbild)

KEYSTONE

Verdienen wir genug? Verdienen wir das, wovon wir denken, dass wir es verdienen? Es gibt genug Menschen, die mehr als genug verdienen und bestimmt denken, es sei nicht genug. Obwohl sie jährlich so viel verdienen, um bis an ihr Lebensende nichts mehr verdienen zu müssen. Auch im nächsten Leben müssten sie bis zum Finale nicht arbeiten. Ebenso im übernächsten. Und so weiter, falls es eine Wiedergeburt für Wiedergeborene geben sollte.

Zweifel, die mir nur Wiedergeborene nehmen könnten, falls Wiedergeborene wüssten, dass sie Wiedergeborene seien. Ein unausgegorener Gedanke, der vom ursprünglichen Gedanken abweicht, was mich nicht daran hindert, zum Ursprungsgedanken zurückzukehren. Ja. Wir verdienen genug. Wir, die wir hier das irdische Glück haben, ohne eigenes Zutun in die Schweiz hineingeboren worden zu sein. Mehrheitlich können wir zufrieden sein.

Es ist absurd, dass ein Mann in kurzer Zeit derart viel verdienen kann, dass es für drei Leben reicht. Und manche dieser Menschen, die so viel verdienen, dass sie nichts mehr tun müssten, werden auch fürs Nichtstun bezahlt. Obwohl sie so viel verdienen, dass ihre Lebenszeit nie und nimmer ausreicht, um auszugeben, was sie jährlich kassieren. Ich benötige nicht viel. Das reicht vollends. Zeit bedeutet mir bedeutend mehr. Für diesen Text hier z. B. wende ich mehrere Stunden auf, kriegen tu ich 80 Franken.

Das ist kein Gejammer, das geht in Ordnung, weil Zeitung. Zeitungen haben es geschafft – obwohl für eine funktionierende Demokratie von hoher Relevanz – sich in die finanzielle Bedeutungslosigkeit zu manövrieren. Sie rentieren nicht mehr. Folglich können sie für kritische Schreiben nicht mehr anständig bezahlen. Andere erhalten 30 Millionen Schweizer Franken, damit sie unkritisch schweigen. In einer für die Demokratie nicht zwingend relevanten Branche. Keine Ahnung, was in diesen Köpfen abgeht, dass man den Abgang des Chefs einer Grossbank derart widerwärtig garniert. Mit diesem Schweigegeld kassiert man den Bonus für Ethik vermutlich nicht.

30 Millionen. Das ist mehr, als die Mehrheit des Landes für lebenslanges Schweigen erhielte – geschweige denn je einmal besitzen würde – wollte man sich vom Volk politische Enthaltsamkeit erkaufen, was eine gänzlich hinfällige Idee ist, da die Mehrheit des Landes dies eh schon freiwillig tut. Die schweigende Mehrheit muss man sich nicht kaufen. Die Frage bleibt: Was lässt sich mit 30 Millionen erleben? Man muss das Geld ja nicht zwingend für Privatdetektive ausgeben. Man könnte was bewirken.

Natürlich hat ein Mann mit 30 Millionen eine gewisse Wirtschaftskraft, aber verteilt auf 300 Menschen hätte das Geld eine wesentlich grössere Wirkung. Verfügte ich über derart unverschämt viel Geld, täte ich es einer Verlegerin zur Verfügung stellen, doch nur, wenn sie die Journalistinnen für Recherche sehr gut bezahlt. In Frage kämen nur Journalisten, die noch neugierig sind. Eine von vielen Möglichkeiten.
PS: Was uns wirklich fehlt, ist Zeit, in der wir weder Geld verdienen noch ausgeben müssen.