Biberist

Eskaliert Streit am Tanzanlass? Tamilengruppe warnt vor Ausschreitungen

Ein Bild von einem vergangenen Tanzwettbewerb in Biberist. Auch dieses Wochenende findet er statt – trotz Streit um die Rechte am Wettbewerb.

Ein Bild von einem vergangenen Tanzwettbewerb in Biberist. Auch dieses Wochenende findet er statt – trotz Streit um die Rechte am Wettbewerb.

Tausende Tamilen kommen am Wochenende an ein Tanzfest in Biberist. Doch um die Organisation gibt es Streit. Hunderte Tamilen warnen nun den Regierungsrat per Unterschrift: Wird der Anlass nicht verboten, kommt es zu Gewalt. Die Polizei winkt ab. Die Organisatoren vermuten politische Gründe hinter der Aktion.

Ein aussergewöhnliches Schreiben hat in diesen Tagen das Solothurner Rathaus erreicht. Gegen zweihundert Tamilen haben sich beim Regierungsrat gemeldet. Sie warnen vehement vor einer Veranstaltung, die dieses Wochenende in Biberist stattfindet. Bis zu 4000 Tamilen werden dort zu einem Tanzwettbewerb erwartet, der seit bald 20 Jahren friedlich über die Bühne geht. Kinder aus der ganzen Schweiz haben monatelang dafür geübt. Aus dem Ausland werden professionelle tamilische Musiker eingeflogen.

Jetzt aber fordern die unterzeichnenden Tamilen die Regierung auf, «die Veranstaltung zu stoppen». Sie zeigen sich besorgt und warnen vor einer Spaltung der Tamilen im Kanton. Falls die Veranstaltung durchgeführt wird, könne es an den Ostertagen zu «grossen Auseinandersetzungen» kommen. Bereits gebe es bedrohliche Wortgefechte in den sozialen Medien.

Worum geht es? Gut ein Dutzend Gespräche hat diese Zeitung in den vergangenen Tagen geführt. Worum sich der Streit dreht, ist auch danach nicht ganz eruierbar. Klar ist: Es geht um Geld und um Einfluss. Und um grosse Gräben in der Solothurner Diaspora.

Unbestritten ist: Seit 1998 organisiert die Tamil Welfare Association den Tanzanlass in Biberist. Darüber hinaus setzt sich der Verein seit nunmehr 25 Jahren für die Integration von Tamilen ein, betreibt Sprachkurse und spendet für wohltätige Zwecke in der Heimat. Probleme gab es nie. Bis es 2015 zu einer Spaltung des Vereins kam. Heute beanspruchen zwei Vereine das Recht, als Tamil Welfare Association auftreten zu dürfen.

Geld für Prozesse?

Auf der einen Seite steht der Verein, der sich Tamil Welfare Association nennt. Vier Mitglieder haben sich mit dieser Zeitung zusammengesetzt und ihre Sichtweise erklärt. Ihre Namen möchten sie wegen möglicher Drohungen nicht in der Zeitung lesen.

Ihre Geschichte geht so: Zwei frühere Mitglieder des Vereins haben sich 2015 abgespalten und einen eigenen Verein gegründet, der nun Anspruch auf den Tanzanlass erhebt. «Sie haben es auf den Erlös abgesehen», sagt ein Vorstandsmitglied. Der Anlass wirft einen Gewinn ab von über 20'000 Franken.

Das Vorstandsmitglied wirft der Gegenseite vor, dem STCC nahezustehen. Dieser hatte, so berichten es diverse Medien, während des bis 2009 dauernden Bürgerkrieges für die Tamil Tigers Geld gesammelt – mit laut Berichten teils umstrittenen Mitteln. Im Juni beginnt dazu vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona ein grosser Prozess.

Die vier Vorstandsmitglieder vermuten, dass auch für solche Prozesse Geld benötigt werden könnte und die Gegenseite darum Anspruch auf den gewinnbringenden Tanzanlass erhebt. «Wir wollen unser Geld aber spenden und nicht für Anwälte ausgeben», sagen sie. Ihr vordringliches Ziel: Die Integration von Tamilen in der Schweiz und die Pflege der eigenen Kultur. Schweizer und Tamilen sollen sich gegenseitig besser verstehen.

