Kinder- und Jugendpsychiatrie
Fachärztemangel und komplexe Krankheitsbilder: Noch keine Lösungen für die Probleme der Kinderpsychiatrie

Die Herausforderungen in der Kinderpsychiatrie sind gross, für viele der Probleme gibt es noch keine Lösungen.

Rebekka Balzarini
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Kinder brauchen bei der Betreuung mehr Aufmerksamkeit als Erwachsene Patienten. Gerade im Bereich der Kinderpsychiatrie fehlen aber Fachkräfte. (Symbolbild)

Kinder brauchen bei der Betreuung mehr Aufmerksamkeit als Erwachsene Patienten. Gerade im Bereich der Kinderpsychiatrie fehlen aber Fachkräfte. (Symbolbild)

Andrea Stalder

Ob magersüchtige Teenager oder Primarschüler, die sich auf dem Schulhausplatz extrem aggressiv verhalten: Kinder und Jugendliche brauchen Unterstützung, wenn sie mit psychischen Problemen kämpfen. Die Kantone haben den Auftrag, die Versorgung dieser Kinder zu garantieren. Dies im Rahmen der Gesundheitsversorgung, für die jeder Kanton selbst die Verantwortung trägt. Die Kantone können die Gesundheitsversorgung planen und steuern, indem sie Institutionen finanzieren und Leistungsverträge abschliessen.

Der Kanton Solothurn hat mit der Solothurner Spitäler AG (soH) eine solche Leistungsvereinbarung abgeschlossen. In dieser Vereinbarung ist auch die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Problemen geregelt. Und in dieser Versorgung soll es im nächsten Jahr eine grosse Veränderung geben. Die soH kündigte im Januar an, dass die stationären Plätze der Kinder- und Jugendpsychiatrie in die Universitätsspitäler in Bern, Basel und Liestal verlegt werden. Davon betroffen sind 33 Mitarbeiter, die 23.5 Vollzeitstellen abdecken. Dafür wird das ambulante Angebot ausgebaut, insbesondere aufsuchende Behandlungen sollen ab nächstem Jahr häufiger durchgeführt werden. Konkrete Pläne dafür will die soH im Frühling vorstellen.

Mit der Auslagerung der stationären Plätze will die soH auf die Probleme reagieren, die sich im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kanton Solothurn, aber auch in der ganzen Schweiz stellen. Es gibt drei Herausforderungen, auf welche die Spitäler, die Kantone und der Bund in den nächsten Jahren Antworten finden müssen: der Mangel an Fachkräften, komplexere Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen, die eine zunehmende Spezialisierung der Kliniken, der Ärzte und des Pflegepersonals erfordern, und die Unterfinanzierung der ambulanten Vorsorge im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Einige dieser Probleme können die Solothurner Spitäler selber lösen, für andere braucht es Ideen auf der nationalen Ebene.

Der Mangel an Fachärzten und Pflegepersonal

In der ganzen Schweiz fehlen laut der Schweizerischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (SKGJPP) Fachkräfte, und dieser Mangel wird sich laut der Gesellschaft in den nächsten Jahren noch verschärfen. Viele Ärzte stehen vor der Pensionierung, und es fehlt der Nachwuchs. Der Fachkräftemangel hat die soH im Jahr 2015 eingeholt, so das Spital auf Anfrage. «In den letzten fünf Jahren gab es Schwankungen der Fluktuation. Mal waren wir unter, mal über dem Benchmark in der Psychiatrie», schreibt die soH auf Anfrage.

Diesem Fachkräftemangel könnte die soH aber zumindest teilweise selber entgegenwirken; dieser Ansicht ist unter anderem Kinder- und Jugendpsychiater Daniel Barth, der eine eigene Praxis in Solothurn betreibt. Mehrmals prangerte er gegenüber dieser Zeitung die Arbeitsbedingungen in der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Abteilung der soH an. Er spricht von einer hohen Arbeitsbelastung, viel Stress und fehlender Wertschätzung gegenüber den Angestellten. Ein ehemaliger Angestellter der soH meldete sich bei dieser Zeitung und bestätigte diese Aussagen. Mit besseren Arbeitsbedingungen wäre es für die soH einfacher, Fachkräfte zu rekrutieren und vor allem im Kanton zu halten, so der Tenor. Gegen diese Vorwürfe wehrt sich die soH. «Zu sagen, alle Mitarbeitenden seien gestresst oder unter Druck, ist falsch», schreibt die soH auf Anfrage. Sie bestätigt aber: «In Einzelfällen oder in Teams im stationären Bereich gab es Unzufriedenheiten.»

