Bundesasylzentrum
«Etwas menschlicher sein»: Deitingerin hilft bei Treffen für Asylsuchende mit

Erica Franz ist vielseitig aktiv: Die 60-Jährige ist oft unterwegs, einerseits als Reiselustige, andererseits als Spitzensportlerin. Aber auch in ihrem Dorf Deitingen hilft sie mit: Aktuell gehört sie etwa zu den Freiwiligen, die ein Treffen für Bewohnerinnen und Bewohner des Asylzentrums auf die Beine gestellt hat.

Noëlle Karpf
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Erica Franz, Freiwillige im Baschi Pfarreiheim in Deitingen.

Erica Franz, Freiwillige im Baschi Pfarreiheim in Deitingen.

Solothurner Zeitung

Bis vor Bundesgericht wurde es bekämpft, das Bundesasylzentrum in Deitingen. Erfolglos. Letzten Herbst wurde das Zentrum eröffnet – das tatsächlich auf Flumenthaler Boden steht, aber aufgrund seiner Lage «ännet» der Aare eben auch vor allem in Deitingen zu reden gab. «Das hat sich mittlerweile etwas gelegt», weiss Erica Franz über den Unmut in der Bevölkerung. «Aber es gibt schon noch Stimmen, die meinen: ‹die kriegen alles und müssen nichts dafür tun› – dabei dürfen sie ja gar nichts tun.»

Die Bewohnerinnen und Bewohner im Bundesasylzentrum können vorwiegend nämlich nur eines tun: Warten. Die unter 15-Jährigen werden zwar beschult. Ansonsten leben im Zentrum aber Menschen mit negativem Asylentscheid, Menschen im Dublin-Verfahren, die vor der Ausweisung in ein anders Land stehen, oder Menschen im Rekursverfahren, die schlechte Chancen auf einen positiven Entscheid haben.

Franz ist 60 Jahre alt, ursprünglich – hörbar – aus der Ostschweiz, verheiratet und Mutter von vier Kindern. Seit rund 30 Jahren lebt sie in Deitingen, seit rund 20 ist sie Präsidentin des Drittweltvereins im Dorf, der Projekte wie den Bau von Schulen oder Krankenhäusern in Drittweltländern unterstützt. Aktiv engagiert sich die gelernte medizinische Praxisassistentin auch für die Menschen im Bundesasylzentrum. Gemeinsam mit einer Hand voll Freiwilliger ist dieses Jahr ein Angebot ins Leben gerufen worden, das kurz darauf wieder auf Eis gelegt werden musste, wegen der Coronakrise.

Ängste nehmen – im Zentrum und im Dorf

Warten, Ungewissheit, Beschäftigungslosigkeit. Das schlägt aufs Gemüt. «Das stellen wir ja aufgrund der aktuellen Lage bei uns selber fest», so Franz. «Und wir sind in dieser Situation immerhin zu Hause.» Menschen im Asylzentrum nicht. Dieses sei zwar kein Gefängnis, so Franz, raus dürfen die Menschen aber nur zwischen 9 und 17 Uhr, und es gibt strikte Zutrittskontrollen. Etwas Abwechslung in diese Zeit bringen, Kontakte zur Welt ausserhalb des Zentrums schaffen, soll deshalb das «Baschi-Treff», das 2020 von Freiwilligen ins Leben gerufen worden ist.

Es soll regelmässig im Baschi – so heisst das Pfarreiheim in Deitingen – stattfinden. Zum ersten, und aufgrund der Coronakrise auch zum letzten Mal, wurde es am 11. März durchgeführt. Rund 50 der 60 Zentrumsbewohnenden kamen ins Dorf, sassen mit den Freiwilligen zusammen. Es gab Snacks von der Schweizer Tafel und von der Bäckerei Felber, die angeboten hat, jeweils zu spenden, was am Vortag nicht verkauft werden kann. Zwar bestehe eine Sprachbarriere, weil die meisten der Menschen aus dem Zentrum nur etwas Englisch können – wenn überhaupt. «Aber man kann auch mit Händen und Füssen irgendwie kommunizieren», erzählt Franz.

Wobei es auf Seiten der Freiwilligen noch etwas mehr Anwesende sein dürften, und die Verantwortlichen zudem hoffen, dass auch Einwohnerinnen und Einwohner von Deitingen bei künftigen Treffen vorbeischauen. Am Schluss soll nämlich nebst dem Zentrum auch das Dorf profitieren, wie die 60-Jährige erklärt. Ängste nehmen wolle man auf beiden Seiten, so dem eingangs erwähnten Widerstand entgegenwirken. Und gleichzeitig den Menschen des Zentrums zeigen, dass hier «keine Unmenschen leben», wie es Franz erklärt. So, wie dass auch ein Missionar getan habe, den die Reiselustige auf einer ihrer vielen Touren getroffen hat.

Auch Spitzensportlerin: Fallschirmzielspringerin

Mit der Familie war Franz nämlich schon oft unterwegs. Mehrmals auch schon in Afrika. «Mit dem Rucksack reisten wir dann wie Einheimische», mit mehr oder weniger pünktlichen Verkehrsmitteln. «Das half uns, mit den Menschen in Kontakt zu treten», sagt Franz lachend. Beeindruckt hat sie nebst besagtem Pfarrer, der missionierte – «aber nicht so herrisch bekehrend, wie man sich das vorstellt, sondern als Seelsorger, der einfach präsent ist» –, auch die Offenheit und Herzlichkeit der Menschen. «Auch bei uns hier könnten wir gut etwas menschlicher sein», findet Franz. Mit ihrem Engagement hoffe sie, «es birebizzeli» Menschlichkeit in die Gesellschaft zurückzugeben.

Eigentlich könnte sich die gelernte medizinische Praxisassistentin auch vorstellen, Asylsuchende zu betreuen. Hier kommt aber ein weiteres Einsatzgebiet der zierlichen, lebensvollen Frau in die Quere: Erica Franz ist auch Spitzensportlerin, für Training und Wettkämpfe oft unterwegs. Zusammen mit zwei ihrer Kinder und zwei weiteren Personen bildet sie die Schweizer Nationalmannschaft im Fallschirmzielspringen.

«Irrsinnig schön», beschreibt Franz diesen Sport. Es geht darum, nacheinander von einem Flugzeug aus 1000 Meter Höhe abzuspringen und bei der Ankunft auf der Erde mit dem Fuss möglichst in die Mitte einer Zielscheibe auf einer am Boden liegenden Matte zu treffen. Zweimal schon war Franz Vize-Weltmeisterin, einmal Vize-Europameisterin. Mehrmals im Jahr findet auch ein Weltcup statt, fast beiläufig erklärt Franz, dass sie diesen «auch schon» gewonnen hat. Eine Weltmeisterschaft ist aber nur alle zwei Jahre geplant, diesen Sommer hätte die nächste stattfinden sollen. Ob diese – angesichts der Coronakrise – durchgeführt werden kann, ist derzeit aber noch offen.

Ebenso ist unklar, wann die Freiwilligen aus Deitingen und Umgebung mit ihren Treffen im Baschi richtig starten können. Auch hier hofft Franz, dass es im Sommer weitergehen kann.
Hier können sich interessierte Freiwillige melden: sekretariat@pfarrei-deitingen.ch

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