Jean-Pierre Barras
Ex-Chefarzt über Fehler im System: «Je mehr Sie operieren, desto mehr verdienen Sie»

Jean-Pierre Barras, lange Jahre Chefarzt am Bürgerspital Solothurn, kritisiert unnötige Eingriffe und ein Gesundheitssystem, das «eine wachsende Anzahl an Parasiten» nährt.

Lucien Fluri
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Jean-Pierre Barras (64) an einem seiner letzten Arbeitstage im Bürgerspital. Der gebürtige Westschweizer lebt in Solothurn. Als Parteiloser wurde er im Mai auf der CVP-Liste in den Solothurner Gemeinderat gewählt.

Jean-Pierre Barras (64) an einem seiner letzten Arbeitstage im Bürgerspital. Der gebürtige Westschweizer lebt in Solothurn. Als Parteiloser wurde er im Mai auf der CVP-Liste in den Solothurner Gemeinderat gewählt.

Hanspeter Bärtschi

Wenn er Kritik übt, dann hat das Gewicht: Jean-Pierre Barras ist ein profunder Kenner des Spitalwesens. 20 Jahre lang, bis Ende Februar 2016, war Jean-Pierre Barras Chefarzt Chirurgie am Bürgerspital Solothurn. Als diese Zeitung kürzlich titelte: «Lohnsystem für Spitalärzte ist korrupt. Unnötige Operationen durchzuführen soll sich nicht mehr lohnen», da meldete sich Barras mit einem poinitierten Leserbrief. Wir haben nachgefragt.

Sie haben das Spitalwesen in einem Leserbrief als korrupt bezeichnet. Das erstaunt für einen ehemaligen Spital-Chefarzt.

Jean-Pierre Barras: Das Wort, das ich vom Zeitungsartikel übernommen hatte, ist zu hart. Aber es stimmt bis zu einem gewissen Punkt. Man hat in den Spitälern eine ganze Reihe von Anreizen, dass Ärzte mehr machen als nötig. Ein Anreiz ist das Geld. Je mehr Sie produzieren, desto mehr verdienen Sie. Im Kanton Solothurn allerdings nicht uneingeschränkt. Die Löhne sind seit bald zwei Dekaden plafoniert.

Haben Sie selbst erlebt, dass es Anreize gibt, mehr zu operieren als nötig?

«Es ist offensichtlich, dass diejenigen Chefärzte geschätzt werden, die wachsende Zahlen ausweisen.» Jean-Pierre Barras, ehemaliger Chirurg am Bürgerspital Solothurn

«Es ist offensichtlich, dass diejenigen Chefärzte geschätzt werden, die wachsende Zahlen ausweisen.» Jean-Pierre Barras, ehemaliger Chirurg am Bürgerspital Solothurn

hanspeter baertschi

Ich habe mit diesem System gelebt. Wenn sie im Spital Sitzungen zu den Finanzen oder zur Zukunft des Spitals haben, dann ist es offensichtlich, dass diejenigen Chefärzte am Tisch geschätzt werden, die wachsende Patienten- und Handlungszahlen ausweisen.

Es gibt einen Druck?

Man hat in der Schweiz ein System bewusst eingeführt, in dem man die Spitäler gegeneinander konkurrenzieren lässt. Um in diesem Wettbewerb zu überleben, muss ein Spital wachsen. Die Menge wird immer wichtiger. Ich sage nicht, dass der Druck unerträglich hoch ist. Die CEOs sind immer sehr anständig. Sie sagen: Machen Sie, was Sie mit Ihrem Gewissen vereinbaren können, nicht mehr.

Was passiert, wenn Sie als Chefarzt nicht mitmachen?

Wenn sie diejenige Klinik sind, die kein Wachstum aufweist, dann wird bei Ihnen auch nicht investiert. Investiert wird es verständlicherweise zuerst, wo es rentiert. Somit ergibt sich auch ein interner Wettbewerb. Schauen Sie hier am Bürgerspital: Da ist massiv in die invasive Kardiologie investiert worden, auch weil in diesem Bereich gegenwärtig viel Geld zu gewinnen ist. Und das ist für alle Kader, nicht nur die Ärzte, wichtig: Wenn ein CEO beurteilt wird, wird er fast nur sehr kurzfristig auf Finanzresultate hin beurteilt. Wenn die Finanzen stimmen, bleibt er. Stimmen sie nicht, wechselt er, nicht selten zu den Krankenkassen.

