Interview
Familienberater warnt vor steigender Armut

Der Bettlacher Jugend- und Familienberater Roland Vögeli spricht von alarmierenden Zuständen. Während der Druck auf die unteren Schichten zunimmt, explodieren die Kosten in der Sozialhilfe. Die Schwachen fallen immer mehr zwischen Stuhl und Bank.

Stefan Frech
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Roland Vögeli (42) kritisiert die vielen Schulreformen: «Die Kleinklassen aufzulösen, war der grösste Blödsinn.»

Roland Vögeli (42) kritisiert die vielen Schulreformen: «Die Kleinklassen aufzulösen, war der grösste Blödsinn.»

Oliver Menge

Roland Vögeli, die Solothurner Gemeinden klagen über massiv steigende Sozialkosten. Was ist los? Was erleben Sie als Familienbegleiter an der Front?

Roland Vögeli: Als Ersatz-Vertreter Bettlachs in den Sozialen Diensten Grenchen kann ich bestätigen: Die Kosten explodieren. Innert dreier Jahre haben sich unsere Ausgaben, vor allem für die Sozialhilfe, fast verdoppelt. Nächstes Jahr werden sich die Kosten nochmals um einen Drittel erhöhen. Als Jugend- und Familienbegleiter, der im Auftrag der Sozialen Dienste Fremdplatzierungen von Jugendlichen organisiert, bin ich natürlich selber auch Profiteur dieser Entwicklung. Aber ein Beispiel: Jugendheimplätze für straffällige Jugendliche werden immer teurer und kosten bereits rund 600 Franken pro Tag.

Zur Person

Roland Vögeli (42, Bettlach) ist Jugend- und Familienbegleiter. Er führt eine Firma mit zwei Angestellten, die Konflikte in Familien zu lösen versuchen. Sie stellen Erziehungspläne auf und holen schwierige Jugendliche aus Cliquen oder dem Drogenmilieu von der Strasse nach Hause oder in die eigene Wohngruppe. Vögeli arbeitet dabei mit den Sozialen Diensten, Schulen und Fachärzten zusammen. Der diplomierte Sozialpädagoge ist ausserdem Jugendarbeiter von Langendorf. Roland Vögeli war zweimal Schweizer Meister im Gewichtheben und 2009 SVP-Gemeinderatskandidat. (sff)

Die Kosten steigen doch auch, weil mehr Menschen Hilfe beanspruchen.

Ich bin immer wieder schockiert, wie viel Armut und Elend ich als Familienbegleiter in der Schweiz antreffe. Wie viele Eltern 100 Prozent arbeiten und es dennoch nicht für Ferien oder für die Finanzierung der Schullager ihrer Kinder reicht. Warum boomen Geschäfte wie Lidl und Aldi, weshalb nehmen die Secondhand-Läden wieder zu? Weil es uns gut geht?

Was sind typische Fälle, mit denen Sie sich beschäftigen?

Ein Jugendlicher ist in der Schule auffällig, er ist frech, stiehlt, raucht Cannabis. Die Schule macht eine Gefährdungsmeldung, die Sozialen Dienste geben mir den Auftrag, den Fall zu prüfen. Ich melde mich dann bei den Eltern des Jugendlichen für ein Gespräch an und besuche sie zu Hause. Sehr oft treffe ich dort Väter an, die den Job verloren haben und jetzt Sozialhilfe beziehen. In der Hälfte der Fälle handelt es sich um ausländische Familien. Vielfach ist Alkohol im Spiel, auch bei den Müttern, und ein hohes Aggressionspotenzial ist vorhanden – entstanden aus purer Hilflosigkeit. Die Eltern vermögen den Standard nicht mehr zu halten, sie schämen sich für ihre Armut und fühlen sich von der Gesellschaft ausgeschlossen. Die Kinder machen Druck, weil sie wie ihre Kollegen auch coole Kleider oder ein Handy möchten. Also verschulden sich viele und müssen Sozialgeld beantragen.

Der Konsumdruck in unserer Gesellschaft ist also ein Grund, weshalb viele Sozialhilfe benötigen?

Ja. Der Konsumdruck ist einer der Hauptgründe für die steigende Armut und somit der Sozialkosten. Ich kenne viele Familien, die sich wegen der Handyrechnungen der Kinder bei kuriosen Geldgebern verschulden. Und die Kinder beginnen zu stehlen, um mit dem Materialismus mithalten zu können. Ich stelle fest, dass immer mehr Kinder aus Unterschichtfamilien stehlen, von Kleidern über Nahrungsmittel bis zu Handys, weil sie eben keines haben.

Steigen die Sozialkosten nicht auch, weil sich viele eher trauen als früher, Hilfe zu beantragen? Andere haben sogar den Anspruch, dass der Staat ihnen helfen müsse.

Ja, es gibt beides. Die Schweizer zeigen nicht gern gegen aussen, dass sie nichts haben, und scheuen sich, Sozialhilfe zu beantragen. Ausländer und junge Schweizer gehen eher direkt und ohne Hemmungen zur Sozialbehörde.

Es gibt immer mehr junge Menschen, die von der Sozialhilfe leben.

Das ist keine gute Entwicklung. Ich kenne viele Jugendliche, die bereits in einer Sozialhilfefamilie aufgewachsen sind und dann leider Gottes sagen: Ich will gar nicht arbeiten, sondern hole mir gleich Sozialhilfe. Es gibt aber auch andere Jugendliche, die sagen, so will ich nicht mehr leben.

Wie viele junge Sozialhilfebezüger kennen Sie, die das Geld zu Unrecht beziehen?

Ich würde behaupten, dass jeder fünfte jugendliche Sozialhilfebezüger betrügerisch Geld bezieht. Die Sozialen Dienste sind aber derart mit Arbeit überlastet, dass sie keine Zeit haben, die Fälle genauer zu prüfen. Das wird eiskalt ausgenützt.

Was fordern Sie von den Politikern?

Sie sollen sich die Mühe machen und sich für die Arbeit der Sozialen Dienste interessieren. Die SVP schaut hier viel intensiver hin als etwa die SP. Ausserdem sollte endlich fertig sein mit diesen vielen Reformen im Schulbereich, die immer höhere Anforderungen an die Jugendlichen stellen. Sowohl die Lehrer als auch viele Schüler sind überfordert. Die Kleinklassen aufzulösen, war der grösste Blödsinn, den man machen konnte. Die schwachen Schüler aus den ehemaligen Kleinklassen – sie stammen oft aus den vorher beschriebenen Familiensituationen – fühlen sich in der Regelschule überfordert. Viele ziehen sich deshalb zurück oder werden aggressiv. Oft sind junge Ausländer betroffen, die mit der deutschen Sprache ohnehin schon genug Probleme haben. Und jetzt sollen sie noch Französisch und Englisch lernen? Die Schwachen fallen in unserer Gesellschaft immer mehr zwischen Stuhl und Bank.