Der Stolperstein für Tageskliniken

Möglichst eng betreut und trotzdem noch Teil des eigenen Alltags: Diesen Spagat versuchen psychiatrische Kliniken seit mehreren Jahren mit dem Angebot der Tageskliniken zu schaffen. In Tageskliniken werden die Patienten tagsüber begleitet, am Abend kehren sie jeweils wieder in nach hause zurück. Für Kinder ist das besonders wertvoll, weil sie während einer Behandlung trotzdem noch in ihrem gewohnten Umfeld bleiben können. Im Kanton Solothurn gibt es bis jetzt keine Tageskliniken für Kinder und Jugendliche. Politiker und Ärzte fordern deshalb, dass nach der Schliessung der stationären Abteilung der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kanton Solothurn ein entsprechendes Angebot geschaffen wird. Für die Tageskliniken ist das Finanzierungsmodell, das zwischen ambulanten und stationären Tarifen unterscheidet, aber ungeeignet. Der Aufenthalt in einer Tagesklinik wird als ambulante Behandlung abgerechnet, was bedeutet, dass ein Kanton sich nicht an den Kosten für eine Behandlung beteiligen muss. Die Kosten für einen Aufenthalt in einer Tagesklinik teilen sich die Krankenversicherer und die Patienten. Das führt dazu, dass Tageskliniken oftmals nicht kostendeckend betrieben werden können. (rba)

Laut der Schweizerischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (SKGJPP) lohnt es sich für die Spitäler, neben guten Arbeitsbedingungen auch in gute Strukturen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu investieren. Im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeiten überdurchschnittlich viele Frauen, schreibt die SKGJPP, und «Mütter arbeiten im Durchschnitt etwas weniger.» Auf nationaler Ebene setzt sich seit 2018 die parlamentarische Gruppe Kinder- und Jugendmedizin für politische Lösungen der Probleme in der Kindermedizin ein, unter anderem auch im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Um den Fachkräftemangel zu beheben, fordert die Gruppe unter anderem, dass der Kinderpsychiatrie im Studium mehr Platz eingeräumt wird und Fähigkeiten, die für die Arbeit mit Kindern wichtig sind, stärker berücksichtigt werden. Zusätzlich sollen sich Pflegefachpersonen früh auf die Arbeit mit Kindern spezialisieren können. Ausgebildete Fachpersonen sind in dem Bereich besonders wichtig, weil die Krankheitsbilder von Kindern und Jugendlichen komplexer werden.

Gleichzeitig zeichnet sich bei Kliniken und Ärzten eine zunehmende Spezialisierung ab. Dieses Problem könnten die Kantone laut der SKGJPP gemeinsam lösen.

Komplexe Krankheitsbilder und mehr Spezialisten

«Verschiedene Formen der Zusammenarbeit begrüssen wir grundsätzlich sehr, weil sie die Versorgung für Kinder und Jugendliche mit psychischen Störungen sichern», schreibt die Gesellschaft. In der Schweiz gibt es vielerorts Kooperationen zwischen den Kantonen. Nicht nur bei der Versorgung der jungen Patienten, sondern auch bei Weiterbildungen von Ärztinnen und Ärzten.

Bisher arbeitet der Kanton Solothurn bei der Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit der Psychiatrie Baselland zusammen, ab nächstem Jahr ergänzen die Universitätskliniken in Basel und Bern im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie die Spitalliste. So möchte die soH etwa garantieren, dass suizidgefährdete Jugendliche bei einer Notfallintervention sofort einen Platz in einer stationären Kinder- und Jugendpsychiatrie finden können. Momentan ist das in der stationären Abteilung der soH laut zuweisenden Kinder- und Jugendpsychiatern nicht immer möglich. Während die Zusammenarbeit im medizinischen Bereich laut der SKGJPP gut funktioniert, ist die Kostenfrage nicht immer geklärt. Einige Kantone lehnen es ab, ausserkantonale Kosten zu übernehmen. Die parlamentarische Gruppe für Kinder- und Jugendmedizin fordert deshalb eine Koordinationskommission, welche die Zuständigkeiten klärt und zwischen den Spitälern und den Kantonen vermittelt. Neben einer Zusammenarbeit zwischen den Kantonen fehlen in der ganzen Schweiz ambulante Behandlungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Bundes aus dem Jahr 2019. Gerade für Kinder machen ambulante Behandlungen aber laut der SKGJPP Sinn. Denn sie leiden besonders, wenn sie aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen werden.