Nicht nur die Ärzte profitieren vom System, auch die Spitalleitung?

Und damit ist das System noch nicht zu Ende. Ich sage höchst provokativ: Das System ernährt eine wachsende Anzahl von Parasiten, die primär für sich selbst produzieren. Ein Beispiel: Mit dem jetzigen System der Konkurrenz muss man immer mehr dokumentieren. Man muss EDV-Systeme kaufen, die Kodierung optimieren, Berater aller Art und Qualitätssicherer hinzuziehen. Diese kommen, überprüfen etwas mit der Hilfe einer elektronischen Maske, und geben einen Bericht ab. Das immer kommende Resultat lautet: Wir empfehlen Ihnen dringend, dies im kommenden Jahr zu wiederholen.

Der Patient geht immer davon aus, dass der Arzt nur das Beste für den Kranken tut.

Es gibt viele Situationen in der Medizin, wo man früher oder später, wo man mehr oder weniger machen kann. Mit dem jetzigen System ist es schwerer, Nein zu sagen. Nehmen Sie das Beispiel eines schmerzhaften Knies. Wenn Sie zum Orthopäden gehen und sagen, es tut weh, entscheidet der Arzt, ob er jetzt operiert oder vielleicht später. Wo ist die Grenze? Hinzu kommt, dass in der hochspezialisierten Medizin minimale Fallzahlen definiert worden sind. Wenn eine Klinik in diesem Bereich eine provisorische Bewilligung erhalten hat, muss sie dafür sorgen, dass sie in einem Jahr die Mindestzahl erreicht.

Das führt dann zu zusätzlichen Operationen?

Man ist in Versuchung, die operative Behandlung zu bevorzugen, auch wenn dies nicht immer ideal ist. Das kann für die Patienten hochgefährlich werden, umso mehr wenn es sich um Tumorpatienten mit einer psychologischen Notsituation handelt. In der Bevölkerung herrscht sowieso die Meinung vor, dass es immer besser ist, wenn der Tumor irgendwie weg ist. Operiert man nicht oder nicht sofort geht der Patient zu einem Kollegen, zum Beispiel ins Privatspital. Und zwei Tage später ist er auf dem Operationstisch. Dabei gibt es bei Tumoren ganz klare Situationen, wo es besser ist, nicht mit der Operation zu beginnen. Gerade bei der Tumorbehandlung ist es deshalb extrem wichtig, dass in der Gruppe entschieden wird, ob die Operation Sinn macht. Bestimmt hier nur ein Alphatier, wird vielleicht zu schnell operiert. Hinzu kommt: Bei den Chirurgen herrscht immer noch eine Kultur des Übermenschen, die motiviert, derjenige zu sein, er am meisten macht. Man ist nie müde, man ist der beste, hat ein grosses Auto und geht in die besten Hotels.

Es kann so also schnell zu Überbehandlungen kommen?

Ich habe dies selbst erlebt: Die Mutter einer Bekannten starb an einem Eierstockkrebs, ohne dass diese Diagnose zuvor in der Familie auftrat. Nun hatte die Bekannte ein anderes gynäkologisches Problem. Der Gynäkologe schlug vor, die Eierstöcke präventiv zu entfernen. Aber meine Bekannte raucht seit Jahrzehnten massiv. Wenn er nicht Spezialist gewesen wäre, sondern Allgemeinarzt, hätte er realisiert, dass sie ein viel höheres Risiko hat, an Lungenkrebs oder einem Herzinfarkt zu sterben als an Eierstockkrebs. Es wäre ihm völlig klar, dass es sinnlos ist, die Eierstöcke wegzunehmen. Das ist das Problem des Spezialisten. Jeder Spezialist sieht das eigene Gebiet und neigt dazu, alles andere nicht zu sehen.

Man hat einen Spezialisten und dann braucht es auch Fälle?

