Wirtschaftsaussichten
Fachhochschul-Professor: «Wäre nicht sinnvoll, dass Kanton eingreifen würde»

Dem Kanton Solothurn drohe keine Deindustrialisierung, sagt Mathias Binswanger, Wirtschaftsprofessor an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Aber die Industrie befindet sich im Strukturwandel, weg von der Masse hin zur Spezialität.

Franz Schaible
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Mathias Binswanger: «Arbeitslosigkeit ist die Hauptsorge.» Bruno Kissling

Mathias Binswanger: «Arbeitslosigkeit ist die Hauptsorge.» Bruno Kissling

Mehrere industrielle Grossbetriebe im Kanton Solothurn haben ihre Standorte geschlossen, und Scintilla in Zuchwil droht dasselbe Schicksal. Was läuft da schief?

Mathias Binswanger: Da läuft nicht spezifisch etwas falsch. Der Kanton Solothurn spürt den Strukturwandel einfach noch viel stärker als die übrige Schweiz. Der Anteil am Industriesektor ist hier grösser als anderswo. Die Produktion von «normalen» Gütern wird zunehmend wegverlagert – aus der Schweiz. Letztlich wird der Wandel dazu führen, dass in der Schweiz vor allem Hightech-Produkte oder Spezialitäten produziert werden. Für Güter wie Zellulose, Papier oder im jüngsten Fall Elektrowerkzeuge wird der Standort Schweiz zu teuer.

Zur Person

Der 51-jährige Mathias Binswanger ist seit 1998 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten. Zudem ist er Privatdozent an der Universität in St. Gallen. Er unterrichtet Makroökonomie und Finanzmarkttheorie. Als Autor hat Binswanger mehrere Bücher publiziert und erlangte den Status als «Glücksforscher». Die erfolgreichsten Bücher sind «Tretmühlen des Glücks» und «Sinnlose Wettbewerbe. Warum wir immer mehr Unsinn produzieren». (fs)

Ist die Verlagerung von Massenproduktionen also ein gesamtschweizerisches Problem?

Das ist so. Aber ob das generell überhaupt ein Problem ist, ist eine andere Frage. Der Strukturwandel trifft einzelne Regionen härter als andere und Beschäftigte ohne genügende Berufsausbildung leiden vermehrt darunter. Aber schweizweit und über alle Sektoren gesehen, verfügt die Schweiz über zu wenig Arbeitskräfte, was sich in der starken Zuwanderung von ausländischen Arbeitskräften deutlich zeigt.

Wie ist es erklärbar, dass einerseits ganze Fabriken geschlossen werden und gleichzeitig die offenen Stellen nur dank der Zuwanderung besetzt werden können?

Das hat damit zu tun, dass heute vielfach neue Arbeitsplätze in Bereichen ausserhalb des zweiten Sektors geschaffen werden. Ich denke an Dienstleistungen oder das Gesundheits- und Bildungswesen. Das führt dann dazu, dass Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt nicht übereinstimmen.

Wird die Industrie in der Schweiz also marginalisiert?

Nein, auf keinen Fall. Aber sie befindet sich wie erwähnt im Wandel. Weg von der Masse hin zur Spezialität.

Der Scintilla-Mutterkonzern Bosch argumentiert, dass die Produktion der Elektrowerkzeuge in Zuchwil im Vergleich zu den anderen Standorten in Osteuropa und Asien zu teuer ist. Ist das stichhaltig?

Das ist plausibel. Sobald die Arbeitskosten eine gewichtigere Rolle spielen, dann hat die Schweiz im Vergleich zum Ausland schlechte Karten. Das ist aber kein neues Phänomen. Als erster Industriezweig verlagerte die sehr arbeitsintensive Textilindustrie ihre Produktion ins Ausland. Nach und nach wurden andere Branchen erfasst. Hinzu kommt, dass immer mehr Güter, die vor 20 oder 30 Jahren noch unter dem Begriff Hightech liefen, heute zum gewöhnlichen Massengut mutiert sind, die überall hergestellt werden können. Genau ab diesem Zeitpunkt spielen die Arbeitskosten eine entscheidende Rolle.

Scintilla führt als Mitgrund für die geplante Auslagerung den starken Franken an. Ist das nachvollziehbar?

In diesem Fall ist die Währung kaum ein entscheidendes Argument. Der Wechselkurs dient wohl eher als willkommene, zusätzliche Begründung. Die Aussenhandelsstatistik der Schweiz zeigt ein anderes Bild, nämlich dass die Schweizer Wirtschaft – mit Ausnahme einzelner Branchen – nicht generell darunter gelitten hat. So haben die Exportwerte Rekordniveau erreicht.

Ist der Frankenkurs also kein Problem mehr?

Einzelne Branchen wie Lebensmittel oder der Tourismus leiden darunter. Und auch Bereiche, in denen leicht substituierbare Güter hergestellt werden. Dort spielt der Frankenkurs logischerweise eine weit wichtigere Rolle als bei Produkten, die in der verlangten Qualität und Ausführung nur in der Schweiz hergestellt werden können. Sobald die Güter im Ausland in gleicher Qualität, aber zu tieferen Kosten produziert werden können, beginnt die Verlagerung. Die Industrie, speziell im Osten, hat mächtig aufgeholt. Die dortigen Unternehmen sind vermehrt in der Lage, in ebenbürtiger Qualität zu produzieren.

Trifft das auf alle Branchen zu?

Nein. So verfügt die im Solothurnischen stark vertretene Präzisions-, Mess- und Uhrenindustrie sowie die Medizinaltechnologie über ein Entwicklungs- und Fertigungs-Know-how, welches im Ausland (noch) nicht vorhanden ist.