«Den Kindern fehlt eine Lobby»

Die Solothurner Nationalrätin Franziska Roth von der SP setzt sich im Parlament für eine bessere Kindermedizin ein. Sie hat unter anderem einen Vorstoss eingereicht, in welchem sie bessere Finanzierungsmodelle in der Kinder- und Jugendpsychiatrie fordert.

Die stationäre Abteilung der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Solothurner Spitäler AG soH wird per Ende Jahr geschlossen. Fehlt den Kindern eine Lobby?
Franziska Roth: Ja, darüber gibt es wenig Zweifel. Stelle Sie sich vor, die stationäre Erwachsenenpsychiatrie würde geschlossen und dafür in einem anderen Kanton angeboten. Der Aufschrei wäre riesig. Wenn dasselbe die Kinder und Jugendlichen trifft folgen ein paar Artikel, eine Interpellation im Kantonsrat und ein Schulterzucken der Verantwortlichen. Leider kommen zuerst die Erwachsenen, dann die Kinder.

Was erwarten sie vom Kanton, der mit der soH eine Leistungsvereinbarung unterzeichnet hat?
Der Kanton muss die soH bewegen, auf ihren Entscheid zur Auslagerung der Versorgung in andere Kantone zurückzukommen. Für Krisenplätze in akuten Notsituationen mag die Zusammenarbeit mit andern Kantonen eine gute Lösung sein. Für stationäre Aufenthalte, welche länger dauern, braucht es ganz klar ein Angebot in der Region.

Auch in anderen Kantonen müssen die Spitäler Kooperationen eingehen. Welche Lösungen sehen Sie auf der nationalen Ebene?
Am vordringlichsten ist, dass die teilstationären Angebote nach dem gleichen Modus finanziert werden wie die stationären. Das heisst, dass sich die Kantone bei Tageskliniken mindestens hälftig beteiligen müssen. Ergänzend braucht es die Anerkennung für den gesamten Fachbereich, dass systemisch orientiertes, vernetztes Arbeiten zeitintensiv ist und viele Leistungen beinhaltet, die nicht den Krankenkassen überbunden werden können.

Wie wichtig ist das Thema im nationalen Parlament?
Ich habe den Eindruck, dass es an Wichtigkeit gewinnt. Es gibt in allen Parteien Personen, die sich für die gesamte Kinder- und Jugendmedizin einsetzen möchten. Das ist für die Kinder- und Jugendpsychiatrie an sich gut und erfreulich.

Interview: Rebekka Balzarini

Für Kinder ungeeignete Finanzierungsmodelle

Sollen die ambulanten Angebote in den Kantonen aber ausgebaut werden, dann muss sich langfristig das Finanzierungsmodell in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ändern. Das ist die dritte grosse Herausforderung in dem Bereich, den die Kantone aber nicht im Alleingang lösen können. «Damit ein Ausbau bei dem Nachwuchsmangel und der aktuellen Finanzierung gelingt, müssen neue Wege beschritten werden», so die SKGJPP. Auch die parlamentarische Gruppe für Kinder- und Jugendmedizin fordert ein Tarifsystem, das die Besonderheiten bei der Behandlung von Kindern berücksichtigt.
Das Problem bei der Finanzierung im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist, dass die aktuellen Tarife dem Alltag in den Ambulatorien und Kliniken nicht gerecht werden. Kinder brauchen mehr Zeit, um sich auf eine Behandlung einzulassen als Erwachsene. Zu diesem Schluss kommt ein Positionspapier, das Ärzten und Fachleuten im Auftrag der parlamentarischen Gruppe für Kinder- und Jugendmedizin erarbeitet haben. Für die Behandlung von Kindern müssen neben medizinischen Fachkräften zusätzlich auch Lehrer oder Schulsozialarbeiter eingebunden werden. Diese Gespräche kosten Zeit, die derzeit nicht vollständig vergütet werden kann.

Im Kanton Solothurn ist das vor allem für die selbstständigen Psychiater und Psychiaterinnen ein Problem, die im Vergleich mit anderen Ärzten mit ähnlicher langjähriger Ausbildung ohnehin wenig verdienen. Das zeigt eine Studie, die im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit Ärztelöhne in den Jahren 2009 bis 2014 untersucht hat. Die soH kämpft trotz der laut der SKGJPP unpassenden Finanzierung mit keinen wirtschaftlichen Problemen im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Wie die soH gegenüber dieser Zeitung bekannt gab, spielten finanzielle Überlegungen keine Rolle bei dem Entscheid, die stationäre Kinder- und Jugendpsychiatrie in die Nachbarkantone zu verlegen.