Wenn man gesamthaft weniger, dafür aber gut ausgelastete Spezialisten hätte, wäre die Versuchung zu fragwürdigen Handlungen entsprechend kleiner und deren Zahl würde reduziert. Deshalb ist es nicht ganz gleichgültig, ob wir Spezialisten oder Generalisten ausbilden.

Gibt es keine Kontrollen?

Es wird mir immer gesagt: Alles kein Problem, es wird qualitativ kontrolliert. Aber das ist nicht ganz wahr. Die Kontrolle findet nach der erfolgten Handlung statt. Man kontrolliert auch nur diejenigen Fälle, die eine Klinik auch als Fälle liefert. Aber wenn sie korrekt kontrollieren wollen, wie gut ein Tumorpatient behandelt wird, müssten sie nicht nur die Operation beurteilen, sondern mit der Qualitätskontrolle anfangen sobald die klare Diagnose gestellt ist und bevor der Behandlungsplan aufgestellt ist.

Es ist der Bevölkerung wohl schwierig vermittelbar, dass sie nicht immer die beste Leistung erhält. Sie haben das Herzkatheterlabor erwähnt. Das mag teuer sein, aber...

Klar, es ist sicher im Interesse des Solothurners, der einen Herzinfarkt hat. Er hat im Einzelfall bessere Überlebenschancen. Aber es ist ganz offensichtlich: Wenn man in einen Bereich einsteigt, wird er auch gepusht. Ob man in Solothurn oberhalb der Bedarfsgrenze ist, kann ich als Chirurg nicht beurteilen. Es ist ein offenes Geheimnis , dass manche Ärzte das Gefühl haben, dass zu viel gemacht wird.

Aber zu kürzen, würde bedeuten, Leistungen zurückzufahren und einige Leute schlechter zu behandeln.

Diese Frage grenzt an ethische Fragen: Wie wertvoll ist das Leben oder das Überleben des Einzelnen? Wie hoch sollen die theoretischen Chancen sein, dass man alles probiert, was überhaupt möglich ist? Es gibt bestimmt ein Potential für Regulationsmassnahmen zuerst in den Bereichen der nicht-vitalen Behandlungen. Trotzdem sind aber politische oder Gesellschaftsentscheide unvermeidlich, um das Kostenwachstum im Gesundheitswesen einzuschränken.

Die Politik muss also den Kostendruck gegen zusätzliche oder lebensverlängernde Behandlungen abwägen?

Unser Gesundheitswesen ist ein Solidaritätssystem, wo der Staat und die Einwohner, einerseits als Individuen, die Krankenkassenprämien zahlen und andererseits, als Steuerzahler, die Finanzierung sicherstellen. Es ist ethisch vertretbar und statthaft, dass der Staat als Machthaber in einer Demokratie allgemein gültige Grenzen in der Finanzierung von Leistungen stellt, die in Einzelfällen sogar einen potentiell negativen Einfluss auf das Individuum haben könnten. Dem Einzelnen bleibt immer noch die Möglichkeit, aus den eigenen Mitteln Sonderwünsche zu finanzieren. Es ist dringend, die Debatte in dieser Hinsicht zu öffnen, und dabei zu definieren, was unerlässlich und was nur wünschenswert ist, wie es auch durchaus vertretbar wäre, dass der Staat in gewissen Aspekten der Preispolitik aktiver wird. Warum kostet das Gleiche in der Schweiz konzipierte Hörgerät 6000 Franken in unserem Land und nur 2000 Franken in Norwegen?

Wo muss Ihrer Meinung nach das System geändert werden?

Ich persönlich bin zum Schluss gekommen, dass es mehr Regulation braucht. Man soll die Konkurrenz nicht auf null reduzieren. Ein gewisser Wettbewerb ist gesund. Aber mit der gegenwärtigen Konkurrenz sind wir mittelfristig nicht in der Lage, die Kosten im Griff zu haben. Sie ist kontraproduktiv. Denn sie hat dazu geführt, dass alle Akteure massiv investieren und diese Investition wieder amortisieren müssen. Wir sind noch immer in einer Phase der Steigerung. Wenn man dies bremsen will, muss man regulieren. Und man muss wahrscheinlich auf Bundesebene regulieren. Denn Kantonspolitiker haben aus lokal-wirtschaftlichen Gründen Interesse, dass lokale Betriebe ausbauen können.

