Uhrenkrise
Ex-Bankier liefert mit 75 seine Dissertation ab – und gerät zwischen die Fronten der Uhrenindustrie

Der Oekinger Bruno Bohlhalter machte Karriere als Bankier, studierte nach der Pensionierung noch Philosophie und lieferte mit 74 Jahren seine Dissertation ab. Darin will er mit Mythen über die Uhrenkrise aufräumen.

Alois Winiger
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Bruno Bohlhalter erhielt mit 74 Jahren in Freiburg die Doktorwürde. Er dissertierte zu einem brisanten Thema. wak

Bruno Bohlhalter erhielt mit 74 Jahren in Freiburg die Doktorwürde. Er dissertierte zu einem brisanten Thema. wak

Alois Winiger

Bruno Bohlhalter, Ihre Dissertation haben Sie mit 74 Jahren abgeliefert. Was hat Sie eigentlich dazu getrieben, sich dermassen stark in ein Thema zu vertiefen?

Bruno Bohlhalter: Die Neugier. Die hat mich schon als Bub angetrieben. Eigentlich war naheliegend, in die Uhrmacherei zu gehen, ich habe sie in den Ateliers meines Grossvaters und meiner Mutter von Grund auf kennen gelernt und fand sie interessant. Aber das Intellektuelle, Fragen danach, woher der Mensch kommt, was er ist, Gott und die Welt darum herum, zogen mich mehr an.

Warum wählten Sie dann einen Beruf im Bankwesen und nicht das Philosophiestudium?

In der Bank sah ich die Möglichkeit, eine sichere Existenz aufzubauen. Aber die Philosophie liess mich nie los. Als ich 1991 an der Harvard Business School in Boston das International Senior Management Program absolvierte, bekam ich Kontakt mit dem inzwischen verstorbenen Hilary Putnam, einem der bedeutendsten amerikanischen Philosophen des 20. Jahrhunderts. Ich fragte ihn, ob man im fortgeschrittenen Alter noch ein Philosophiestudium bestehen könne. Er antwortete spontan mit «Ja» und ermunterte mich dazu.

Wie erlebten Sie den Wechsel vom Direktor zum Studenten?

Eine gewisse Schwellenangst war schon da, aber für mich war es eine Frage der Einstellung: Hier an der Uni bin ich Student und habe Aufgaben zu erfüllen wie alle anderen auch. Ich musste übrigens noch vier Semester Latein absolvieren, weil mein Abschluss der Handelsschule an der Kantonsschule nicht als Matura galt.

Wussten die Kommilitonen, dass sie Bankier waren?

Ja, und das war überhaupt kein Problem. Im Gegenteil, einige Studenten wollten mehr wissen von mir und meiner Lebenserfahrung, sie machten Interviews mit mir im Rahmen von Bachelorarbeiten.

Nach dem Studium der Philosophie hängten Sie eines der Geschichte an und doktorierten darin. Warum?

Ich hatte Geschichte bereits in der Philosophie im Nebenfach studiert und dabei war bei mir das Thema Uhrenkrisen – es waren ja mehrere – immer präsent. Als dann eine meiner Seminararbeiten in der Wirtschaftsgeschichte bei Professor Joseph Jung für die 100. Ausgabe der Reihe «Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik» als Basis diente, hatte ich das Gefühl, so jetzt will ich die Uhrenkrisen aufarbeiten.

Rechneten Sie damit, dass Sie mit den Recherchen zwischen Fronten kommen würden?

Ein Stück weit schon, ja. Aber wenn ich mich davon hätte beeinflussen lassen, wär es nicht gut herausgekommen. Zudem hatte ich Erfahrung, denn als Bankier war ich immer wieder zwischen Fronten gestanden.

Man warf Ihnen vor, Sie stünden den Banken zu nahe und würden diese als alleinige Retter der Uhrenindustrie in den 1980er-Jahren darstellen.

Wer das Buch «Unruh» liest, stellt fest, dass ich die Rolle der Banken sehr wohl kritisch analysiert habe. Es ging mir mit der Dissertation nicht darum, zu erklären, wer Schuld hatte an den Krisen und wer der Retter war, sondern ich habe den Lauf der Uhrenindustriegeschichte und deren Krisen wissenschaftlich untersucht und die Daten und Fakten offengelegt.

Es gab doch aber schon verschiedene Publikationen dazu.

Ja, allerdings sind darin hauptsächlich einzelne Fragen aufgegriffen und oft nicht einmal beantwortet worden. Fakten und Ereignisse sind ohne weitere Nachforschungen in falsche Zusammenhänge gestellt worden. Für meine Dissertation habe ich fünf Jahre aufgewendet und einen ganzen Strauss von Fragen beantworten können. Es wird ihr attestiert, dass sie als Grundlage von weiteren Dissertationen dienen kann.