Den Anhängern des STCC werfen die vier Vorstandsmitglieder ein dominantes Auftreten vor – bis hin zu Anrufen und dem Klingeln an Haustüren. «Sie reissen Projekte an sich. Sie haben das Gefühl, ihnen gehört alles. Wer ihnen nicht folgt, wird als Landesverräter abgestempelt.»

Eine kleine Gruppe versuche, schweizweit Einfluss zu gewinnen. Dem habe sich der Verein aber erfolgreich widersetzt. Bisher seien schon mehrere Versuche der Gegenseite, im Kanton Einfluss zu gewinnen, gescheitert. «Wir wollen nicht in der Schweiz politisieren», sagt ein Vorstandsmitglied und ruft zur Einheit auf: «Wir sind alles Tamilen und wir haben dieselben Ziele.»

Auch aus seiner Familie seien Verwandte im Bürgerkrieg gestorben. Auch sein Anliegen sei es, dass Kriegsverbrechen aufgedeckt würden und die Welt davon erfahre. Durch den Streit aber würden nur die Kinder und die jungen Frauen gestraft, die monatelang für den Tanzwettbewerb geübt hätten. Konkreter wird die politische Differenz für Aussenstehende nicht fassbar.

«Reine Ego-Probleme»

Die andere Seite vertritt Lathan Suntharalingam. Er will von einer politischen Auseinandersetzung nichts wissen. «Es geht um einen Machtkampf im Verein. Das sind reine Ego-Probleme», sagt er.

Aus Sicht dieser Seite geht es bei der Spaltung der Tamil Welfare Association um die Frage, ob alle Gelder vor der Spaltung rechtmässig verwendet worden sind, um den Vorwurf der Urkundenfälschung und das unrechtmässige Kapern des Vereins mittels Eintrag im Handelsregister - ohne dafür ein Protokoll der Generalversammlung vorlegen zu können. Auch Suntharalingam ruft zur Einheit auf. «Wenn wir uns öffentlich streiten, spielt dies dem rechtsbürgerlichen Lager in die Hände.»

Sicherheit verstärkt

Die Unruhe um den Anlass hat in den Reihen der Organisatoren ein ungutes Gefühl hinterlassen. «Wir haben Angst», sagt die Tamil Welfare Association. Die Sicherheitsmassnahmen seien verstärkt worden, mit Polizei und Behörden sei man in Kontakt. «Das hatten wir in den letzten 19 Jahren noch nie.» Bei der Polizei geht man allerdings von keinen Problemen aus.

Wer den rechtmässigen Anspruch auf den Verein hat, muss demnächst ein Solothurner Gericht klären. Beide Parteien sind überzeugt, vor Gericht Recht zu erhalten. Sie vertrauen voll und ganz auf die Kraft des Schweizer Rechtsstaates.

Ein erster Entscheid ist am Mittwoch Mittag bereits gefallen. Das Amtsgericht Solothurn-Lebern hat entschieden, dass die Veranstaltung stattfinden kann und eine zuerst superprovisorisch eingereichte Klage abgelehnt. In dieser hatte diejenige Gruppe, die sich abgespalten hat, versucht, den Anlass zu stoppen, da angeblich ihr die Rechte am Anlass gehören.

Regierung greift nicht ein

Inzwischen hat auch Polizeidirektor Peter Gomm auf das Schreiben geantwortet. «Das Nebeneinander von Vereinigungen mit unterschiedlichen, teilweise gegensätzlichen Interessen ist ein wesentlicher Aspekt schweizerischer Tradition», mahnt der SP-Regierungsrat. «Gegenseitige Verunglimpfungen sind mit dieser Tradition nicht vereinbar.»

Aus Sicht der Organisatoren ist das Schreiben an den Regierungsrat von den Gegnern inszeniert worden, um dem Anlass zu schaden. Viele Tamilen hätten nicht gewusst, was sie unterschreiben. Dem widerspricht Amuthanilaa Johnrajan. Die Vertreterin der Unterzeichner sagt: «Es stört uns, dass der Verein gespalten ist.» Johnrajan betont: Die Unterschriftensammlung sei neutral erfolgt.

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