«Man braucht nicht 600 000 Franken im Jahr, um gut zu leben. Es braucht genügend Erholung.» Jean-Pierre Barras, ehemaliger Chirurg am Bürgerspital Solothurn

«Man braucht nicht 600 000 Franken im Jahr, um gut zu leben. Es braucht genügend Erholung.» Jean-Pierre Barras, ehemaliger Chirurg am Bürgerspital Solothurn

hanspeter baertschi

Mehr Regulierung heisst mehr politischer Einfluss. Der Trend geht aber in die andere Richtung. Die Politik zieht sich zurück.

Die Politik gibt gerade viel Kontrolle ab. Ich bin nicht überzeugt, dass dies richtig ist. Man hat jetzt eine AG und einen Verwaltungsrat; eine bunte Mischung an überwiegend Nicht-Solothurnern. Aber das sind Pseudo-AGs. Der einzige Aktionär ist der Kanton. Die AGs sind zwar offiziell selbstständig, aber mit dem jetzigen System ist keine der Gesellschaften in der Lage gewesen, Renovationen zu finanzieren. Das hat sich am Zürcher Triemli-Spital eindrücklich gezeigt: sobald das Spital verselbständigt wurde, wurde die bereits geplante Renovierung vom Altbau eingestellt. Und wenn die Solothurner Spitäler AG das Gebäude des neuen Spitals hätten finanzieren müssen, hätte man die Baustelle sofort stilllegen können. In diesem neuen System der Spitalfinanzierung ist es zwar vorgesehen, dass die Spitäler ihre Immobilien selbst finanzieren. Kein Kanton hält sich aber an diesen Regeln.

Macht es überhaupt noch Sinn, dass Kantone die Spitäler planen?

Es ist nicht mehr aktuell, kantonal zu planen. Und das macht auch den Betrieb von Spitälern wie dem, das jetzt in Solothurn entsteht, schwierig. Man hat Pläne, die vor sieben Jahren entworfen wurden. 2020/21 wird es in Betrieb genommen. Aber der Leistungsauftrag ändert sich viel schneller. Privatkliniken können viel schneller bauen. Sie können nicht nur die Patienten nach Kaufkraft selektionieren und gewisse Krankheiten den öffentlichen Spitälern überlassen. Die Privatklinikbetreiber können auch Schulden aufnehmen, um zu investieren. Die öffentlichen Spitäler sind auf trägere Kantonsbudgets angewiesen.

Müsste man nicht die Grundlöhne der Ärzte erhöhen, damit sie weniger Anreize haben, Geld über Operationen zu verdienen?

Dass dies nicht geschieht liegt zum Teil auch an den Ärzten. Sie haben sich massiv dagegen gewehrt, andere Lohnsysteme zu haben. De facto verdient ein Chefarzt hier in Solothurn 150 000 Franken mehr als ein Regierungsrat. Aber er verdient immer noch 200 000 Franken weniger als Kollegen in mehreren umliegenden Kantonen. Bern hat Chefärzte, die eigentlich schon gute Löhne haben. Aber Einzelne dürfen neben ihrer Arbeit am Universitätsspital noch in Privatkliniken tätig sein. Wie weit soll sich die Betriebsgesellschaft eines öffentlichen Spitals treiben lassen, so etwas zu bewilligen? Das zeigt: Es funktioniert mit der Konkurrenz unter den Institutionen nicht.

Wären Sie denn mit weniger Lohn zufrieden gewesen?

Ich persönlich bin der Meinung, dass man die Löhne etwas senken kann, wenn die Klinikleiter eine bessere menschliche Infrastruktur haben nämlich einzelne Mitarbeiter mehr haben, die wirklich Leistungsträger sind. Damit man als Chefarzt abwesend sein kann, ohne Angst zu haben, dass etwas schief geht. Ich persönlich habe teils auf Lohnanteile verzichtet zugunsten einer besseren personellen Ausstattung. Man braucht nicht 600 000 Franken im Jahr, um gut zu leben. Es braucht eine innere Ruhe, auch genügend wahre Erholung und Freizeit.