Werden Sie das Thema selber wieder aufgreifen?

Es ist nicht auszuschliessen. Material hätte ich noch reichlich, darunter sind Dokumente, die ich nicht verwenden durfte. Interessant wäre die Einflussnahme von Staat oder speziellen privaten Gruppierungen in die Industrie. So in dem Sinne, wie es der Bund im Jahre 1931 tat, als er sich am öffentlich-rechtlichen Uhrenkartell beteiligte. Auch Vergleiche zwischen den Interventionen in die Uhrenindustrie und den Eingriffen in andere Branchen wie zum Beispiel die Landwirtschaft oder die Käseherstellung in der Schweiz könnten sehr spannend sein. Sicher ist, dass ich weiterforsche, solange es meine Gesundheit erlaubt.

Noch eine persönliche Frage: Angenommen, Sie hätten zuerst Philosophie studiert und dann zur Bank gewechselt. Wären Sie ein anderer Bankier geworden?

Mit so einem Studium erweitert man ganz sicher seinen geistigen Horizont. Ich verstehe heute Verhaltensweisen und Zusammenhänge besser. Ob und wie weit mir das zugutekäme in der Bankenwelt, wie sie heute funktioniert, müsste sich weisen. Als Person bin ich aber, so weit ich das beurteilen kann, keine anderer geworden.

Der Knatsch der Geschichtsschreiber

Wer machte einst die Swatch gross und rettete somit auch die hiesige Uhrenindustrie?

Im Februar geschah in der Solothurner Zentralbibliothek etwas, was in diesem Umfeld sonst selten geschah: Es wurde ein wenig laut, als Historiker über die Schweizer Uhrenkrise der 1970er- und 1980er-Jahre diskutierten. Erstaunlich ist dies nicht: Es gibt in dieser Frage zwei Lager, die sich quasi unversöhnlich gegenüberstehen.

Die eine Seite ist überzeugt, dass sich die Banken und deren Berater Nicolas G. Hayek die spätere Swatch-Group günstig unter den Nagel gerissen hatten und dass die damaligen Swatch-Vorgängerkonzerne zumindest teilweise noch zu retten gewesen wären. Die andere Seite ist sicher, dass die beiden Konzerne Asuag und SSIH derart marode waren, dass ihr Untergang ohne das Handeln der Banken unausweichlich gewesen wäre.

Der Oekinger Bruno Bohlhalter ist einer, der in dieser Diskussion an vorderster Front mitredet. Er hat eine Dissertation zur Schweizer Uhrenindustrie im 20. Jahrhundert geschrieben, die nun in Buchform erhältlich ist.

Für Bohlhalter ist klar: Ohne Liquiditätshilfe hätten die Swatch-Vorgänger unweigerlich die Bilanz beim Richter deponieren und Konkurs anmelden müssen. Bohlhalter hat ein lesenswertes – und trotz der Fakten auch für den Laien gut lesbares – Buch geschrieben, das die Entwicklung der schweizerischen Uhrenindustrie ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verständlich und spannend nachzeichnet.

Bohlhalter beleuchtet die Rolle der Uhrenkartelle und die Auswirkungen staatlicher Intervention. Er zeichnet spannend nach, wie es zu den Krisen in den 1930er- und 1970er-Jahren kam und wie die spätere Krise mit der ersten zusammenhängt.
Bohlhalter war bis zu seiner Pensionierung im Bankwesen tätig, weshalb ihm die Gegenseite vorwirft, die Rolle der Banken zu wenig kritisch zu beleuchten. Tatsächlich aber profitiert das Buch vom Fachwissen des Autors.

Einem weniger bekannten Aspekt der Uhrenkrise möchte sich Bohlhalter künftig noch näher widmen, wie er gegenüber dieser Zeitung erklärt. Er vermutet, dass nicht die elektronischen Uhren der Japaner die Schweizer Uhrenindustrie in die Krise führten. Vielmehr hätten die Japaner die Schweizer auf dem Gebiet der Ankeruhren überholt. Seiko habe, so Bohlhalter, im Jahre 1975, nach zehnjähriger Forschung, ein Fliessband mit einem automatischen Montageprozess von über 1600 Meter Länge in Betrieb genommen.

«Die Produktionsdauer einer Uhr wurde im Mittel von 30 auf eineinhalb Tage reduziert», hält Bohlhalter fest. «Dieses System automatisierte 96 Prozent des Montageprozesses vollständig. Mehr als einen Drittel der Arbeitskräfte sparte man ein. Die Schweizer konnten diesem vollintegrierten System nichts Ebenbürtiges entgegenhalten.» Man darf also gespannt sein. (lfh)

Bruno Bohlhalter: Unruh.
Die schweizerische Uhrenindustrie
und ihre Krisen im 20. Jahrhundert,
Verlag NZZ Libro, 48 Franken.