Regierungsratswahlen

Esther Gassler: «Mein inneres Feuer brennt weiter»

Esther Gassler in ihrem Büro.

Esther Gassler in ihrem Büro.

Das Büro von Frau Landammann Esther Gassler im Solothurner Rathaus verbindet Tradition mit Moderne. Der Parkettboden knarrt, der übergrosse antike Schrank atmet Geschichte aus, die weissen USM-Regale stehen für zeitlose Eleganz.

«Hier fühle ich mich wohl», sagt sie und verweist speziell auf das Bild an der Wand hinter ihrem Bürostuhl. «Das Frauenporträt des Ostschweizer Künstlers Carl Liner habe ich vor acht Jahren von zu Hause mitgenommen. Das Bildnis verkörpert Kraft, es begleitet mich durch mein Leben als Politikerin.»

Keine wahltaktischen Spielchen

Wenn es nach der amtierenden Frau Landammann geht, soll das Bild sie für weitere vier Jahre begleiten. Zwar wirkt Gassler bereits seit acht Jahren als Volkswirtschaftsdirektorin, aber amtsmüde sei sie nicht. «Die Arbeit bereitet mir nach wie vor viel Freude. Das innere Feuer brennt weiter, der Motor läuft», legt sie ihr Innenleben offen. Und es tönt glaubhaft.

Die 61-jährige Frau wirkt lebhaft und voller Tatendrang. «Falls ich gewählt werde, werde ich weitere vier Jahre im Amt bleiben und nicht bei Halbzeit aussteigen. Wenn ich ja sage, dann meine ich ja», nimmt sie allfälligen Kritikern, wahltaktische Spielchen zu betreiben, den Wind aus den Segeln. Gleichzeitig macht sie klar, dass dies ihre letzte Kandidatur sein wird.

2005 schaffte Gassler den Sprung in die Regierung im zweiten Wahlgang, 2009 mit über 33 000 Stimmen bereits im Ersten. Und für 2013 gilt sie als Bisherige als gewählt. Sie widerspricht heftig. «Solche Aussagen sind gefährlich. Es werden viele Solothurnerinnen und Solothurner meinen Namen auf den Wahlzettel schreiben müssen. Keine Ausmarchung ist sicher.» Deshalb habe sie vor jeder Wahl Respekt und gehe diese «ernsthaft und demütig» an. Bei einer Wiederwahl würde sie die Volkswirtschaftsdirektion nur ungern aufgeben, gesteht sie ein.

Gewerkschaften sind unzufrieden

Das Departement umfasst zwar unterschiedlichste Bereiche, von der Wirtschaft, über Landwirtschaft, Militär, Energieversorgung, Gemeindewesen bis hin zum Wald und zur Jagd und Fischerei. Nach Aussen ist die Freisinnige aber klar als «Wirtschaftsministerin» positioniert. Das wird aber nicht überall so wahrgenommen. Gerade die Gewerkschaften werfen ihr im Zusammenhang mit den grossen Firmenschliessungen vor, sich zu wenig aktiv für die Wirtschaft, respektive für den Erhalt und Ausbau der Arbeitsplätze einzusetzen. Solche Kritik lasse sie nicht gleichgültig, sie nehme diese ernst. «Wir wollen beide dasselbe - möglichst viele Unternehmen und Arbeitsplätze im Kanton.»

Der Unterschied liege im Weg dahin. Die Gewerkschaften, so Gassler, möchten am liebsten keine Entlassungen akzeptieren und den Status quo erhalten. «Ich denke hingegen, es braucht eine hohe Flexibilität, um dem unvermeidbaren Strukturwandel zu begegnen. Strukturerhalt bringt letztlich niemandem etwas.» Ihre Aufgabe sei es zu schauen, dass dieser Wandel keine Brachen hinterlasse, sondern dort neues Leben wachsen könne. Aber Gassler bestreitet nicht, dass der Kanton gegenüber Entscheidungen in den Teppichetagen der Grosskonzerne machtlos ist.

Als gute Kommunikatorin wäre sie eigentlich prädestiniert, in wirtschaftlichen Krisensituationen an der Front den Betroffenen Mut zuzusprechen. Auch hier dringt das Bodenständige von Esther Gassler durch, die sich selbst als pragmatische Politikerin einstuft. «So weit es möglich ist, mache ich das. Und wir sorgen dafür, dass das soziale Netz für die Betroffenen hält. Aber es macht keinen Sinn, Versprechungen abzugeben, wenn ich weiss, dass ich sie nicht einlösen kann.»

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Esther Gassler

Keine Berührungsängste

Aber Berührungsängste kennt Gassler nicht. Fast im Tagesrhythmus ist sie unterwegs, besucht Firmen, hält Reden an unterschiedlichsten Veranstaltungen. Für Gassler ist das keine Qual oder Belastung, sondern das Gegenteil. «Es macht mir nach wie vor Freude, der Kontakt mit vielen Menschen entspricht meinem Naturell. Und ich will wissen, was an der Front läuft.» Ihre demonstrierte Nähe zur unternehmerischen und politischen Basis ist nicht Kalkül, sondern basiert auf Erfahrung. Vor ihrer Wahl in die Regierung war sie während fast 20 Jahren in der Führungsetage im familieneigenen Betrieb Gassler AG in Gretzenbach (Spezialistin für Oberflächentechnik), sie wirkte während acht Jahren als Gemeindepräsidenten von Schönenwerd und sie war Präsidentin der Solothurner Handelskammer.

Ihre politische Überzeugung gründet in einer Kombination von Eigenverantwortung und sozialer Verantwortung. «Es braucht eine gesunde Wirtschaft, die Mehrwert erschafft. Nur so ist der Aufbau eines sozialen Netzes für die weniger privilegierten Menschen möglich.» Warum aber FDP und zum Beispiel nicht CVP? «Ich bin zwar Katholikin, stamme aber aus einer FDP-Familie. Und der Solothurner Freisinn ist eine Unternehmerpartei, gepaart mit sozialer Verantwortung.»

«Wohlstand ist nicht gegeben»

Als Regierungsrätin bleibt - insbesondere im Landammannjahr - wenig Raum für Privates. «Ich muss mir Zeitinseln schaffen», sagt die dreifache Mutter und Grossmutter. Diese findet sie etwa auf Reisen gemeinsam mit ihrem Ehemann - meistens in kaum bekannte Destinationen, wie etwa kürzlich in die Ukraine. «Das ermöglicht mir eine andere Sicht der Dinge und relativiert unsere Sorgen.» Gleichzeitig werde bewusst, dass die vergleichsweise heile Welt Schweiz alles andere als selbstverständlich ist. «Der erarbeitete Wohlstand ist nicht gegeben. Wir müssen Sorge dazu tragen und Verantwortung dafür übernehmen.» Auch deshalb kandidiere sie nochmals.

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