Wie können sich die Unternehmen auf die Phase zunehmender Auslagerungen vorbereiten?

Der Strukturwandel ist bereits in vollem Gang und die Unternehmen passen sich grossmehrheitlich erfolgreich an. Gerade die kleineren Betriebe sind oft hoch spezialisiert und sie nehmen in
Nischenmärkten global führende Stellungen ein.

Wo steht da der Kanton Solothurn?

Der Kanton Solothurn ist sehr heterogen, und eine Gesamtaussage ist unmöglich. Auffallend aber ist die Uhrenindustrie, die es geschafft hat, die weltweite Krise in der Branche dank Neuentwicklungen im Fertigungs- und Produktbereich erfolgreich zu meistern. Dort und bei den zahlreichen meist inhabergeführten Unternehmen trägt zum Erfolg mit bei, dass es sich um in der Schweiz ansässige Firmen handelt und nicht um eine «Filiale» eines ausländischen Riesen. In letzteren Fällen gibt es bei Kostendiskussionen wenig Grund, die Produktion unter allen Umständen in der Schweiz aufrechtzuerhalten.

Spielt es eine Rolle, wo die Entscheidungsträger angesiedelt sind?

Das beeinflusst die Entscheide sicherlich. Ein Unternehmer wie beispielsweise Nick Hayek würde sicher nicht leichtfertig die ganze Produktion in der Schweiz aufgeben. Das hängt aber auch mit dem Produkt zusammen, welches stark mit der Schweiz identifiziert wird. Das Label «Swiss Made» nimmt bei vielen Produkten eine entscheidende Rolle als Verkaufsargument ein. Bei anderen Gütern spielt der Zusammenhang zur Schweiz eine untergeordnete Rolle. Das kann logischerweise Verlagerungen provozieren.

Solothurn gilt als Steuerhölle.

Im interkantonalen Vergleich steht Solothurn bei den Einkommenssteuern in der Tat relativ schlecht da. Das darf aber nicht überbewertet werden. Realistisch betrachtet, spielt die Steuerbelastung für industrielle Betriebe keine so entscheidende Rolle. Denn im Vergleich zu vielen Ländern sind die Steuern auch im Kanton Solothurn tief. Und bei anstehenden Auslagerungsentscheiden wie jüngst im Fall Scintilla spielen Steuern gar keine Rolle. Da hätte der Kanton auch mit Steuererleichterungen nichts erreichen können.

Bei Massenentlassungen wird regelmässig die Kantonsregierung kritisiert, sie tue zu wenig für den Erhalt der Arbeitsplätze. Wie beurteilen Sie die Rolle der öffentlichen Hand?

Wenn der Kanton aktiv eingreifen würde, wäre das mit Strukturerhaltung gleichzusetzen. Und ich zweifle, ob das sinnvoll wäre. Der Staat kann den Firmen nicht vorschreiben, wie sie sich ausrichten sollen. Sinnvoll ist es, wenn der Kanton Bedingungen schafft, damit der in der Regel unausweichliche Übergang gut verläuft. Dafür braucht es aber eine engere und bessere und vor allem frühzeitige Zusammenarbeit zwischen Regierung und Unternehmen. Gefordert sind hier beide Akteure. Der Kanton muss sich aktiv einschalten, um die negativen Folgen des Strukturwandels möglichst tief zu halten. Die Unternehmen müssen frühzeitig und verlässlich informieren. Das ist leider nicht immer der Fall.

Wie beurteilen Sie den Zustand der Solothurner Wirtschaft allgemein?

Der Zustand ist gut. Ein gutes Indiz dafür ist der Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenquote liegt mit 2,6 Prozent deutlich unter dem schweizerischen Durchschnitt und . . .

. . . das nützt den Betroffenen wenig.

Das ist richtig. Es handelt sich immer um Durchschnittswerte, welche die Situation des Einzelnen nicht widerspiegeln. Trotzdem. Der Strukturwandel trifft den Industriekanton zwar mit geballter Ladung. Aber wie die Zahlen vom Arbeitsmarkt zeigen, gelingt es der innovativen Wirtschaft, selbst Massenentlassungen mehr oder weniger auffangen zu können. Die Arbeitslosigkeit ist jeweils nicht signifikant angestiegen.

Wie beurteilen Sie die Aussichten für 2014?

Ich bin zuversichtlich für die ganze Schweiz. Die mehrheitlich positiven Prognosen sollten auch für den Kanton Solothurn gelten. In den für die Schweiz wichtigen Auslandmärkten geht es sichtlich wieder aufwärts. Das wird dazu führen, dass in der Schweiz vermehrt investiert wird.

Wird die Arbeitslosigkeit sinken?

Sie wird sicher nicht markant steigen, aber auch nicht auf unter 2 Prozent sinken. Aber im Vergleich mit dem Ausland ist unser Arbeitsmarkt hervorragend aufgestellt.

Trotzdem rangiert die Arbeitslosigkeit im Sorgenbarometer der Bevölkerung an oberster Stelle. Warum?

Obwohl die Gefahr – in der Schweiz die Arbeitsstelle zu verlieren – vergleichsweise gering ist, ist und bleibt es die Hauptsorge des Menschen. Die Arbeit ist ein wichtiger Faktor für die Lebenszufriedenheit.

Warum?

Einerseits identifizieren wir uns sehr stark mit der Arbeit. Unser Selbstwertgefühl ist eng an die Arbeit gebunden und das gesellschaftliche Ansehen ist davon abhängig. Wenn die Arbeit weg ist, ist auch das Ansehen weg. Der Einzelne fühlt sich nicht mehr als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft.